nachtheilig ist; so können und müssen sie bleiben.
Ja! aber beweise, daß sie ihm nutzen! Der Franzose leugnet schlechterdings, daß sie ihm Freiheit und Hülfsmittel verschaffen: und denn beweise auch, daß sie dem Weltweisen nicht schaden: sonst muß man einen kleinern Nutzen dem größern aufopfern. Jch will es versuchen.
Jch fange vom leichtesten an. Das Ohr will einen Perioden, der es durch seinen Wohl- klang füllet, der gnug abwechselt, und nicht zu oft wiederkommet. Kann dies eine Rede ohne Jnversionen erreichen? Schwerlich! ein Periode schließt sich, wie der andre, wenn er seine Meinung gesagt hat; das stolze Ohr wird durch einerlei Cadencen gequält: es em- pfindet es, die Jnversionen in der Sprache sind eben so nöthig, als das Unebenmaaß in der Malerei, und in der Musik der Mißlaut. Die Französische Sprache hat ja noch immer viele Jnversionen -- und doch wird ein Griechisches Ohr in ihrem Poetischen und gewöhnlichen Prosaischen eine große Monotonie bemerken, die oft bei dem leztern d[en] Constructionen un- sers Canzleist[il]s gleicht.
Dies
nachtheilig iſt; ſo koͤnnen und muͤſſen ſie bleiben.
Ja! aber beweiſe, daß ſie ihm nutzen! Der Franzoſe leugnet ſchlechterdings, daß ſie ihm Freiheit und Huͤlfsmittel verſchaffen: und denn beweiſe auch, daß ſie dem Weltweiſen nicht ſchaden: ſonſt muß man einen kleinern Nutzen dem groͤßern aufopfern. Jch will es verſuchen.
Jch fange vom leichteſten an. Das Ohr will einen Perioden, der es durch ſeinen Wohl- klang fuͤllet, der gnug abwechſelt, und nicht zu oft wiederkommet. Kann dies eine Rede ohne Jnverſionen erreichen? Schwerlich! ein Periode ſchließt ſich, wie der andre, wenn er ſeine Meinung geſagt hat; das ſtolze Ohr wird durch einerlei Cadencen gequaͤlt: es em- pfindet es, die Jnverſionen in der Sprache ſind eben ſo noͤthig, als das Unebenmaaß in der Malerei, und in der Muſik der Mißlaut. Die Franzoͤſiſche Sprache hat ja noch immer viele Jnverſionen — und doch wird ein Griechiſches Ohr in ihrem Poetiſchen und gewoͤhnlichen Proſaiſchen eine große Monotonie bemerken, die oft bei dem leztern d[en] Conſtructionen un- ſers Canzleiſt[il]s gleicht.
Dies
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nachtheilig iſt; ſo koͤnnen und muͤſſen ſie
bleiben.
Ja! aber beweiſe, daß ſie ihm nutzen! Der
Franzoſe leugnet ſchlechterdings, daß ſie ihm
Freiheit und Huͤlfsmittel verſchaffen: und denn
beweiſe auch, daß ſie dem Weltweiſen nicht
ſchaden: ſonſt muß man einen kleinern Nutzen
dem groͤßern aufopfern. Jch will es verſuchen.
Jch fange vom leichteſten an. Das Ohr
will einen Perioden, der es durch ſeinen Wohl-
klang fuͤllet, der gnug abwechſelt, und nicht zu
oft wiederkommet. Kann dies eine Rede ohne
Jnverſionen erreichen? Schwerlich! ein
Periode ſchließt ſich, wie der andre, wenn er
ſeine Meinung geſagt hat; das ſtolze Ohr
wird durch einerlei Cadencen gequaͤlt: es em-
pfindet es, die Jnverſionen in der Sprache ſind
eben ſo noͤthig, als das Unebenmaaß in der
Malerei, und in der Muſik der Mißlaut. Die
Franzoͤſiſche Sprache hat ja noch immer viele
Jnverſionen — und doch wird ein Griechiſches
Ohr in ihrem Poetiſchen und gewoͤhnlichen
Proſaiſchen eine große Monotonie bemerken,
die oft bei dem leztern den Conſtructionen un-
ſers Canzleiſtils gleicht.
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 104. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/108>, abgerufen am 11.09.2024.
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