Dies gienge endlich wohl noch hin -- aber der Schriftsteller, der fürs Auge, für die Einbildungskraft schreibt, der durch die Ein- bildungskraft, Aufmerksamkeit, Empfindung, ja öfters Leidenschaft erregen will -- der braucht sie nothwendiger. Er malet der Einbildungs- kraft ein Gemälde hin, wo jedes Wort von seinem Orte Schönheit erhält -- und die Ord- nung der Phantasie ist doch gewiß nicht die Ordnung der kalten Vernunft. Diese Jn- version ist, um die Aufmerksamkeit zu erregen, jene, um sie zu erhalten; diese überraschet, jene beweget die ganze Seele: diese gehört zum Hinterhalt, um unversehens hervor zu brechen; jene gehören zur Schlachtordnung, daß jedes Wort an seinem Orte trift, und in seinem Lichte erscheint. Hiedurch bekommt die Prose Munterkeit, die Poesie Feuer; und die muntern Franzosen haben es bis zur mun- tern Prose des Umganges gebracht; und die Jnversionen, die sich unsre gute Poeten haben erlauben können; gehören mit zur Deutschen Freiheit. *
Aber
* Litter. Br. Th. 16. p. 8.
G 5
Dies gienge endlich wohl noch hin — aber der Schriftſteller, der fuͤrs Auge, fuͤr die Einbildungskraft ſchreibt, der durch die Ein- bildungskraft, Aufmerkſamkeit, Empfindung, ja oͤfters Leidenſchaft erregen will — der braucht ſie nothwendiger. Er malet der Einbildungs- kraft ein Gemaͤlde hin, wo jedes Wort von ſeinem Orte Schoͤnheit erhaͤlt — und die Ord- nung der Phantaſie iſt doch gewiß nicht die Ordnung der kalten Vernunft. Dieſe Jn- verſion iſt, um die Aufmerkſamkeit zu erregen, jene, um ſie zu erhalten; dieſe uͤberraſchet, jene beweget die ganze Seele: dieſe gehoͤrt zum Hinterhalt, um unverſehens hervor zu brechen; jene gehoͤren zur Schlachtordnung, daß jedes Wort an ſeinem Orte trift, und in ſeinem Lichte erſcheint. Hiedurch bekommt die Proſe Munterkeit, die Poeſie Feuer; und die muntern Franzoſen haben es bis zur mun- tern Proſe des Umganges gebracht; und die Jnverſionen, die ſich unſre gute Poeten haben erlauben koͤnnen; gehoͤren mit zur Deutſchen Freiheit. *
Aber
* Litter. Br. Th. 16. p. 8.
G 5
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Dies gienge endlich wohl noch hin — aber
der Schriftſteller, der fuͤrs Auge, fuͤr die
Einbildungskraft ſchreibt, der durch die Ein-
bildungskraft, Aufmerkſamkeit, Empfindung, ja
oͤfters Leidenſchaft erregen will — der braucht
ſie nothwendiger. Er malet der Einbildungs-
kraft ein Gemaͤlde hin, wo jedes Wort von
ſeinem Orte Schoͤnheit erhaͤlt — und die Ord-
nung der Phantaſie iſt doch gewiß nicht die
Ordnung der kalten Vernunft. Dieſe Jn-
verſion iſt, um die Aufmerkſamkeit zu erregen,
jene, um ſie zu erhalten; dieſe uͤberraſchet,
jene beweget die ganze Seele: dieſe gehoͤrt
zum Hinterhalt, um unverſehens hervor zu
brechen; jene gehoͤren zur Schlachtordnung,
daß jedes Wort an ſeinem Orte trift, und in
ſeinem Lichte erſcheint. Hiedurch bekommt
die Proſe Munterkeit, die Poeſie Feuer; und
die muntern Franzoſen haben es bis zur mun-
tern Proſe des Umganges gebracht; und die
Jnverſionen, die ſich unſre gute Poeten haben
erlauben koͤnnen; gehoͤren mit zur Deutſchen
Freiheit. *
Aber
* Litter. Br. Th. 16. p. 8.
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 105. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/109>, abgerufen am 11.09.2024.
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