erstreckt, bis auf die schönste Blumenlese der Dichtkunst: von der Züchtigung elen- der Uebersezzer nach der Grammatik und dem Wörterbuch bis zu den tiefsten Be- merkungen über die Sprache: von der Tropologie bis zu den Höhen, die nur das Sonnenpferd der Einbildungskraft auf Flügeln der Aurore erreicht: von den Handwerkssystemen bis zu den Jdeen des Plato und Leibniz, deren jede, wie ein Sonnenstral, siebenfarbichtes Licht ent- hält: Sprache, Geschmackswissenschaf- ten, Geschichte und Weltweisheit sind die vier Ländereien der Litteratur, die ge- meinschaftlich sich zur Stärke dienen, und beinahe unzertrennlich sind.
So theile man alsdenn die Arbeit? -- Nur theile man sie recht, lenke sie recht zusammen, und habe stets das Ganze im Auge. Ein wahrer Kunstrichter in sol- chem Journal muß nicht Bücher, sondern den Geist beurtheilen, sie mit ihren Schwä- chen und Größen gegen einander abwägen, und nicht ihr System sondern ihr Urbild verbessern. So lange man nicht Jdeen
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erſtreckt, bis auf die ſchoͤnſte Blumenleſe der Dichtkunſt: von der Zuͤchtigung elen- der Ueberſezzer nach der Grammatik und dem Woͤrterbuch bis zu den tiefſten Be- merkungen uͤber die Sprache: von der Tropologie bis zu den Hoͤhen, die nur das Sonnenpferd der Einbildungskraft auf Fluͤgeln der Aurore erreicht: von den Handwerksſyſtemen bis zu den Jdeen des Plato und Leibniz, deren jede, wie ein Sonnenſtral, ſiebenfarbichtes Licht ent- haͤlt: Sprache, Geſchmackswiſſenſchaf- ten, Geſchichte und Weltweisheit ſind die vier Laͤndereien der Litteratur, die ge- meinſchaftlich ſich zur Staͤrke dienen, und beinahe unzertrennlich ſind.
So theile man alsdenn die Arbeit? — Nur theile man ſie recht, lenke ſie recht zuſammen, und habe ſtets das Ganze im Auge. Ein wahrer Kunſtrichter in ſol- chem Journal muß nicht Buͤcher, ſondern den Geiſt beurtheilen, ſie mit ihren Schwaͤ- chen und Groͤßen gegen einander abwaͤgen, und nicht ihr Syſtem ſondern ihr Urbild verbeſſern. So lange man nicht Jdeen
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[9/0013]
erſtreckt, bis auf die ſchoͤnſte Blumenleſe
der Dichtkunſt: von der Zuͤchtigung elen-
der Ueberſezzer nach der Grammatik und
dem Woͤrterbuch bis zu den tiefſten Be-
merkungen uͤber die Sprache: von der
Tropologie bis zu den Hoͤhen, die nur das
Sonnenpferd der Einbildungskraft auf
Fluͤgeln der Aurore erreicht: von den
Handwerksſyſtemen bis zu den Jdeen des
Plato und Leibniz, deren jede, wie ein
Sonnenſtral, ſiebenfarbichtes Licht ent-
haͤlt: Sprache, Geſchmackswiſſenſchaf-
ten, Geſchichte und Weltweisheit ſind
die vier Laͤndereien der Litteratur, die ge-
meinſchaftlich ſich zur Staͤrke dienen, und
beinahe unzertrennlich ſind.
So theile man alsdenn die Arbeit? —
Nur theile man ſie recht, lenke ſie recht
zuſammen, und habe ſtets das Ganze im
Auge. Ein wahrer Kunſtrichter in ſol-
chem Journal muß nicht Buͤcher, ſondern
den Geiſt beurtheilen, ſie mit ihren Schwaͤ-
chen und Groͤßen gegen einander abwaͤgen,
und nicht ihr Syſtem ſondern ihr Urbild
verbeſſern. So lange man nicht Jdeen
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/13>, abgerufen am 11.09.2024.
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