Und für das Theater? Es kann sich die- ser Vers so Prosaisch als möglich machen; und dies ist in den ersten Auftritten nöthig, wo das Sylbenmaas oft unleidlich wird. Er kann sich aber auch hernach zum höch- sten Tragischen Affekt erheben, und dem Brau- sen des Sturmes nachahmen, der im Virgil auf den Wogen reitet. Er kann die Thea- tergemälde beleben, die Diderot will, und kann die heftigen kurzen Doppelgespräche fül- len, die die Alten auf ihren Bühnen so sehr liebten, und die bei uns so sehr ausarten (auch vielleicht des Sylbenmaaßes wegen), daß bei Franzosen und ihren Nachahmern, den Deutschen, ein Wort, das den Vers un- vermuthet schließen soll, aber oft durch ei- nige gedehnte Verse deutlich gnug zu erra- then gegeben wird, ein besonderes Kunststück ist. Das Jch, oder Du, oder Nein! u. s. w. das alsdenn so hergeschraubt wird, gehört in ein Epigramm, nicht in ein Trauerspiel.
Wenn nun in diesem Sylbenmaas so viel Schazz von Sprache, Leidenschaft, Einbil- dungskraft und Musik liegt; so muß es auch ein Muster der Deklamation seyn. Lies ei-
ne
Und fuͤr das Theater? Es kann ſich die- ſer Vers ſo Proſaiſch als moͤglich machen; und dies iſt in den erſten Auftritten noͤthig, wo das Sylbenmaas oft unleidlich wird. Er kann ſich aber auch hernach zum hoͤch- ſten Tragiſchen Affekt erheben, und dem Brau- ſen des Sturmes nachahmen, der im Virgil auf den Wogen reitet. Er kann die Thea- tergemaͤlde beleben, die Diderot will, und kann die heftigen kurzen Doppelgeſpraͤche fuͤl- len, die die Alten auf ihren Buͤhnen ſo ſehr liebten, und die bei uns ſo ſehr ausarten (auch vielleicht des Sylbenmaaßes wegen), daß bei Franzoſen und ihren Nachahmern, den Deutſchen, ein Wort, das den Vers un- vermuthet ſchließen ſoll, aber oft durch ei- nige gedehnte Verſe deutlich gnug zu erra- then gegeben wird, ein beſonderes Kunſtſtuͤck iſt. Das Jch, oder Du, oder Nein! u. ſ. w. das alsdenn ſo hergeſchraubt wird, gehoͤrt in ein Epigramm, nicht in ein Trauerſpiel.
Wenn nun in dieſem Sylbenmaas ſo viel Schazz von Sprache, Leidenſchaft, Einbil- dungskraft und Muſik liegt; ſo muß es auch ein Muſter der Deklamation ſeyn. Lies ei-
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Und fuͤr das Theater? Es kann ſich die-
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und dies iſt in den erſten Auftritten noͤthig,
wo das Sylbenmaas oft unleidlich wird.
Er kann ſich aber auch hernach zum hoͤch-
ſten Tragiſchen Affekt erheben, und dem Brau-
ſen des Sturmes nachahmen, der im Virgil
auf den Wogen reitet. Er kann die Thea-
tergemaͤlde beleben, die Diderot will, und
kann die heftigen kurzen Doppelgeſpraͤche fuͤl-
len, die die Alten auf ihren Buͤhnen ſo ſehr
liebten, und die bei uns ſo ſehr ausarten
(auch vielleicht des Sylbenmaaßes wegen),
daß bei Franzoſen und ihren Nachahmern,
den Deutſchen, ein Wort, das den Vers un-
vermuthet ſchließen ſoll, aber oft durch ei-
nige gedehnte Verſe deutlich gnug zu erra-
then gegeben wird, ein beſonderes Kunſtſtuͤck
iſt. Das Jch, oder Du, oder Nein! u. ſ. w.
das alsdenn ſo hergeſchraubt wird, gehoͤrt
in ein Epigramm, nicht in ein Trauerſpiel.
Wenn nun in dieſem Sylbenmaas ſo viel
Schazz von Sprache, Leidenſchaft, Einbil-
dungskraft und Muſik liegt; ſo muß es auch
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 130. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/134>, abgerufen am 11.09.2024.
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