den, und mancher ein Hyp-Hypochondrist ist, um ein Philosoph zu seyn. Diesem Herrn rufen wir doch endlich zu:
Jch wußt es wohl, daß es ein - - - war.
Oder es sind wirkliche Ursachen der Dun- kelheit, die an dem Verfasser liegen: und die- se sind: die Dunkelheit seiner Begriffe selbst: die kann man meistens, zehn gegen eins, angeben, wenn auch dem Ganzen des Werks Anlage, und der Bestimmung der Jdeen Genauigkeit fehlt:
Cui lecta potenter erit res, Non facundia deseret hunc, nec lucidus ordo.
Alles dies entspringt alsdenn aus einer Quelle: man sieht den Geist des Verfassers, in dem, wie im Chaos des Ovids noch die Elemente der Jdeen, in einiger harmonischen Uneinigkeit schlummern, und in einer uneini- gen Harmonie sich zur Bildung drängen. Jst ein solcher Schriftsteller noch ein junges Genie, so ist es nicht zu verwundern. Es ist ein Blinder, der noch Menschen als Bäu- me sieht: der Kunstrichter versuche die ge- duldige Cur, seine Augen zum Licht zu ge-
wöh-
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den, und mancher ein Hyp-Hypochondriſt iſt, um ein Philoſoph zu ſeyn. Dieſem Herrn rufen wir doch endlich zu:
Jch wußt es wohl, daß es ein ‒ ‒ ‒ war.
Oder es ſind wirkliche Urſachen der Dun- kelheit, die an dem Verfaſſer liegen: und die- ſe ſind: die Dunkelheit ſeiner Begriffe ſelbſt: die kann man meiſtens, zehn gegen eins, angeben, wenn auch dem Ganzen des Werks Anlage, und der Beſtimmung der Jdeen Genauigkeit fehlt:
Cui lecta potenter erit res, Non facundia deſeret hunc, nec lucidus ordo.
Alles dies entſpringt alsdenn aus einer Quelle: man ſieht den Geiſt des Verfaſſers, in dem, wie im Chaos des Ovids noch die Elemente der Jdeen, in einiger harmoniſchen Uneinigkeit ſchlummern, und in einer uneini- gen Harmonie ſich zur Bildung draͤngen. Jſt ein ſolcher Schriftſteller noch ein junges Genie, ſo iſt es nicht zu verwundern. Es iſt ein Blinder, der noch Menſchen als Baͤu- me ſieht: der Kunſtrichter verſuche die ge- duldige Cur, ſeine Augen zum Licht zu ge-
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den, und mancher ein Hyp-Hypochondriſt iſt,
um ein Philoſoph zu ſeyn. Dieſem Herrn
rufen wir doch endlich zu:
Jch wußt es wohl, daß es ein ‒ ‒ ‒ war.
Oder es ſind wirkliche Urſachen der Dun-
kelheit, die an dem Verfaſſer liegen: und die-
ſe ſind: die Dunkelheit ſeiner Begriffe
ſelbſt: die kann man meiſtens, zehn gegen
eins, angeben, wenn auch dem Ganzen des
Werks Anlage, und der Beſtimmung der
Jdeen Genauigkeit fehlt:
Cui lecta potenter erit res,
Non facundia deſeret hunc, nec lucidus ordo.
Alles dies entſpringt alsdenn aus einer
Quelle: man ſieht den Geiſt des Verfaſſers,
in dem, wie im Chaos des Ovids noch die
Elemente der Jdeen, in einiger harmoniſchen
Uneinigkeit ſchlummern, und in einer uneini-
gen Harmonie ſich zur Bildung draͤngen.
Jſt ein ſolcher Schriftſteller noch ein junges
Genie, ſo iſt es nicht zu verwundern. Es
iſt ein Blinder, der noch Menſchen als Baͤu-
me ſieht: der Kunſtrichter verſuche die ge-
duldige Cur, ſeine Augen zum Licht zu ge-
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 137. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/141>, abgerufen am 11.09.2024.
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