den wurde, die Kunst der Alten zu erklären. Jch führe es nicht an, wie er die besten Blü- then jeder Antiken Schönheit in seine Seele gesammlet: wie er hier unter Schriften, dort unter Denkmälern sein Auge und seinen Geist gebildet: wie er seine Werke, so wie Raphael seine Gemälde, mit Feuer entwarf, und mit einem glücklichen Phlegma vollendete: wie er eine Systematische Geschichte unter Ruinen und Ueberbleibseln liefern konnte: sondern ich muß mich hier blos auf die Schreibart einschrän- ken. So wie die Attischen Jünglinge an dem Altar der Pallas Aglavros ihrem Va- terlande den Eid der Liebe schwuren: so hat die Muse auch auf seine Schriften geschrie- ben: dem Vaterlande geweihet. Wenn ich mir zum Gebäude des Körpers die weise Ein- falt des Sokrates, des Lehrers der Gratie denke, wenn ich diesem Körper das Gewand der Natur von dem einen Schüler des So- krates, dem Xenophon, und ihm von dem andern, die Flügel hoher Jdeen gebe: so ste- het ein Bild vor mir, als wenn es die Muse der Winkelmannischen Schriften wäre. Ein- fältig im Vortrage: natürlich in der Aus-
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den wurde, die Kunſt der Alten zu erklaͤren. Jch fuͤhre es nicht an, wie er die beſten Bluͤ- then jeder Antiken Schoͤnheit in ſeine Seele geſammlet: wie er hier unter Schriften, dort unter Denkmaͤlern ſein Auge und ſeinen Geiſt gebildet: wie er ſeine Werke, ſo wie Raphael ſeine Gemaͤlde, mit Feuer entwarf, und mit einem gluͤcklichen Phlegma vollendete: wie er eine Syſtematiſche Geſchichte unter Ruinen und Ueberbleibſeln liefern konnte: ſondern ich muß mich hier blos auf die Schreibart einſchraͤn- ken. So wie die Attiſchen Juͤnglinge an dem Altar der Pallas Aglavros ihrem Va- terlande den Eid der Liebe ſchwuren: ſo hat die Muſe auch auf ſeine Schriften geſchrie- ben: dem Vaterlande geweihet. Wenn ich mir zum Gebaͤude des Koͤrpers die weiſe Ein- falt des Sokrates, des Lehrers der Gratie denke, wenn ich dieſem Koͤrper das Gewand der Natur von dem einen Schuͤler des So- krates, dem Xenophon, und ihm von dem andern, die Fluͤgel hoher Jdeen gebe: ſo ſte- het ein Bild vor mir, als wenn es die Muſe der Winkelmanniſchen Schriften waͤre. Ein- faͤltig im Vortrage: natuͤrlich in der Aus-
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den wurde, die Kunſt der Alten zu erklaͤren.
Jch fuͤhre es nicht an, wie er die beſten Bluͤ-
then jeder Antiken Schoͤnheit in ſeine Seele
geſammlet: wie er hier unter Schriften, dort
unter Denkmaͤlern ſein Auge und ſeinen Geiſt
gebildet: wie er ſeine Werke, ſo wie Raphael
ſeine Gemaͤlde, mit Feuer entwarf, und mit
einem gluͤcklichen Phlegma vollendete: wie er
eine Syſtematiſche Geſchichte unter Ruinen und
Ueberbleibſeln liefern konnte: ſondern ich muß
mich hier blos auf die Schreibart einſchraͤn-
ken. So wie die Attiſchen Juͤnglinge an
dem Altar der Pallas Aglavros ihrem Va-
terlande den Eid der Liebe ſchwuren: ſo hat
die Muſe auch auf ſeine Schriften geſchrie-
ben: dem Vaterlande geweihet. Wenn ich
mir zum Gebaͤude des Koͤrpers die weiſe Ein-
falt des Sokrates, des Lehrers der Gratie
denke, wenn ich dieſem Koͤrper das Gewand
der Natur von dem einen Schuͤler des So-
krates, dem Xenophon, und ihm von dem
andern, die Fluͤgel hoher Jdeen gebe: ſo ſte-
het ein Bild vor mir, als wenn es die Muſe
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 145. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/149>, abgerufen am 11.09.2024.
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