gesichtspunkt betrachtet sind, ja von de- nen man gar nur ein allgemeines, und einseitiges Urtheil fällen konnte; weil es in einer allgemeinen Bibliothek stehen sollte. Auf die Art bildet man unvollkommene Polyhistors, aber keine Pansophen der Litteratur: das Werk wird ungleich, und mangelhaft: ex omnibus aliquid, ex toto nihil. Man sieht es jedem Recen- senten an, daß er uns mehr sagen konnte; allein um des Allgemeinen willen muste er sich in der Gottesgelahrtheit auf Tole- ranzpredigten, in der Arznei- und Rechts- lehre auf die Gränzen dieser Wissenschaf- ten, und in der Aesthetik auf Auszüge einschränken.
Gewiß! Recensionen allein, machen noch keine allgemeine Bibliothek aus; Vergleichungen und Aussichten, Beob- achtungen über Fehler und Tugenden, diese karakterisiren den hohen kritischen Geist, der zum Bibliothekar einer Nation gehört. Das ganze Bild der himmlischen Göttin lebte stets in der Seele des Zev[x]es, da er von seinen irrdischen Göttinnen Reize
borg-
geſichtspunkt betrachtet ſind, ja von de- nen man gar nur ein allgemeines, und einſeitiges Urtheil faͤllen konnte; weil es in einer allgemeinen Bibliothek ſtehen ſollte. Auf die Art bildet man unvollkommene Polyhiſtors, aber keine Panſophen der Litteratur: das Werk wird ungleich, und mangelhaft: ex omnibus aliquid, ex toto nihil. Man ſieht es jedem Recen- ſenten an, daß er uns mehr ſagen konnte; allein um des Allgemeinen willen muſte er ſich in der Gottesgelahrtheit auf Tole- ranzpredigten, in der Arznei- und Rechts- lehre auf die Graͤnzen dieſer Wiſſenſchaf- ten, und in der Aeſthetik auf Auszuͤge einſchraͤnken.
Gewiß! Recenſionen allein, machen noch keine allgemeine Bibliothek aus; Vergleichungen und Ausſichten, Beob- achtungen uͤber Fehler und Tugenden, dieſe karakteriſiren den hohen kritiſchen Geiſt, der zum Bibliothekar einer Nation gehoͤrt. Das ganze Bild der himmliſchen Goͤttin lebte ſtets in der Seele des Zev[x]es, da er von ſeinen irrdiſchen Goͤttinnen Reize
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[12/0016]
geſichtspunkt betrachtet ſind, ja von de-
nen man gar nur ein allgemeines, und
einſeitiges Urtheil faͤllen konnte; weil es in
einer allgemeinen Bibliothek ſtehen ſollte.
Auf die Art bildet man unvollkommene
Polyhiſtors, aber keine Panſophen der
Litteratur: das Werk wird ungleich,
und mangelhaft: ex omnibus aliquid, ex
toto nihil. Man ſieht es jedem Recen-
ſenten an, daß er uns mehr ſagen konnte;
allein um des Allgemeinen willen muſte
er ſich in der Gottesgelahrtheit auf Tole-
ranzpredigten, in der Arznei- und Rechts-
lehre auf die Graͤnzen dieſer Wiſſenſchaf-
ten, und in der Aeſthetik auf Auszuͤge
einſchraͤnken.
Gewiß! Recenſionen allein, machen
noch keine allgemeine Bibliothek aus;
Vergleichungen und Ausſichten, Beob-
achtungen uͤber Fehler und Tugenden, dieſe
karakteriſiren den hohen kritiſchen Geiſt,
der zum Bibliothekar einer Nation gehoͤrt.
Das ganze Bild der himmliſchen Goͤttin
lebte ſtets in der Seele des Zevxes, da er
von ſeinen irrdiſchen Goͤttinnen Reize
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 12. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/16>, abgerufen am 11.09.2024.
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