mehr als eine äußere Mathematische Lehrart verstehet, so wird jeder seine Entschuldigung für Wahrheit annehmen. Jugendliche Ein- kleidungen in Briefe, und Gespräche; die Episoden in den Briefen, und die fremden Eingänge in den Gesprächen: scheint mir ein Putz, den die Philosophische Würde nicht braucht. Denkende Leser führt er von der Betrachtung der Wahrheit selbst ab: sie müs- sen sich von den Spazziergängen nachher wie- der zurück finden: und wer blos wegen die- ser Einkleidungen lieset -- für den hat Mo- ses nicht geschrieben: eine Braut blos wegen ihres Putzes lieben, ist lächerlich. Der Weise sehe seinen Gegenstand so helle als Moses; er zeige ihn im rechten Gesichtspunkte, er lei- te die Jdeen natürlich fort, er habe die Er- läuterungen, und die Sprache in seiner Ge- walt: so wird eine simple Abhandlung draus werden, ohne Trockenheit und fremden Schmuck; sie wird ihren ganzen Zweck er- reichen, einem Leser, der Wahrheit sucht und liebt, ohne Zwang und Umwege, ein Geleits- mann zu seyn -- wozu? nicht zu lernen, son- dern selbst zu denken. So sind die Abhand-
lun-
mehr als eine aͤußere Mathematiſche Lehrart verſtehet, ſo wird jeder ſeine Entſchuldigung fuͤr Wahrheit annehmen. Jugendliche Ein- kleidungen in Briefe, und Geſpraͤche; die Epiſoden in den Briefen, und die fremden Eingaͤnge in den Geſpraͤchen: ſcheint mir ein Putz, den die Philoſophiſche Wuͤrde nicht braucht. Denkende Leſer fuͤhrt er von der Betrachtung der Wahrheit ſelbſt ab: ſie muͤſ- ſen ſich von den Spazziergaͤngen nachher wie- der zuruͤck finden: und wer blos wegen die- ſer Einkleidungen lieſet — fuͤr den hat Mo- ſes nicht geſchrieben: eine Braut blos wegen ihres Putzes lieben, iſt laͤcherlich. Der Weiſe ſehe ſeinen Gegenſtand ſo helle als Moſes; er zeige ihn im rechten Geſichtspunkte, er lei- te die Jdeen natuͤrlich fort, er habe die Er- laͤuterungen, und die Sprache in ſeiner Ge- walt: ſo wird eine ſimple Abhandlung draus werden, ohne Trockenheit und fremden Schmuck; ſie wird ihren ganzen Zweck er- reichen, einem Leſer, der Wahrheit ſucht und liebt, ohne Zwang und Umwege, ein Geleits- mann zu ſeyn — wozu? nicht zu lernen, ſon- dern ſelbſt zu denken. So ſind die Abhand-
lun-
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0160"n="156"/>
mehr als eine aͤußere Mathematiſche Lehrart<lb/>
verſtehet, ſo wird jeder ſeine Entſchuldigung<lb/>
fuͤr Wahrheit annehmen. Jugendliche Ein-<lb/>
kleidungen in <hirendition="#fr">Briefe,</hi> und <hirendition="#fr">Geſpraͤche;</hi> die<lb/>
Epiſoden in den Briefen, und die fremden<lb/>
Eingaͤnge in den Geſpraͤchen: ſcheint mir ein<lb/>
Putz, den die Philoſophiſche Wuͤrde nicht<lb/>
braucht. <hirendition="#fr">Denkende</hi> Leſer fuͤhrt er von der<lb/>
Betrachtung der Wahrheit ſelbſt ab: ſie muͤſ-<lb/>ſen ſich von den Spazziergaͤngen nachher wie-<lb/>
der zuruͤck finden: und wer blos wegen die-<lb/>ſer Einkleidungen lieſet — fuͤr den hat Mo-<lb/>ſes nicht geſchrieben: eine Braut blos wegen<lb/>
ihres Putzes lieben, iſt laͤcherlich. Der Weiſe<lb/>ſehe ſeinen Gegenſtand ſo helle als Moſes;<lb/>
er zeige ihn im rechten Geſichtspunkte, er lei-<lb/>
te die Jdeen natuͤrlich fort, er habe die Er-<lb/>
laͤuterungen, und die Sprache in ſeiner Ge-<lb/>
walt: ſo wird eine ſimple Abhandlung draus<lb/>
werden, ohne Trockenheit und fremden<lb/>
Schmuck; ſie wird ihren ganzen Zweck er-<lb/>
reichen, einem Leſer, der Wahrheit ſucht und<lb/>
liebt, ohne Zwang und Umwege, ein Geleits-<lb/>
mann zu ſeyn — wozu? nicht zu lernen, ſon-<lb/>
dern ſelbſt zu denken. So ſind die Abhand-<lb/><fwplace="bottom"type="catch">lun-</fw><lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[156/0160]
mehr als eine aͤußere Mathematiſche Lehrart
verſtehet, ſo wird jeder ſeine Entſchuldigung
fuͤr Wahrheit annehmen. Jugendliche Ein-
kleidungen in Briefe, und Geſpraͤche; die
Epiſoden in den Briefen, und die fremden
Eingaͤnge in den Geſpraͤchen: ſcheint mir ein
Putz, den die Philoſophiſche Wuͤrde nicht
braucht. Denkende Leſer fuͤhrt er von der
Betrachtung der Wahrheit ſelbſt ab: ſie muͤſ-
ſen ſich von den Spazziergaͤngen nachher wie-
der zuruͤck finden: und wer blos wegen die-
ſer Einkleidungen lieſet — fuͤr den hat Mo-
ſes nicht geſchrieben: eine Braut blos wegen
ihres Putzes lieben, iſt laͤcherlich. Der Weiſe
ſehe ſeinen Gegenſtand ſo helle als Moſes;
er zeige ihn im rechten Geſichtspunkte, er lei-
te die Jdeen natuͤrlich fort, er habe die Er-
laͤuterungen, und die Sprache in ſeiner Ge-
walt: ſo wird eine ſimple Abhandlung draus
werden, ohne Trockenheit und fremden
Schmuck; ſie wird ihren ganzen Zweck er-
reichen, einem Leſer, der Wahrheit ſucht und
liebt, ohne Zwang und Umwege, ein Geleits-
mann zu ſeyn — wozu? nicht zu lernen, ſon-
dern ſelbſt zu denken. So ſind die Abhand-
lun-
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 156. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/160>, abgerufen am 11.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.