"Sprachen vorgetragen worden, in der ei- "nen sich klärer, netter und überzeugender "dar, als in der andern?)" Ja! und Exem- pel bestätigen dies allerdings. Eine tiefe Philosophische Materie kann sich in der alten reinen Lateinischen Sprache nicht so klar, so nett, so überzeugend ausdrücken, als in ei- ner gewissen neuern Lateinischen Sprache, die eben deswegen noch nicht Barbarisch ist, weil sie von den Worten der Alten abgeht. Jn den Schriften des Philosophen Baumgar- ten herrscht ein gewisser ächter Römischer Geist, seine Blumen, die gleichsam selbst aus seiner Weltweisheit zu wachsen scheinen; und nicht über dieselbe gestreuet sind: eine so nachdrückliche Kürze, daß jeder Gedanke sich ein Wort selbst zu schaffen scheint: kurz eine Sprache, die nicht netter und überzeu- gender und für den denkenden Leser klärer seyn kann. Jch habe mich gezwungen, mir diesen Eigensinn auszureden, weil andre sie eben für Barbarisch, oft spielend und dunkel hielten: ich fieng an, sie in das fliessende Latein der Schriften des Cicero zu übersez- zen, zu umschreiben, zu verschönern; und der
Geist
„Sprachen vorgetragen worden, in der ei- „nen ſich klaͤrer, netter und uͤberzeugender „dar, als in der andern?)„ Ja! und Exem- pel beſtaͤtigen dies allerdings. Eine tiefe Philoſophiſche Materie kann ſich in der alten reinen Lateiniſchen Sprache nicht ſo klar, ſo nett, ſo uͤberzeugend ausdruͤcken, als in ei- ner gewiſſen neuern Lateiniſchen Sprache, die eben deswegen noch nicht Barbariſch iſt, weil ſie von den Worten der Alten abgeht. Jn den Schriften des Philoſophen Baumgar- ten herrſcht ein gewiſſer aͤchter Roͤmiſcher Geiſt, ſeine Blumen, die gleichſam ſelbſt aus ſeiner Weltweisheit zu wachſen ſcheinen; und nicht uͤber dieſelbe geſtreuet ſind: eine ſo nachdruͤckliche Kuͤrze, daß jeder Gedanke ſich ein Wort ſelbſt zu ſchaffen ſcheint: kurz eine Sprache, die nicht netter und uͤberzeu- gender und fuͤr den denkenden Leſer klaͤrer ſeyn kann. Jch habe mich gezwungen, mir dieſen Eigenſinn auszureden, weil andre ſie eben fuͤr Barbariſch, oft ſpielend und dunkel hielten: ich fieng an, ſie in das flieſſende Latein der Schriften des Cicero zu uͤberſez- zen, zu umſchreiben, zu verſchoͤnern; und der
Geiſt
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„Sprachen vorgetragen worden, in der ei-
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„dar, als in der andern?)„ Ja! und Exem-
pel beſtaͤtigen dies allerdings. Eine tiefe
Philoſophiſche Materie kann ſich in der alten
reinen Lateiniſchen Sprache nicht ſo klar, ſo
nett, ſo uͤberzeugend ausdruͤcken, als in ei-
ner gewiſſen neuern Lateiniſchen Sprache,
die eben deswegen noch nicht Barbariſch iſt,
weil ſie von den Worten der Alten abgeht.
Jn den Schriften des Philoſophen Baumgar-
ten herrſcht ein gewiſſer aͤchter Roͤmiſcher
Geiſt, ſeine Blumen, die gleichſam ſelbſt aus
ſeiner Weltweisheit zu wachſen ſcheinen;
und nicht uͤber dieſelbe geſtreuet ſind: eine
ſo nachdruͤckliche Kuͤrze, daß jeder Gedanke
ſich ein Wort ſelbſt zu ſchaffen ſcheint: kurz
eine Sprache, die nicht netter und uͤberzeu-
gender und fuͤr den denkenden Leſer klaͤrer
ſeyn kann. Jch habe mich gezwungen, mir
dieſen Eigenſinn auszureden, weil andre ſie
eben fuͤr Barbariſch, oft ſpielend und dunkel
hielten: ich fieng an, ſie in das flieſſende
Latein der Schriften des Cicero zu uͤberſez-
zen, zu umſchreiben, zu verſchoͤnern; und der
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 175. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/179>, abgerufen am 11.09.2024.
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