züge es unternehmen wird, einzelne Zeitpunkte der Geschichte mit allem Fleiß zu bearbeiten: so wird unsere Sprache so leicht Muster im historischen Stil bekommen, als sie schon in der Weltweisheit hat.
Schöne Prose ist schon mehr in die Jdiotismen verwebt; und unsre Sprache hat also in dieser Schreibart viel von der Französischen gewonnen. Poesie ist beinahe in ihren Schönheiten unübersezzbar, weil hier der Wohlklang, der Reim, einzelne Thei- le der Rede, Zusammensezzung der Worte, Bildung der Redarten, alles Schönheit giebt.
Aus alle diesem folgt, daß unsre Sprache unstreitig von vielen andern was lernen kann, in denen sich dies und jenes besser ausdrü- cken läßt (sollte es auch nur das Schim- pfen seyn, wozu den Critikern gemeiniglich das schönste Latein gedienet); daß sie von der Griechischen die Einfalt und Würde der Ausdrucks, von der Lateinischen die Nettigkeit des mittlern Stils, von der Englischen die kurze Fülle, von der Fran- zösischen die muntere Lebhaftigkeit, und
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zuͤge es unternehmen wird, einzelne Zeitpunkte der Geſchichte mit allem Fleiß zu bearbeiten: ſo wird unſere Sprache ſo leicht Muſter im hiſtoriſchen Stil bekommen, als ſie ſchon in der Weltweisheit hat.
Schoͤne Proſe iſt ſchon mehr in die Jdiotismen verwebt; und unſre Sprache hat alſo in dieſer Schreibart viel von der Franzoͤſiſchen gewonnen. Poeſie iſt beinahe in ihren Schoͤnheiten unuͤberſezzbar, weil hier der Wohlklang, der Reim, einzelne Thei- le der Rede, Zuſammenſezzung der Worte, Bildung der Redarten, alles Schoͤnheit giebt.
Aus alle dieſem folgt, daß unſre Sprache unſtreitig von vielen andern was lernen kann, in denen ſich dies und jenes beſſer ausdruͤ- cken laͤßt (ſollte es auch nur das Schim- pfen ſeyn, wozu den Critikern gemeiniglich das ſchoͤnſte Latein gedienet); daß ſie von der Griechiſchen die Einfalt und Wuͤrde der Ausdrucks, von der Lateiniſchen die Nettigkeit des mittlern Stils, von der Engliſchen die kurze Fuͤlle, von der Fran- zoͤſiſchen die muntere Lebhaftigkeit, und
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zuͤge es unternehmen wird, einzelne Zeitpunkte
der Geſchichte mit allem Fleiß zu bearbeiten:
ſo wird unſere Sprache ſo leicht Muſter im
hiſtoriſchen Stil bekommen, als ſie ſchon in
der Weltweisheit hat.
Schoͤne Proſe iſt ſchon mehr in die
Jdiotismen verwebt; und unſre Sprache
hat alſo in dieſer Schreibart viel von der
Franzoͤſiſchen gewonnen. Poeſie iſt beinahe
in ihren Schoͤnheiten unuͤberſezzbar, weil
hier der Wohlklang, der Reim, einzelne Thei-
le der Rede, Zuſammenſezzung der Worte,
Bildung der Redarten, alles Schoͤnheit giebt.
Aus alle dieſem folgt, daß unſre Sprache
unſtreitig von vielen andern was lernen kann,
in denen ſich dies und jenes beſſer ausdruͤ-
cken laͤßt (ſollte es auch nur das Schim-
pfen ſeyn, wozu den Critikern gemeiniglich
das ſchoͤnſte Latein gedienet); daß ſie von
der Griechiſchen die Einfalt und Wuͤrde
der Ausdrucks, von der Lateiniſchen die
Nettigkeit des mittlern Stils, von der
Engliſchen die kurze Fuͤlle, von der Fran-
zoͤſiſchen die muntere Lebhaftigkeit, und
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 179. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/183>, abgerufen am 11.09.2024.
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