"kann aus der Beschaffenheit ihrer Umstände "und Sprachwerkzeuge erklärt werden? Wie "fern kann ihr Reichthum und ihre Armuth "nach den Zeugnissen der Geschichte von ihrer "Denk- und Lebensart entsprossen seyn? Wie- "fern die Etymologie ihrer Wörter aus den "Gesichtspunkten bestimmt werden, die ih- "nen mit andern Nationen gemein, oder ei- "gen gewesen? Wiefern halten auch die "Sprachregeln, mit den Gesezzen ihrer Denk- "art eine Parallele? und wie können die Jdio- "tismen aus ihr erklärt werden? Welche "Revolutionen hat die deutsche Sprache in "ihrem Wesentlichen erfahren müssen? Und "wie weit ist sie jezt für den Dichter, den "Prosaisten und den Weltweisen?" Eine große Aufgabe! Denn das Wie fern fordert nicht blos Exempel "daß so etwas ohnge- "fähr seyn könnte" sondern Beweise, Samm- lungen von Beispielen, die das Allgemeine zeigen, und philosophische Beobachtungen, die bis zu den Grundsäzzen heraufsteigen.
Man hat noch in der That wenig über un- sre Sprache philosophiret: Breitinger, Bod- mer, Bödicker, Heinze, Oest, Klopstock ha-
ben
„kann aus der Beſchaffenheit ihrer Umſtaͤnde „und Sprachwerkzeuge erklaͤrt werden? Wie „fern kann ihr Reichthum und ihre Armuth „nach den Zeugniſſen der Geſchichte von ihrer „Denk- und Lebensart entſproſſen ſeyn? Wie- „fern die Etymologie ihrer Woͤrter aus den „Geſichtspunkten beſtimmt werden, die ih- „nen mit andern Nationen gemein, oder ei- „gen geweſen? Wiefern halten auch die „Sprachregeln, mit den Geſezzen ihrer Denk- „art eine Parallele? und wie koͤnnen die Jdio- „tismen aus ihr erklaͤrt werden? Welche „Revolutionen hat die deutſche Sprache in „ihrem Weſentlichen erfahren muͤſſen? Und „wie weit iſt ſie jezt fuͤr den Dichter, den „Proſaiſten und den Weltweiſen?„ Eine große Aufgabe! Denn das Wie fern fordert nicht blos Exempel „daß ſo etwas ohnge- „faͤhr ſeyn koͤnnte„ ſondern Beweiſe, Samm- lungen von Beiſpielen, die das Allgemeine zeigen, und philoſophiſche Beobachtungen, die bis zu den Grundſaͤzzen heraufſteigen.
Man hat noch in der That wenig uͤber un- ſre Sprache philoſophiret: Breitinger, Bod- mer, Boͤdicker, Heinze, Oeſt, Klopſtock ha-
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„kann aus der Beſchaffenheit ihrer Umſtaͤnde
„und Sprachwerkzeuge erklaͤrt werden? Wie
„fern kann ihr Reichthum und ihre Armuth
„nach den Zeugniſſen der Geſchichte von ihrer
„Denk- und Lebensart entſproſſen ſeyn? Wie-
„fern die Etymologie ihrer Woͤrter aus den
„Geſichtspunkten beſtimmt werden, die ih-
„nen mit andern Nationen gemein, oder ei-
„gen geweſen? Wiefern halten auch die
„Sprachregeln, mit den Geſezzen ihrer Denk-
„art eine Parallele? und wie koͤnnen die Jdio-
„tismen aus ihr erklaͤrt werden? Welche
„Revolutionen hat die deutſche Sprache in
„ihrem Weſentlichen erfahren muͤſſen? Und
„wie weit iſt ſie jezt fuͤr den Dichter, den
„Proſaiſten und den Weltweiſen?„ Eine große
Aufgabe! Denn das Wie fern fordert
nicht blos Exempel „daß ſo etwas ohnge-
„faͤhr ſeyn koͤnnte„ ſondern Beweiſe, Samm-
lungen von Beiſpielen, die das Allgemeine
zeigen, und philoſophiſche Beobachtungen, die
bis zu den Grundſaͤzzen heraufſteigen.
Man hat noch in der That wenig uͤber un-
ſre Sprache philoſophiret: Breitinger, Bod-
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 22. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/26>, abgerufen am 11.09.2024.
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