hatte, war verlohren gegangen, und ich neh- me also jene Worte zum Leitfaden, etwas über die Lebensalter einer und besonders unserer Sprache zu sagen. Hier ist die Stelle:
"Das Genie einer Sprache ist in ihrer Ju- "gend nicht weiter bestimmt, als durch die Bil- "dung der Worte, ihre Abänderungen und ih- "re Reihen in einer gewissen Abhängigkeit. "Zu dem ersten Stücke läßt sich vermittelst "der Analogie, vieles dazu sezzen: das an- "dre Stück bleibt wohl meist unwandelbar, "aber der verschiedene Gebrauch kann noch "bestimmt werden: und das dritte Stück be- "hält zwar seine wesentlichen Züge; aber die "feinern Züge können noch hinzu gethan und "verändert werden, ohne daß das Gesicht zu "einem andern Gesicht wird, als es ursprüng- "lich war. -- Ohne Versuche, die mit dieser "Absicht verknüpft sind, kann keine rohe Spra- "che vollkommen, kann kein Prosaiste in der- "selben vollkommen werden. Eine ausgear- "beitete Sprache drückt schon die Namen der "Begriffe aus, erhält Nachdruck und Reuig- "keit durch die mannichfaltige Anordnung der "Vorstellungen; Deutlichkeit und Genauigkeit
"durch
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hatte, war verlohren gegangen, und ich neh- me alſo jene Worte zum Leitfaden, etwas uͤber die Lebensalter einer und beſonders unſerer Sprache zu ſagen. Hier iſt die Stelle:
„Das Genie einer Sprache iſt in ihrer Ju- „gend nicht weiter beſtimmt, als durch die Bil- „dung der Worte, ihre Abaͤnderungen und ih- „re Reihen in einer gewiſſen Abhaͤngigkeit. „Zu dem erſten Stuͤcke laͤßt ſich vermittelſt „der Analogie, vieles dazu ſezzen: das an- „dre Stuͤck bleibt wohl meiſt unwandelbar, „aber der verſchiedene Gebrauch kann noch „beſtimmt werden: und das dritte Stuͤck be- „haͤlt zwar ſeine weſentlichen Zuͤge; aber die „feinern Zuͤge koͤnnen noch hinzu gethan und „veraͤndert werden, ohne daß das Geſicht zu „einem andern Geſicht wird, als es urſpruͤng- „lich war. — Ohne Verſuche, die mit dieſer „Abſicht verknuͤpft ſind, kann keine rohe Spra- „che vollkommen, kann kein Proſaiſte in der- „ſelben vollkommen werden. Eine ausgear- „beitete Sprache druͤckt ſchon die Namen der „Begriffe aus, erhaͤlt Nachdruck und Reuig- „keit durch die mannichfaltige Anordnung der „Vorſtellungen; Deutlichkeit und Genauigkeit
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hatte, war verlohren gegangen, und ich neh-
me alſo jene Worte zum Leitfaden, etwas uͤber
die Lebensalter einer und beſonders unſerer
Sprache zu ſagen. Hier iſt die Stelle:
„Das Genie einer Sprache iſt in ihrer Ju-
„gend nicht weiter beſtimmt, als durch die Bil-
„dung der Worte, ihre Abaͤnderungen und ih-
„re Reihen in einer gewiſſen Abhaͤngigkeit.
„Zu dem erſten Stuͤcke laͤßt ſich vermittelſt
„der Analogie, vieles dazu ſezzen: das an-
„dre Stuͤck bleibt wohl meiſt unwandelbar,
„aber der verſchiedene Gebrauch kann noch
„beſtimmt werden: und das dritte Stuͤck be-
„haͤlt zwar ſeine weſentlichen Zuͤge; aber die
„feinern Zuͤge koͤnnen noch hinzu gethan und
„veraͤndert werden, ohne daß das Geſicht zu
„einem andern Geſicht wird, als es urſpruͤng-
„lich war. — Ohne Verſuche, die mit dieſer
„Abſicht verknuͤpft ſind, kann keine rohe Spra-
„che vollkommen, kann kein Proſaiſte in der-
„ſelben vollkommen werden. Eine ausgear-
„beitete Sprache druͤckt ſchon die Namen der
„Begriffe aus, erhaͤlt Nachdruck und Reuig-
„keit durch die mannichfaltige Anordnung der
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/29>, abgerufen am 11.09.2024.
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