stehen also auch die Sprache des Affects mehr, als wir, die wir dies Zeitalter nur aus spä- tern Berichten und Schlüssen kennen; denn so wenig wir aus unsrer ersten Kindheit Nach- richt durch Erinnerung haben, so wenig sind Nachrichten aus dieser Zeit der Sprache mög- lich, da man noch nicht sprach, sondern tönete; da man noch wenig dachte, aber desto mehr fühlte; und also nichts weniger als schrieb.
So wie sich das Kind oder die Nation än- derte: so mit ihr die Sprache. Entsezzen, Furcht und Verwunderung verschwand all- mälich, da man die Gegenstände mehr ken- nen lernte; man ward mit ihnen vertraut und gab ihnen Namen, Namen, die von der Na- tur abgezogen waren, und ihr so viel möglich im Tönen nachahmten. Bei den Gegenstän- den fürs Auge muste die Geberdung noch sehr zu Hülfe kommen, um sich verständlich zu ma- chen: und ihr ganzes Wörterbuch war noch sinnlich. Jhre Sprachwerkzeuge wurden biegsamer, und die Accente weniger schreyend. Man sang also, wie viele Völker es noch thun und wie es die alten Geschichtschreiber durchgehends von ihren Vorfahren behaupten.
Man
ſtehen alſo auch die Sprache des Affects mehr, als wir, die wir dies Zeitalter nur aus ſpaͤ- tern Berichten und Schluͤſſen kennen; denn ſo wenig wir aus unſrer erſten Kindheit Nach- richt durch Erinnerung haben, ſo wenig ſind Nachrichten aus dieſer Zeit der Sprache moͤg- lich, da man noch nicht ſprach, ſondern toͤnete; da man noch wenig dachte, aber deſto mehr fuͤhlte; und alſo nichts weniger als ſchrieb.
So wie ſich das Kind oder die Nation aͤn- derte: ſo mit ihr die Sprache. Entſezzen, Furcht und Verwunderung verſchwand all- maͤlich, da man die Gegenſtaͤnde mehr ken- nen lernte; man ward mit ihnen vertraut und gab ihnen Namen, Namen, die von der Na- tur abgezogen waren, und ihr ſo viel moͤglich im Toͤnen nachahmten. Bei den Gegenſtaͤn- den fuͤrs Auge muſte die Geberdung noch ſehr zu Huͤlfe kommen, um ſich verſtaͤndlich zu ma- chen: und ihr ganzes Woͤrterbuch war noch ſinnlich. Jhre Sprachwerkzeuge wurden biegſamer, und die Accente weniger ſchreyend. Man ſang alſo, wie viele Voͤlker es noch thun und wie es die alten Geſchichtſchreiber durchgehends von ihren Vorfahren behaupten.
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ſtehen alſo auch die Sprache des Affects mehr,
als wir, die wir dies Zeitalter nur aus ſpaͤ-
tern Berichten und Schluͤſſen kennen; denn
ſo wenig wir aus unſrer erſten Kindheit Nach-
richt durch Erinnerung haben, ſo wenig ſind
Nachrichten aus dieſer Zeit der Sprache moͤg-
lich, da man noch nicht ſprach, ſondern toͤnete;
da man noch wenig dachte, aber deſto mehr
fuͤhlte; und alſo nichts weniger als ſchrieb.
So wie ſich das Kind oder die Nation aͤn-
derte: ſo mit ihr die Sprache. Entſezzen,
Furcht und Verwunderung verſchwand all-
maͤlich, da man die Gegenſtaͤnde mehr ken-
nen lernte; man ward mit ihnen vertraut und
gab ihnen Namen, Namen, die von der Na-
tur abgezogen waren, und ihr ſo viel moͤglich
im Toͤnen nachahmten. Bei den Gegenſtaͤn-
den fuͤrs Auge muſte die Geberdung noch ſehr
zu Huͤlfe kommen, um ſich verſtaͤndlich zu ma-
chen: und ihr ganzes Woͤrterbuch war noch
ſinnlich. Jhre Sprachwerkzeuge wurden
biegſamer, und die Accente weniger ſchreyend.
Man ſang alſo, wie viele Voͤlker es noch
thun und wie es die alten Geſchichtſchreiber
durchgehends von ihren Vorfahren behaupten.
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/33>, abgerufen am 11.09.2024.
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