"gemeine Philosophische Grammatik hätte, "welche Regeln gäbe, nach denen die Vollkom- "menheit einer Sprache beurtheilt werden "müßte; mit diesen Regeln könnten die, durch "den Gebrauch eingeführten verglichen, und "daraus gebessert, und vermehrt werden." Und der Recensent sezt dazu: "Jch weiß nicht, "ob die schöuen Wissenschaften von dieser Ver- "gleichung Vortheil haben würden. So wie "die Sprachen jetzt sind, hat eine jede, so zu "sagen, ihre Eigensinnigkeit, die der schöne "Geist vortreflich zu nutzen weiß. Er zieht "aus dem Ueberflüßigen und Unregelmäßigen "seiner Sprache öfters Schönheiten, die eine "richtige Philosophische Sprache entbehren "muß. Nur ein einziges Exempel anzufüh- "ren: die Philosophische Grammatik würde "vermuthlich die Unterscheidung der Geschlech- "ter bei leblosen Dingen für überflüßig er- "klären, und gleichwohl würden sich die Fran- "zösischen und Deutschen Dichter die Schön- "heiten ungern rauben lassen, die sie aus die- "sem unnöthigen Unterscheide der Geschlechter "gezogen haben. Einige Sprachen unter- "scheiden die Geschlechter auch in der Conju-
"gation
„gemeine Philoſophiſche Grammatik haͤtte, „welche Regeln gaͤbe, nach denen die Vollkom- „menheit einer Sprache beurtheilt werden „muͤßte; mit dieſen Regeln koͤnnten die, durch „den Gebrauch eingefuͤhrten verglichen, und „daraus gebeſſert, und vermehrt werden.„ Und der Recenſent ſezt dazu: „Jch weiß nicht, „ob die ſchoͤuen Wiſſenſchaften von dieſer Ver- „gleichung Vortheil haben wuͤrden. So wie „die Sprachen jetzt ſind, hat eine jede, ſo zu „ſagen, ihre Eigenſinnigkeit, die der ſchoͤne „Geiſt vortreflich zu nutzen weiß. Er zieht „aus dem Ueberfluͤßigen und Unregelmaͤßigen „ſeiner Sprache oͤfters Schoͤnheiten, die eine „richtige Philoſophiſche Sprache entbehren „muß. Nur ein einziges Exempel anzufuͤh- „ren: die Philoſophiſche Grammatik wuͤrde „vermuthlich die Unterſcheidung der Geſchlech- „ter bei lebloſen Dingen fuͤr uͤberfluͤßig er- „klaͤren, und gleichwohl wuͤrden ſich die Fran- „zoͤſiſchen und Deutſchen Dichter die Schoͤn- „heiten ungern rauben laſſen, die ſie aus die- „ſem unnoͤthigen Unterſcheide der Geſchlechter „gezogen haben. Einige Sprachen unter- „ſcheiden die Geſchlechter auch in der Conju-
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„gemeine Philoſophiſche Grammatik haͤtte,
„welche Regeln gaͤbe, nach denen die Vollkom-
„menheit einer Sprache beurtheilt werden
„muͤßte; mit dieſen Regeln koͤnnten die, durch
„den Gebrauch eingefuͤhrten verglichen, und
„daraus gebeſſert, und vermehrt werden.„
Und der Recenſent ſezt dazu: „Jch weiß nicht,
„ob die ſchoͤuen Wiſſenſchaften von dieſer Ver-
„gleichung Vortheil haben wuͤrden. So wie
„die Sprachen jetzt ſind, hat eine jede, ſo zu
„ſagen, ihre Eigenſinnigkeit, die der ſchoͤne
„Geiſt vortreflich zu nutzen weiß. Er zieht
„aus dem Ueberfluͤßigen und Unregelmaͤßigen
„ſeiner Sprache oͤfters Schoͤnheiten, die eine
„richtige Philoſophiſche Sprache entbehren
„muß. Nur ein einziges Exempel anzufuͤh-
„ren: die Philoſophiſche Grammatik wuͤrde
„vermuthlich die Unterſcheidung der Geſchlech-
„ter bei lebloſen Dingen fuͤr uͤberfluͤßig er-
„klaͤren, und gleichwohl wuͤrden ſich die Fran-
„zoͤſiſchen und Deutſchen Dichter die Schoͤn-
„heiten ungern rauben laſſen, die ſie aus die-
„ſem unnoͤthigen Unterſcheide der Geſchlechter
„gezogen haben. Einige Sprachen unter-
„ſcheiden die Geſchlechter auch in der Conju-
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/47>, abgerufen am 11.09.2024.
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