dorfte nicht aus Attica kommen, und war blos der Lohn der Sieger am Panathenäischen Feste. Ja da die Lacedämonier einst alles verwüsteten: so ließ die Göttin es nicht zu, daß diese fremde Barbaren ihre Hände an die- sen heiligen Hain legten. Eben so sind die Jdiotismen Schönheiten, die uns kein Nach- bar durch eine Uebersezzung entwenden kann, und die der Schuzgöttin der Sprache heilig sind: Schönheiten in das Genie der Sprache eingewebt, die man zerstört, wenn man sie austrennet: Reize, die durch die Sprache, wie der Busen der Phryne durch einen seid- nen Nebel, durch das Wassergewand der al- ten Statuen, das sich an die Haut anschmie- get, durchschimmern. Wober lieben die Britten so sehr das Launische in ihrer Schreib- art? Weil diese Laune unübersezzbar und ein heiliger Jdiotisme ist. Warum haben Sha- kespear und Hudibras: Swift und Fielding sich so sehr das Gefühl ihrer Na- tion zu eigen gemacht? Weil sie die Fund- gruben ihrer Sprache durchforschet, und ih- ren Humour mit Jdiotismen, jeden nach seiner Art und seinem Maas, gepaart haben.
War-
dorfte nicht aus Attica kommen, und war blos der Lohn der Sieger am Panathenaͤiſchen Feſte. Ja da die Lacedaͤmonier einſt alles verwuͤſteten: ſo ließ die Goͤttin es nicht zu, daß dieſe fremde Barbaren ihre Haͤnde an die- ſen heiligen Hain legten. Eben ſo ſind die Jdiotismen Schoͤnheiten, die uns kein Nach- bar durch eine Ueberſezzung entwenden kann, und die der Schuzgoͤttin der Sprache heilig ſind: Schoͤnheiten in das Genie der Sprache eingewebt, die man zerſtoͤrt, wenn man ſie austrennet: Reize, die durch die Sprache, wie der Buſen der Phryne durch einen ſeid- nen Nebel, durch das Waſſergewand der al- ten Statuen, das ſich an die Haut anſchmie- get, durchſchimmern. Wober lieben die Britten ſo ſehr das Launiſche in ihrer Schreib- art? Weil dieſe Laune unuͤberſezzbar und ein heiliger Jdiotisme iſt. Warum haben Sha- keſpear und Hudibras: Swift und Fielding ſich ſo ſehr das Gefuͤhl ihrer Na- tion zu eigen gemacht? Weil ſie die Fund- gruben ihrer Sprache durchforſchet, und ih- ren Humour mit Jdiotismen, jeden nach ſeiner Art und ſeinem Maas, gepaart haben.
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dorfte nicht aus Attica kommen, und war
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Feſte. Ja da die Lacedaͤmonier einſt alles
verwuͤſteten: ſo ließ die Goͤttin es nicht zu,
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ſen heiligen Hain legten. Eben ſo ſind die
Jdiotismen Schoͤnheiten, die uns kein Nach-
bar durch eine Ueberſezzung entwenden kann,
und die der Schuzgoͤttin der Sprache heilig
ſind: Schoͤnheiten in das Genie der Sprache
eingewebt, die man zerſtoͤrt, wenn man ſie
austrennet: Reize, die durch die Sprache,
wie der Buſen der Phryne durch einen ſeid-
nen Nebel, durch das Waſſergewand der al-
ten Statuen, das ſich an die Haut anſchmie-
get, durchſchimmern. Wober lieben die
Britten ſo ſehr das Launiſche in ihrer Schreib-
art? Weil dieſe Laune unuͤberſezzbar und ein
heiliger Jdiotisme iſt. Warum haben Sha-
keſpear und Hudibras: Swift und
Fielding ſich ſo ſehr das Gefuͤhl ihrer Na-
tion zu eigen gemacht? Weil ſie die Fund-
gruben ihrer Sprache durchforſchet, und ih-
ren Humour mit Jdiotismen, jeden nach
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 45. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/49>, abgerufen am 11.09.2024.
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