sche Verstand, der Nachdruck liebet, damit zufrieden ist. Seine ungemein glückliche Leich- tigkeit in der Versifikation verführt ihn so sehr, daß er vergißt, ob seine Wiederholun- gen auch der Deutschen Sprache angemessen seyn. Seine Oden -- und sie waren vor Klopstock und Ramler das Muster der Deutschen Oden -- sind ja oft ein Geklin- gel von Reimen, und ich zweifle, ob ein Da- vid und Assaph, zu unserer Zeit, in unsrer Sprache Cramersche Psalmen geschrieben hät- te? "Er hat sie ja aber übersezzen, nicht "umbilden wollen?" Gut! so übersezze er sie als Orientalische Psalmen, mit allem ih- rem Licht und Schatten; nur umschreiben muß er nichts; alsdenn ists weit natürlicher für unser Genie und Sprache, sie zusammen zu ziehen. Jch urtheile frei, weil ich glaube so urtheilen zu können und dörfen: Hätte Michaelis Cramers Versifikation, oder Cramer Michaelis Geschmack des Orients: so würden wir erst die Morgenländischen Ge- dichte nach dem Genie unsrer Sprache, als einen Deutschen Schatz bewahren können; jetzt fehlt beiden was.
Aber
ſche Verſtand, der Nachdruck liebet, damit zufrieden iſt. Seine ungemein gluͤckliche Leich- tigkeit in der Verſifikation verfuͤhrt ihn ſo ſehr, daß er vergißt, ob ſeine Wiederholun- gen auch der Deutſchen Sprache angemeſſen ſeyn. Seine Oden — und ſie waren vor Klopſtock und Ramler das Muſter der Deutſchen Oden — ſind ja oft ein Geklin- gel von Reimen, und ich zweifle, ob ein Da- vid und Aſſaph, zu unſerer Zeit, in unſrer Sprache Cramerſche Pſalmen geſchrieben haͤt- te? „Er hat ſie ja aber uͤberſezzen, nicht „umbilden wollen?„ Gut! ſo uͤberſezze er ſie als Orientaliſche Pſalmen, mit allem ih- rem Licht und Schatten; nur umſchreiben muß er nichts; alsdenn iſts weit natuͤrlicher fuͤr unſer Genie und Sprache, ſie zuſammen zu ziehen. Jch urtheile frei, weil ich glaube ſo urtheilen zu koͤnnen und doͤrfen: Haͤtte Michaelis Cramers Verſifikation, oder Cramer Michaelis Geſchmack des Orients: ſo wuͤrden wir erſt die Morgenlaͤndiſchen Ge- dichte nach dem Genie unſrer Sprache, als einen Deutſchen Schatz bewahren koͤnnen; jetzt fehlt beiden was.
Aber
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0062"n="58"/>ſche Verſtand, der Nachdruck liebet, damit<lb/>
zufrieden iſt. Seine ungemein gluͤckliche Leich-<lb/>
tigkeit in der Verſifikation verfuͤhrt ihn ſo<lb/>ſehr, daß er vergißt, ob ſeine Wiederholun-<lb/>
gen auch der Deutſchen Sprache angemeſſen<lb/>ſeyn. Seine Oden — und ſie waren vor<lb/><hirendition="#fr">Klopſtock</hi> und <hirendition="#fr">Ramler</hi> das Muſter der<lb/>
Deutſchen Oden —ſind ja oft ein Geklin-<lb/>
gel von Reimen, und ich zweifle, ob ein <hirendition="#fr">Da-<lb/>
vid</hi> und <hirendition="#fr">Aſſaph,</hi> zu unſerer Zeit, in unſrer<lb/>
Sprache Cramerſche Pſalmen geſchrieben haͤt-<lb/>
te? „Er hat ſie ja aber <hirendition="#fr">uͤberſezzen,</hi> nicht<lb/>„<hirendition="#fr">umbilden</hi> wollen?„ Gut! ſo uͤberſezze er<lb/>ſie als Orientaliſche Pſalmen, mit allem ih-<lb/>
rem Licht und Schatten; nur umſchreiben<lb/>
muß er nichts; alsdenn iſts weit natuͤrlicher<lb/>
fuͤr unſer Genie und Sprache, ſie zuſammen<lb/>
zu ziehen. Jch urtheile frei, weil ich glaube<lb/>ſo urtheilen zu koͤnnen und doͤrfen: Haͤtte<lb/><hirendition="#fr">Michaelis Cramers</hi> Verſifikation, oder<lb/><hirendition="#fr">Cramer Michaelis</hi> Geſchmack des Orients:<lb/>ſo wuͤrden wir erſt die Morgenlaͤndiſchen Ge-<lb/>
dichte nach dem Genie unſrer Sprache, als<lb/>
einen Deutſchen Schatz bewahren koͤnnen;<lb/>
jetzt fehlt beiden was.</p><lb/><fwplace="bottom"type="catch">Aber</fw><lb/></div></div></body></text></TEI>
[58/0062]
ſche Verſtand, der Nachdruck liebet, damit
zufrieden iſt. Seine ungemein gluͤckliche Leich-
tigkeit in der Verſifikation verfuͤhrt ihn ſo
ſehr, daß er vergißt, ob ſeine Wiederholun-
gen auch der Deutſchen Sprache angemeſſen
ſeyn. Seine Oden — und ſie waren vor
Klopſtock und Ramler das Muſter der
Deutſchen Oden — ſind ja oft ein Geklin-
gel von Reimen, und ich zweifle, ob ein Da-
vid und Aſſaph, zu unſerer Zeit, in unſrer
Sprache Cramerſche Pſalmen geſchrieben haͤt-
te? „Er hat ſie ja aber uͤberſezzen, nicht
„umbilden wollen?„ Gut! ſo uͤberſezze er
ſie als Orientaliſche Pſalmen, mit allem ih-
rem Licht und Schatten; nur umſchreiben
muß er nichts; alsdenn iſts weit natuͤrlicher
fuͤr unſer Genie und Sprache, ſie zuſammen
zu ziehen. Jch urtheile frei, weil ich glaube
ſo urtheilen zu koͤnnen und doͤrfen: Haͤtte
Michaelis Cramers Verſifikation, oder
Cramer Michaelis Geſchmack des Orients:
ſo wuͤrden wir erſt die Morgenlaͤndiſchen Ge-
dichte nach dem Genie unſrer Sprache, als
einen Deutſchen Schatz bewahren koͤnnen;
jetzt fehlt beiden was.
Aber
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 58. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/62>, abgerufen am 11.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.