sophie gibt den meisten müßigen Synonymen Arbeit und bestimmte Posten. Das ist nun aber die Sprache der Philosophie: lasset Sulzern, der noch lebende Baumgarten, die Wörter: angenehm, schön, lieblich, reizend, gefällig, in seiner Aesthetik bestim- men; die Welt wird ihm vielen Dank wis- sen: lasset andere auf der Bahn des Baum- gartens fortgehen, und einen Kant in seinen Beobachtungen über das Schöne und Erhabene, seine Unterschiede zwischen bei- nahegleichen Wörtern bemerken: sie arbeiten für die Deutsche Philosophie und Philosophi- sche Sprache; aber nicht für die Sprachkunst, überhaupt. Alle kannst du nicht bestimmen, Philologischer Weltweise! Die wirst du ver- muthlich auswerfen wollen? Aber wirft sie auch die Sprache des Umganges aus? Nein! so weit reicht noch nicht dein Gebiet, und noch minder ins Land der Dichter -- Der Dichter muß rasend werden, wenn du ihm die Synonyme raubst; er lebt vom Ueber- fluß. -- Und wenn du sie bestimmest? Ge- sezt, aber du kannst es nicht: so fällt schöne Prose und schöne Poesie ganz weg; alles wird
ein
ſophie gibt den meiſten muͤßigen Synonymen Arbeit und beſtimmte Poſten. Das iſt nun aber die Sprache der Philoſophie: laſſet Sulzern, der noch lebende Baumgarten, die Woͤrter: angenehm, ſchoͤn, lieblich, reizend, gefaͤllig, in ſeiner Aeſthetik beſtim- men; die Welt wird ihm vielen Dank wiſ- ſen: laſſet andere auf der Bahn des Baum- gartens fortgehen, und einen Kant in ſeinen Beobachtungen uͤber das Schoͤne und Erhabene, ſeine Unterſchiede zwiſchen bei- nahegleichen Woͤrtern bemerken: ſie arbeiten fuͤr die Deutſche Philoſophie und Philoſophi- ſche Sprache; aber nicht fuͤr die Sprachkunſt, uͤberhaupt. Alle kannſt du nicht beſtimmen, Philologiſcher Weltweiſe! Die wirſt du ver- muthlich auswerfen wollen? Aber wirft ſie auch die Sprache des Umganges aus? Nein! ſo weit reicht noch nicht dein Gebiet, und noch minder ins Land der Dichter — Der Dichter muß raſend werden, wenn du ihm die Synonyme raubſt; er lebt vom Ueber- fluß. — Und wenn du ſie beſtimmeſt? Ge- ſezt, aber du kannſt es nicht: ſo faͤllt ſchoͤne Proſe und ſchoͤne Poeſie ganz weg; alles wird
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ſophie gibt den meiſten muͤßigen Synonymen
Arbeit und beſtimmte Poſten. Das iſt nun
aber die Sprache der Philoſophie: laſſet
Sulzern, der noch lebende Baumgarten,
die Woͤrter: angenehm, ſchoͤn, lieblich,
reizend, gefaͤllig, in ſeiner Aeſthetik beſtim-
men; die Welt wird ihm vielen Dank wiſ-
ſen: laſſet andere auf der Bahn des Baum-
gartens fortgehen, und einen Kant in ſeinen
Beobachtungen uͤber das Schoͤne und
Erhabene, ſeine Unterſchiede zwiſchen bei-
nahegleichen Woͤrtern bemerken: ſie arbeiten
fuͤr die Deutſche Philoſophie und Philoſophi-
ſche Sprache; aber nicht fuͤr die Sprachkunſt,
uͤberhaupt. Alle kannſt du nicht beſtimmen,
Philologiſcher Weltweiſe! Die wirſt du ver-
muthlich auswerfen wollen? Aber wirft ſie
auch die Sprache des Umganges aus? Nein!
ſo weit reicht noch nicht dein Gebiet, und
noch minder ins Land der Dichter — Der
Dichter muß raſend werden, wenn du ihm
die Synonyme raubſt; er lebt vom Ueber-
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ſezt, aber du kannſt es nicht: ſo faͤllt ſchoͤne
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 60. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/64>, abgerufen am 11.09.2024.
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