Nachahmen können wir hievon also nichts; aber doch gehört es dazu, um die Alten die- ses Zeitalters Poetisch zu lesen. Wenn ich den Homer lese, so stehe ich im Geist in Grie- chenland auf einem versammleten Markte, und stelle mir vor, wie der Sanger Jo, im Plato die Rhapsodien seines göttlichen Dichters mir vorsinget, wie er "voll von göttlicher Be- "geisterung seine Zuhörer staunen macht, wie, "wenn er sich selbst entrissen, von dem Ulys- "ses redet, da er sich seinen Feinden zu er- "kennen giebt, oder da Achilles den Hektor "anfället, er bei jedem Fürchterlichen, die Haa- "re aufrecht stehen, und das Herz schlagen "macht; wie er jedem die Thränen in die "Augen lockt, wenn er von dem Unglück der "Andromache, der Hekuba, des Priamus sin- "get. Wie die Corybanten, von der Melodie "des Gottes, der sie begeistert, entzückt, ihre "trunkene Freude in Worten und Geberden "zeigen; so begeistert ihn Homer, und macht "ihn zum göttlichen Boten der Götter." Jn dieser Entzückung erfüllet die ganze Harmonie des Hexameters, und die ganze Pracht seines Perioden mir Ohr und Seele; jede Verbin-
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Nachahmen koͤnnen wir hievon alſo nichts; aber doch gehoͤrt es dazu, um die Alten die- ſes Zeitalters Poetiſch zu leſen. Wenn ich den Homer leſe, ſo ſtehe ich im Geiſt in Grie- chenland auf einem verſammleten Markte, und ſtelle mir vor, wie der Sanger Jo, im Plato die Rhapſodien ſeines goͤttlichen Dichters mir vorſinget, wie er „voll von goͤttlicher Be- „geiſterung ſeine Zuhoͤrer ſtaunen macht, wie, „wenn er ſich ſelbſt entriſſen, von dem Ulyſ- „ſes redet, da er ſich ſeinen Feinden zu er- „kennen giebt, oder da Achilles den Hektor „anfaͤllet, er bei jedem Fuͤrchterlichen, die Haa- „re aufrecht ſtehen, und das Herz ſchlagen „macht; wie er jedem die Thraͤnen in die „Augen lockt, wenn er von dem Ungluͤck der „Andromache, der Hekuba, des Priamus ſin- „get. Wie die Corybanten, von der Melodie „des Gottes, der ſie begeiſtert, entzuͤckt, ihre „trunkene Freude in Worten und Geberden „zeigen; ſo begeiſtert ihn Homer, und macht „ihn zum goͤttlichen Boten der Goͤtter.„ Jn dieſer Entzuͤckung erfuͤllet die ganze Harmonie des Hexameters, und die ganze Pracht ſeines Perioden mir Ohr und Seele; jede Verbin-
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Nachahmen koͤnnen wir hievon alſo nichts;
aber doch gehoͤrt es dazu, um die Alten die-
ſes Zeitalters Poetiſch zu leſen. Wenn ich
den Homer leſe, ſo ſtehe ich im Geiſt in Grie-
chenland auf einem verſammleten Markte, und
ſtelle mir vor, wie der Sanger Jo, im Plato
die Rhapſodien ſeines goͤttlichen Dichters mir
vorſinget, wie er „voll von goͤttlicher Be-
„geiſterung ſeine Zuhoͤrer ſtaunen macht, wie,
„wenn er ſich ſelbſt entriſſen, von dem Ulyſ-
„ſes redet, da er ſich ſeinen Feinden zu er-
„kennen giebt, oder da Achilles den Hektor
„anfaͤllet, er bei jedem Fuͤrchterlichen, die Haa-
„re aufrecht ſtehen, und das Herz ſchlagen
„macht; wie er jedem die Thraͤnen in die
„Augen lockt, wenn er von dem Ungluͤck der
„Andromache, der Hekuba, des Priamus ſin-
„get. Wie die Corybanten, von der Melodie
„des Gottes, der ſie begeiſtert, entzuͤckt, ihre
„trunkene Freude in Worten und Geberden
„zeigen; ſo begeiſtert ihn Homer, und macht
„ihn zum goͤttlichen Boten der Goͤtter.„ Jn
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/74>, abgerufen am 11.09.2024.
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