mehr verdient, und weil für die Deutschen eine ausgebildete Poesie und Prose des gu- ten Verstandes, ohnstreitig die beste Spra- che ist.
Heilmann, der Uebersezzer des Thucydi- des, der gewiß seinen Autor, und die Kunst zu übersezzen gekannt hat: scheint die Biegsamkeit der Deutschen Sprache nicht genug in seiner Gewalt gehabt zu haben, um sie mit der Grie- chischen zusammen zu passen. Jndessen hat freilich dieser Baumgartensche Philolog noch ziemlich seinen Mann gewählt, da er uns den körnichten Thucydides liefert, dessen Schreib- art er uns mit Meisterzügen geschildert hat: *
"Man siehet überall die Miene des großen, "des vornehmen Mannes, der als ein Staats- "mann schreibt, der aber auch nur für Staats- "leute schreiben will; der nichts weniger im "Sinne hat, als ein klaßischer Schriftsteller "zu werden, aus welchem einmal künftig Red- "ner Beispiele zu ihren Vorschriften samm- "len sollten. Er siehet also überall nur auf "die Würde in den Gedanken, und auf den
"Adel
* s. Litt. Br. Th. 3. p. 202.
mehr verdient, und weil fuͤr die Deutſchen eine ausgebildete Poeſie und Proſe des gu- ten Verſtandes, ohnſtreitig die beſte Spra- che iſt.
Heilmann, der Ueberſezzer des Thucydi- des, der gewiß ſeinen Autor, und die Kunſt zu uͤberſezzen gekannt hat: ſcheint die Biegſamkeit der Deutſchen Sprache nicht genug in ſeiner Gewalt gehabt zu haben, um ſie mit der Grie- chiſchen zuſammen zu paſſen. Jndeſſen hat freilich dieſer Baumgartenſche Philolog noch ziemlich ſeinen Mann gewaͤhlt, da er uns den koͤrnichten Thucydides liefert, deſſen Schreib- art er uns mit Meiſterzuͤgen geſchildert hat: *
„Man ſiehet uͤberall die Miene des großen, „des vornehmen Mannes, der als ein Staats- „mann ſchreibt, der aber auch nur fuͤr Staats- „leute ſchreiben will; der nichts weniger im „Sinne hat, als ein klaßiſcher Schriftſteller „zu werden, aus welchem einmal kuͤnftig Red- „ner Beiſpiele zu ihren Vorſchriften ſamm- „len ſollten. Er ſiehet alſo uͤberall nur auf „die Wuͤrde in den Gedanken, und auf den
„Adel
* ſ. Litt. Br. Th. 3. p. 202.
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mehr verdient, und weil fuͤr die Deutſchen
eine ausgebildete Poeſie und Proſe des gu-
ten Verſtandes, ohnſtreitig die beſte Spra-
che iſt.
Heilmann, der Ueberſezzer des Thucydi-
des, der gewiß ſeinen Autor, und die Kunſt zu
uͤberſezzen gekannt hat: ſcheint die Biegſamkeit
der Deutſchen Sprache nicht genug in ſeiner
Gewalt gehabt zu haben, um ſie mit der Grie-
chiſchen zuſammen zu paſſen. Jndeſſen hat
freilich dieſer Baumgartenſche Philolog noch
ziemlich ſeinen Mann gewaͤhlt, da er uns den
koͤrnichten Thucydides liefert, deſſen Schreib-
art er uns mit Meiſterzuͤgen geſchildert hat: *
„Man ſiehet uͤberall die Miene des großen,
„des vornehmen Mannes, der als ein Staats-
„mann ſchreibt, der aber auch nur fuͤr Staats-
„leute ſchreiben will; der nichts weniger im
„Sinne hat, als ein klaßiſcher Schriftſteller
„zu werden, aus welchem einmal kuͤnftig Red-
„ner Beiſpiele zu ihren Vorſchriften ſamm-
„len ſollten. Er ſiehet alſo uͤberall nur auf
„die Wuͤrde in den Gedanken, und auf den
„Adel
* ſ. Litt. Br. Th. 3. p. 202.
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 75. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/79>, abgerufen am 11.09.2024.
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