zeigen können, wie man eine andere Sprache nachzuahmen hätte, wenn nicht Alcäus und Sappho und die übrigen Lyrischen Griechen verlohren wären.
Die historische Uebersezzungen wären wieder für unsern Stil unentbehrlich. "Der "historische Stil will Kürze, und uns man- "geln viele Participien; er fodert Sprach- "naivitäten, und das Deutsche giebt sie nicht. "Mit wie vielem Reize brauchen nicht die "Lateiner ihre Jnfinitiven, wenn wir uns im- "merfort mit unserm Imperfecto schleppen "müssen: Ille hostem aggredi &c. Die "Franzosen haben dies in ihre Sprache über- "tragen. Unsre Hülfswörter, die wir zur "Bildung des Perfecti brauchen, machen "den Stil zu weitschweifig. Die Franzosen "haben ihr erzählendes Perfectum; wir un- "ser Imperfectum, aber sie haben es ja auch. "Folglich kommen wir immer zu kurz. Jn "einem Stil, der durch wenig Zierrathen "abgewechselt wird, wo die Perioden nicht "gedehnt, und durch prächtige Worte voll- "gestopft werden, kommt unendlich viel auf "solche Abänderungen an. Hier müssen wir
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zeigen koͤnnen, wie man eine andere Sprache nachzuahmen haͤtte, wenn nicht Alcaͤus und Sappho und die uͤbrigen Lyriſchen Griechen verlohren waͤren.
Die hiſtoriſche Ueberſezzungen waͤren wieder fuͤr unſern Stil unentbehrlich. „Der „hiſtoriſche Stil will Kuͤrze, und uns man- „geln viele Participien; er fodert Sprach- „naivitaͤten, und das Deutſche giebt ſie nicht. „Mit wie vielem Reize brauchen nicht die „Lateiner ihre Jnfinitiven, wenn wir uns im- „merfort mit unſerm Imperfecto ſchleppen „muͤſſen: Ille hoſtem aggredi &c. Die „Franzoſen haben dies in ihre Sprache uͤber- „tragen. Unſre Huͤlfswoͤrter, die wir zur „Bildung des Perfecti brauchen, machen „den Stil zu weitſchweifig. Die Franzoſen „haben ihr erzaͤhlendes Perfectum; wir un- „ſer Imperfectum, aber ſie haben es ja auch. „Folglich kommen wir immer zu kurz. Jn „einem Stil, der durch wenig Zierrathen „abgewechſelt wird, wo die Perioden nicht „gedehnt, und durch praͤchtige Worte voll- „geſtopft werden, kommt unendlich viel auf „ſolche Abaͤnderungen an. Hier muͤſſen wir
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zeigen koͤnnen, wie man eine andere Sprache
nachzuahmen haͤtte, wenn nicht Alcaͤus und
Sappho und die uͤbrigen Lyriſchen Griechen
verlohren waͤren.
Die hiſtoriſche Ueberſezzungen waͤren
wieder fuͤr unſern Stil unentbehrlich. „Der
„hiſtoriſche Stil will Kuͤrze, und uns man-
„geln viele Participien; er fodert Sprach-
„naivitaͤten, und das Deutſche giebt ſie nicht.
„Mit wie vielem Reize brauchen nicht die
„Lateiner ihre Jnfinitiven, wenn wir uns im-
„merfort mit unſerm Imperfecto ſchleppen
„muͤſſen: Ille hoſtem aggredi &c. Die
„Franzoſen haben dies in ihre Sprache uͤber-
„tragen. Unſre Huͤlfswoͤrter, die wir zur
„Bildung des Perfecti brauchen, machen
„den Stil zu weitſchweifig. Die Franzoſen
„haben ihr erzaͤhlendes Perfectum; wir un-
„ſer Imperfectum, aber ſie haben es ja auch.
„Folglich kommen wir immer zu kurz. Jn
„einem Stil, der durch wenig Zierrathen
„abgewechſelt wird, wo die Perioden nicht
„gedehnt, und durch praͤchtige Worte voll-
„geſtopft werden, kommt unendlich viel auf
„ſolche Abaͤnderungen an. Hier muͤſſen wir
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 84. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/88>, abgerufen am 11.09.2024.
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