ten sie auch von unsrer Sprache; ich darf die unwissende Urtheile des Mauvillon und so vieler andern nicht wiederholen; sie lassen uns jetzt mehr Gerechtigkeit wiederfahren, seitdem das Journal etranger unserm Stil, Premontval und andere sogar unserer Spra- che haben Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Dem ohngeachtet aber macht die wirklich zu große Verschiedenheit der Nationen, ihrer Denk - und Schreibart, ihrer Sitten und Sprache bei ihnen noch immer Jrrungen, die wir ihren mindern Känntnissen zuzuschrei- ben haben.
"Deutsches Ohr, Deutsche Härte, "Deutsche Rauhigkeit! heißt es noch immer! "Unsere Sprache soll etwas barbarisches "an sich haben: so wohl wegen der vielen "Consonanten, mit denen sie überhäuft ist, "als wegen der sonderbaren (bisarren) Con- "struktion ihrer Redensarten, die dem Schrift- "steller keines Weges mehr Freiheit, oder "mehr Hülfsmittel gibt, sondern nur ohne "Noth die Metaphysische Ordnung der Wor- "te störet." Wir wollen diese Stelle etwas beherzigen.
Un-
ten ſie auch von unſrer Sprache; ich darf die unwiſſende Urtheile des Mauvillon und ſo vieler andern nicht wiederholen; ſie laſſen uns jetzt mehr Gerechtigkeit wiederfahren, ſeitdem das Journal étranger unſerm Stil, Premontval und andere ſogar unſerer Spra- che haben Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Dem ohngeachtet aber macht die wirklich zu große Verſchiedenheit der Nationen, ihrer Denk - und Schreibart, ihrer Sitten und Sprache bei ihnen noch immer Jrrungen, die wir ihren mindern Kaͤnntniſſen zuzuſchrei- ben haben.
„Deutſches Ohr, Deutſche Haͤrte, „Deutſche Rauhigkeit! heißt es noch immer! „Unſere Sprache ſoll etwas barbariſches „an ſich haben: ſo wohl wegen der vielen „Conſonanten, mit denen ſie uͤberhaͤuft iſt, „als wegen der ſonderbaren (biſarren) Con- „ſtruktion ihrer Redensarten, die dem Schrift- „ſteller keines Weges mehr Freiheit, oder „mehr Huͤlfsmittel gibt, ſondern nur ohne „Noth die Metaphyſiſche Ordnung der Wor- „te ſtoͤret.„ Wir wollen dieſe Stelle etwas beherzigen.
Un-
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><pbfacs="#f0092"n="88"/>
ten ſie auch von unſrer Sprache; ich darf<lb/>
die unwiſſende Urtheile des <hirendition="#fr">Mauvillon</hi> und<lb/>ſo vieler andern nicht wiederholen; ſie laſſen<lb/>
uns jetzt mehr Gerechtigkeit wiederfahren,<lb/>ſeitdem das <hirendition="#aq">Journal étranger</hi> unſerm Stil,<lb/><hirendition="#fr">Premontval</hi> und andere ſogar unſerer Spra-<lb/>
che haben Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.<lb/>
Dem ohngeachtet aber macht die wirklich zu<lb/>
große Verſchiedenheit der Nationen, ihrer<lb/>
Denk - und Schreibart, ihrer Sitten und<lb/>
Sprache bei ihnen noch immer Jrrungen,<lb/>
die wir ihren mindern Kaͤnntniſſen zuzuſchrei-<lb/>
ben haben.</p><lb/><p>„<hirendition="#fr">Deutſches Ohr, Deutſche Haͤrte,</hi><lb/>„Deutſche Rauhigkeit! heißt es noch immer!<lb/>„Unſere Sprache ſoll etwas barbariſches<lb/>„an ſich haben: ſo wohl wegen der vielen<lb/>„Conſonanten, mit denen ſie uͤberhaͤuft iſt,<lb/>„als wegen der ſonderbaren (biſarren) Con-<lb/>„ſtruktion ihrer Redensarten, die dem Schrift-<lb/>„ſteller keines Weges mehr Freiheit, oder<lb/>„mehr Huͤlfsmittel gibt, ſondern nur ohne<lb/>„Noth die Metaphyſiſche Ordnung der Wor-<lb/>„te ſtoͤret.„ Wir wollen dieſe Stelle etwas<lb/>
beherzigen.</p><lb/><fwplace="bottom"type="catch">Un-</fw><lb/></div></div></body></text></TEI>
[88/0092]
ten ſie auch von unſrer Sprache; ich darf
die unwiſſende Urtheile des Mauvillon und
ſo vieler andern nicht wiederholen; ſie laſſen
uns jetzt mehr Gerechtigkeit wiederfahren,
ſeitdem das Journal étranger unſerm Stil,
Premontval und andere ſogar unſerer Spra-
che haben Gerechtigkeit wiederfahren laſſen.
Dem ohngeachtet aber macht die wirklich zu
große Verſchiedenheit der Nationen, ihrer
Denk - und Schreibart, ihrer Sitten und
Sprache bei ihnen noch immer Jrrungen,
die wir ihren mindern Kaͤnntniſſen zuzuſchrei-
ben haben.
„Deutſches Ohr, Deutſche Haͤrte,
„Deutſche Rauhigkeit! heißt es noch immer!
„Unſere Sprache ſoll etwas barbariſches
„an ſich haben: ſo wohl wegen der vielen
„Conſonanten, mit denen ſie uͤberhaͤuft iſt,
„als wegen der ſonderbaren (biſarren) Con-
„ſtruktion ihrer Redensarten, die dem Schrift-
„ſteller keines Weges mehr Freiheit, oder
„mehr Huͤlfsmittel gibt, ſondern nur ohne
„Noth die Metaphyſiſche Ordnung der Wor-
„te ſtoͤret.„ Wir wollen dieſe Stelle etwas
beherzigen.
Un-
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 88. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/92>, abgerufen am 11.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.