Oden des Pindars, und in die Aeolische Schriftsteller hat einweben können: so woll- ten wir zu den Franzosen laut sagen, was wir seit kurzem haben anfangen können zu sagen: Jhr sagt! meine Sprache schände mich! sehet zu, daß ihr nicht die eurige schän- det: wie einst der Königl. Scythe Anachar- sis, gegen die Griechen sein Vaterland ver- theidigte.
Zweitens: wir haben mehr Hauche in un- serer Sprache, als sie: und die Aspiration gehört so sehr zum Lieblichen der Rede, als der Seufzer zu den zärtlichen Worten des Liebhabers, als der schmeichelnde West, zum Ergötzen des Frühlings: denn mit diesen hat sie einige Aehnlichkeit. Gehet die lieblichen, zärtlichen, angenehmen Wörter durch: sie empfehlen sich alle durch ein sanftes h oder ch, das uns die rauhern Völker so übel nachspre- chen können, die das H, wie z. E. die Rus- sen, in ein scharfes G, das weiche ch, in ein rauhes cch, fast wie das Ain der Hebräer aus- stoßen müssen: daher das H bei einigen Völ- kern das Schibolet ist, woran man kennen kann, daß sie gebohrne Gergesener sind: da
die
Oden des Pindars, und in die Aeoliſche Schriftſteller hat einweben koͤnnen: ſo woll- ten wir zu den Franzoſen laut ſagen, was wir ſeit kurzem haben anfangen koͤnnen zu ſagen: Jhr ſagt! meine Sprache ſchaͤnde mich! ſehet zu, daß ihr nicht die eurige ſchaͤn- det: wie einſt der Koͤnigl. Scythe Anachar- ſis, gegen die Griechen ſein Vaterland ver- theidigte.
Zweitens: wir haben mehr Hauche in un- ſerer Sprache, als ſie: und die Aſpiration gehoͤrt ſo ſehr zum Lieblichen der Rede, als der Seufzer zu den zaͤrtlichen Worten des Liebhabers, als der ſchmeichelnde Weſt, zum Ergoͤtzen des Fruͤhlings: denn mit dieſen hat ſie einige Aehnlichkeit. Gehet die lieblichen, zaͤrtlichen, angenehmen Woͤrter durch: ſie empfehlen ſich alle durch ein ſanftes h oder ch, das uns die rauhern Voͤlker ſo uͤbel nachſpre- chen koͤnnen, die das H, wie z. E. die Ruſ- ſen, in ein ſcharfes G, das weiche ch, in ein rauhes cch, faſt wie das Ain der Hebraͤer aus- ſtoßen muͤſſen: daher das H bei einigen Voͤl- kern das Schibolet iſt, woran man kennen kann, daß ſie gebohrne Gergeſener ſind: da
die
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Oden des Pindars, und in die Aeoliſche
Schriftſteller hat einweben koͤnnen: ſo woll-
ten wir zu den Franzoſen laut ſagen, was
wir ſeit kurzem haben anfangen koͤnnen zu
ſagen: Jhr ſagt! meine Sprache ſchaͤnde
mich! ſehet zu, daß ihr nicht die eurige ſchaͤn-
det: wie einſt der Koͤnigl. Scythe Anachar-
ſis, gegen die Griechen ſein Vaterland ver-
theidigte.
Zweitens: wir haben mehr Hauche in un-
ſerer Sprache, als ſie: und die Aſpiration
gehoͤrt ſo ſehr zum Lieblichen der Rede, als
der Seufzer zu den zaͤrtlichen Worten des
Liebhabers, als der ſchmeichelnde Weſt, zum
Ergoͤtzen des Fruͤhlings: denn mit dieſen hat
ſie einige Aehnlichkeit. Gehet die lieblichen,
zaͤrtlichen, angenehmen Woͤrter durch: ſie
empfehlen ſich alle durch ein ſanftes h oder ch,
das uns die rauhern Voͤlker ſo uͤbel nachſpre-
chen koͤnnen, die das H, wie z. E. die Ruſ-
ſen, in ein ſcharfes G, das weiche ch, in ein
rauhes cch, faſt wie das Ain der Hebraͤer aus-
ſtoßen muͤſſen: daher das H bei einigen Voͤl-
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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 90. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/94>, abgerufen am 11.09.2024.
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