Heyse, Paul: Der Weinhüter von Meran. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 173–319. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.Nicht der Todtschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen schwerlich nahe gegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war -- seine Schwester --! -- Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum ersten Mal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Thier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwogene Gesell mit dem Mädchen schön gethan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders vertheidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen. Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schleckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach Nicht der Todtschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen schwerlich nahe gegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war — seine Schwester —! — Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum ersten Mal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Thier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwogene Gesell mit dem Mädchen schön gethan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders vertheidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen. Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schleckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach <TEI> <text> <body> <div type="chapter" n="1"> <pb facs="#f0063"/> <p>Nicht der Todtschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen schwerlich nahe gegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war — seine Schwester —! — Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum ersten Mal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Thier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwogene Gesell mit dem Mädchen schön gethan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders vertheidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen.</p><lb/> <p>Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schleckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0063]
Nicht der Todtschlag war es, der ihm so grauenvoll aufs Gewissen fiel. Sie waren als ruchlose Räuber bei nächtlicher Weile eingebrochen, und was sie traf, war gerechte Rache für ihre Heimtücke. Wenn der andere Weißrock, der entflohene, der ihm völlig fremd war, so vor ihm dagelegen hätte mit zerschelltem Hinterhaupt, das Gesicht in die Lache seines eigenen Blutes gedrückt, wär' es dem trotzigen Burschen schwerlich nahe gegangen. Aber daß es dieser sein mußte, den er gehaßt hatte, gehaßt, weil die Moidi ihm freundlich gewesen war — seine Schwester —! — Das Blut schien ihm zu Eisklumpen zu gerinnen, wie er es jetzt zum ersten Mal mit unbarmherziger Klarheit vor sich stehen sah, sein fluchwürdiges Schicksal. Mit Rache- und Blutgedanken hatte er am Wege gelauert den ganzen Tag und die halbe Nacht. Was war ihm der Frevel an den Rebstöcken und dem unschuldigen Thier? Einen ganz anderen Frevel hatte er zu rächen: daß dieser verwogene Gesell mit dem Mädchen schön gethan, daß das Mädchen über seine Reden gelacht, daß sie ihn gegen den Zorn des Bruders vertheidigt hatte. Darum hatte er büßen müssen, darum lag er jetzt so still in seinem Blut, und der vor ihm stand, war kein Hüter des Gesetzes, sondern ein Mörder, geächtet von seinem eigenen Gewissen.
Der Köbele kam jetzt heran, und sein Schritt schleckte den hoffnungslos Brütenden auf. Er sprach
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| Zitationshilfe: | Heyse, Paul: Der Weinhüter von Meran. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 17. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 173–319. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/heyse_weinhueter_1910/63>, abgerufen am 11.09.2024. |


