Hippel, Theodor Gottlieb von: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie. Bd. 1. Berlin, 1778.
über Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht Armseeligkeit zu sehen ist. Wenn Jemand, der aufziehen will, wieder aufgezogen wird, und den Kürzern zieht, so, daß ihm zum Nach- theil der Vorhang fällt, klatschet alles in die Hände. Ists aber nicht Eitelkeit und arm- seeliger Stolz, über Ungereimtheiten sich er- götzen? Solte man wol darüber lachen, weil man klüger als ein andrer ist? Hier giebts so viel Feinheiten, daß ich gewiß glaube, das Lachen sey die Probe vom Menschen -- wie und wenn er lacht? zeigt, was er ist, ob- schon das Gesicht das Protocoll vom Charak- ter, und die andern Theile das Protocoll vom Temperament sind. -- Scheint es Ih- nen nicht auch, der menschlichste Mensch, der beste Lacher, begeht einen Widerspruch, wenn er über einen Widerspruch sich freut, das ist, wenn er lacht. -- Jemanden mit weinenden Augen lachen sehen, ist ein schöner Anblick -- Ein Regenbogen ists -- Schriftsteller, die Thränen mit dem Lachen kämpfen lassen, so, daß keines die Oberherrschaft erhält, treffen das Leben eines Weisen. Herr v. G. Citronensaft mit Zucker. Ich für mein Theil liebe nichts sauersüßes. Es lebe das fröhliche Herz. Ist das Lachen gleich Wi- C c 5
uͤber Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht Armſeeligkeit zu ſehen iſt. Wenn Jemand, der aufziehen will, wieder aufgezogen wird, und den Kuͤrzern zieht, ſo, daß ihm zum Nach- theil der Vorhang faͤllt, klatſchet alles in die Haͤnde. Iſts aber nicht Eitelkeit und arm- ſeeliger Stolz, uͤber Ungereimtheiten ſich er- goͤtzen? Solte man wol daruͤber lachen, weil man kluͤger als ein andrer iſt? Hier giebts ſo viel Feinheiten, daß ich gewiß glaube, das Lachen ſey die Probe vom Menſchen — wie und wenn er lacht? zeigt, was er iſt, ob- ſchon das Geſicht das Protocoll vom Charak- ter, und die andern Theile das Protocoll vom Temperament ſind. — Scheint es Ih- nen nicht auch, der menſchlichſte Menſch, der beſte Lacher, begeht einen Widerſpruch, wenn er uͤber einen Widerſpruch ſich freut, das iſt, wenn er lacht. — Jemanden mit weinenden Augen lachen ſehen, iſt ein ſchoͤner Anblick — Ein Regenbogen iſts — Schriftſteller, die Thraͤnen mit dem Lachen kaͤmpfen laſſen, ſo, daß keines die Oberherrſchaft erhaͤlt, treffen das Leben eines Weiſen. Herr v. G. Citronenſaft mit Zucker. Ich fuͤr mein Theil liebe nichts ſauerſuͤßes. Es lebe das froͤhliche Herz. Iſt das Lachen gleich Wi- C c 5
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uͤber Kleidung, wenn Eitelkeit und nicht
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der aufziehen will, wieder aufgezogen wird,
und den Kuͤrzern zieht, ſo, daß ihm zum Nach-
theil der Vorhang faͤllt, klatſchet alles in die
Haͤnde. Iſts aber nicht Eitelkeit und arm-
ſeeliger Stolz, uͤber Ungereimtheiten ſich er-
goͤtzen? Solte man wol daruͤber lachen, weil
man kluͤger als ein andrer iſt? Hier giebts ſo
viel Feinheiten, daß ich gewiß glaube, das
Lachen ſey die Probe vom Menſchen — wie
und wenn er lacht? zeigt, was er iſt, ob-
ſchon das Geſicht das Protocoll vom Charak-
ter, und die andern Theile das Protocoll
vom Temperament ſind. — Scheint es Ih-
nen nicht auch, der menſchlichſte Menſch, der
beſte Lacher, begeht einen Widerſpruch, wenn
er uͤber einen Widerſpruch ſich freut, das iſt,
wenn er lacht. — Jemanden mit weinenden
Augen lachen ſehen, iſt ein ſchoͤner Anblick —
Ein Regenbogen iſts — Schriftſteller, die
Thraͤnen mit dem Lachen kaͤmpfen laſſen, ſo,
daß keines die Oberherrſchaft erhaͤlt, treffen
das Leben eines Weiſen.
Herr v. G. Citronenſaft mit Zucker. Ich
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| Zitationshilfe: | Hippel, Theodor Gottlieb von: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie. Bd. 1. Berlin, 1778, S. 407. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hippel_lebenslaeufe01_1778/419>, abgerufen am 25.09.2024. |


