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Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.

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Bedaure du mich nur!
Doch tadeln, Gute, sollst du mir es nicht!
Nennst du sie Schatten, jene, die ich liebe?
Da ich kein Kind mehr war, da ich ins Leben
Erwachte, da aufs neu mein Auge sich
Dem Himmel öffnet' und dem Licht, da schlug
Mein Herz dem Schönen; und ich fand es noch;
Wie soll ichs nennen, nun es nicht mehr ist
Für mich? O laßt! Ich kann die Todten lieben,
Die Fernen; und die Zeit bezwingt mich nicht.
Mein oder nicht! du bist doch schön, ich diene
Nicht Einem, was der Stunde nur gefällt,
Dem Täglichen gehör ich nicht; es ist
Ein Anders, was ich lieb'; unsterblich
Ist, was du bist, und du bedarfst nicht meiner,
Damit du groß und gut und liebenswürdig
Und herrlich seyst, du edler Genius!
Laßt nur mich stolz in meinem Leide seyn,
Und zürnen, wenn ich ihn verläugnen soll;
Bin ich doch sonst geduldig, und nicht oft
Aus meinem Munde kömmt ein Männerwort.
Demüthigt michs doch schon genug, daß ich,
Was ich dir lang verborgen, nun gesagt.

Bedaure du mich nur!
Doch tadeln, Gute, ſollſt du mir es nicht!
Nennſt du ſie Schatten, jene, die ich liebe?
Da ich kein Kind mehr war, da ich ins Leben
Erwachte, da aufs neu mein Auge ſich
Dem Himmel oͤffnet' und dem Licht, da ſchlug
Mein Herz dem Schoͤnen; und ich fand es noch;
Wie ſoll ichs nennen, nun es nicht mehr iſt
Fuͤr mich? O laßt! Ich kann die Todten lieben,
Die Fernen; und die Zeit bezwingt mich nicht.
Mein oder nicht! du biſt doch ſchoͤn, ich diene
Nicht Einem, was der Stunde nur gefaͤllt,
Dem Taͤglichen gehoͤr ich nicht; es iſt
Ein Anders, was ich lieb'; unſterblich
Iſt, was du biſt, und du bedarfſt nicht meiner,
Damit du groß und gut und liebenswuͤrdig
Und herrlich ſeyſt, du edler Genius!
Laßt nur mich ſtolz in meinem Leide ſeyn,
Und zuͤrnen, wenn ich ihn verlaͤugnen ſoll;
Bin ich doch ſonſt geduldig, und nicht oft
Aus meinem Munde koͤmmt ein Maͤnnerwort.
Demuͤthigt michs doch ſchon genug, daß ich,
Was ich dir lang verborgen, nun geſagt.

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[99/0107] Bedaure du mich nur! Doch tadeln, Gute, ſollſt du mir es nicht! Nennſt du ſie Schatten, jene, die ich liebe? Da ich kein Kind mehr war, da ich ins Leben Erwachte, da aufs neu mein Auge ſich Dem Himmel oͤffnet' und dem Licht, da ſchlug Mein Herz dem Schoͤnen; und ich fand es noch; Wie ſoll ichs nennen, nun es nicht mehr iſt Fuͤr mich? O laßt! Ich kann die Todten lieben, Die Fernen; und die Zeit bezwingt mich nicht. Mein oder nicht! du biſt doch ſchoͤn, ich diene Nicht Einem, was der Stunde nur gefaͤllt, Dem Taͤglichen gehoͤr ich nicht; es iſt Ein Anders, was ich lieb'; unſterblich Iſt, was du biſt, und du bedarfſt nicht meiner, Damit du groß und gut und liebenswuͤrdig Und herrlich ſeyſt, du edler Genius! Laßt nur mich ſtolz in meinem Leide ſeyn, Und zuͤrnen, wenn ich ihn verlaͤugnen ſoll; Bin ich doch ſonſt geduldig, und nicht oft Aus meinem Munde koͤmmt ein Maͤnnerwort. Demuͤthigt michs doch ſchon genug, daß ich, Was ich dir lang verborgen, nun geſagt.

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Zitationshilfe: Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 99. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hoelderlin_gedichte_1826/107>, abgerufen am 20.02.2024.