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Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826.

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Laß mich schweigen! o laß nimmer von nun an mich
Dieses Tödtliche sehn, daß ich im Frieden doch
Hin ins Einsame ziehe,
Und noch unser der Abschied sey!
Reich die Schale mir selbst, daß ich des rettenden
Heil'gen Giftes genug, daß ich des Lethetranks
Mit Dir trinke, daß alles
Haß und Liebe vergessen sey!
Hingehn will ich. Vielleicht seh' ich in langer Zeit
Diotima! Dich hier. Aber verblutet ist
Dann das Wünschen und friedlich
Gleich den Seligen, fremd sind wir.
Und ein ruhig Gespräch führet uns auf und ab,
Sinnend, zögernd, doch itzt faßt die Vergessenen
Hier die Stelle des Abschieds,
Es erwarmet ein Herz in uns,
Staunend seh' ich dich an, Stimmen und süßen Sang,
Wie aus voriger Zeit, hör' ich und Saitenspiel,
Und befreiet in Flammen
Fliegt in Lüfte der Geist uns auf.

Laß mich ſchweigen! o laß nimmer von nun an mich
Dieſes Toͤdtliche ſehn, daß ich im Frieden doch
Hin ins Einſame ziehe,
Und noch unſer der Abſchied ſey!
Reich die Schale mir ſelbſt, daß ich des rettenden
Heil'gen Giftes genug, daß ich des Lethetranks
Mit Dir trinke, daß alles
Haß und Liebe vergeſſen ſey!
Hingehn will ich. Vielleicht ſeh' ich in langer Zeit
Diotima! Dich hier. Aber verblutet iſt
Dann das Wuͤnſchen und friedlich
Gleich den Seligen, fremd ſind wir.
Und ein ruhig Geſpraͤch fuͤhret uns auf und ab,
Sinnend, zoͤgernd, doch itzt faßt die Vergeſſenen
Hier die Stelle des Abſchieds,
Es erwarmet ein Herz in uns,
Staunend ſeh' ich dich an, Stimmen und ſuͤßen Sang,
Wie aus voriger Zeit, hoͤr' ich und Saitenſpiel,
Und befreiet in Flammen
Fliegt in Luͤfte der Geiſt uns auf.

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[77/0085] Laß mich ſchweigen! o laß nimmer von nun an mich Dieſes Toͤdtliche ſehn, daß ich im Frieden doch Hin ins Einſame ziehe, Und noch unſer der Abſchied ſey! Reich die Schale mir ſelbſt, daß ich des rettenden Heil'gen Giftes genug, daß ich des Lethetranks Mit Dir trinke, daß alles Haß und Liebe vergeſſen ſey! Hingehn will ich. Vielleicht ſeh' ich in langer Zeit Diotima! Dich hier. Aber verblutet iſt Dann das Wuͤnſchen und friedlich Gleich den Seligen, fremd ſind wir. Und ein ruhig Geſpraͤch fuͤhret uns auf und ab, Sinnend, zoͤgernd, doch itzt faßt die Vergeſſenen Hier die Stelle des Abſchieds, Es erwarmet ein Herz in uns, Staunend ſeh' ich dich an, Stimmen und ſuͤßen Sang, Wie aus voriger Zeit, hoͤr' ich und Saitenſpiel, Und befreiet in Flammen Fliegt in Luͤfte der Geiſt uns auf.

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Zitationshilfe: Hölderlin, Friedrich: Gedichte. Stuttgart u. a., 1826, S. 77. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hoelderlin_gedichte_1826/85>, abgerufen am 21.02.2024.