zu erheischen. Man steuerte nicht weiter dem Lande zu, und da das Senkblei nur 5,5 bis 7,3 m Wasser anzeigte, warf man eilends den Anker aus.
Küsten, aus der Ferne gesehen, verhalten sich wie Wolken, in denen jeder Beobachter die Gegenstände erblickt, die seine Einbildungskraft beschäftigen. Da unsere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den Karten, die uns zur Hand waren, im Widerspruch standen, so verlor man sich in eitlen Mutmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianer- hütten und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mußte; andere sahen die Ziegenherden, welche im dürren Thale von San Juan so häufig sind; sie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in Wolken gehüllt schienen. Der Kapitän beschloß, einen Steuermann ans Land zu schicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Wasser zu lassen, da das Boot auf der Reede von Santa Cruz durch die Brandung stark gelitten hatte. Da die Küste ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Korvette schwierig werden, wenn der Wind abends stark wurde.
Als wir uns eben anschickten, ans Land zu gehen, sah man zwei Piroguen an der Küste hinfahren. Man rief sie durch einen zweiten Kanonenschuß an, und obgleich man die Flagge von Kastilien aufgezogen hatte, kamen sie doch nur zögernd herbei. Diese Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus einem Baumstamm, und in jeder befanden sich achtzehn In- dianer von Stamme der Guaykari (Guayqueries), nackt bis zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr Körperbau zeugte von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein Mittel- ding zwischen braun und kupferrot. Von weitem, wie sie unbeweglich dasaßen und sich vom Horizont abhoben, konnte man sie für Bronzestatuen halten. Dies war uns um so auf- fallender, da es so wenig dem Begriff entsprach, den wir uns nach manchen Reiseberichten von der eigentümlichen Körper- bildung und der großen Körperschwäche der Eingeborenen ge- macht hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die Grenzen der Provinz Cumana nicht zu überschreiten, wie auffallend die Guayqueries äußer- lich von den Chaymas und den Kariben verschieden sind. So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt scheinen, da sie ja derselben Rasse angehören, so unterscheiden sich doch die Stämme nicht selten bedeutend im Körperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln Hautfarbe, im Blick,
zu erheiſchen. Man ſteuerte nicht weiter dem Lande zu, und da das Senkblei nur 5,5 bis 7,3 m Waſſer anzeigte, warf man eilends den Anker aus.
Küſten, aus der Ferne geſehen, verhalten ſich wie Wolken, in denen jeder Beobachter die Gegenſtände erblickt, die ſeine Einbildungskraft beſchäftigen. Da unſere Aufnahmen und die Angabe des Chronometers mit den Karten, die uns zur Hand waren, im Widerſpruch ſtanden, ſo verlor man ſich in eitlen Mutmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianer- hütten und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort Pampatar liegen mußte; andere ſahen die Ziegenherden, welche im dürren Thale von San Juan ſo häufig ſind; ſie zeigten die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in Wolken gehüllt ſchienen. Der Kapitän beſchloß, einen Steuermann ans Land zu ſchicken; man legte Hand an, um die Schaluppe ins Waſſer zu laſſen, da das Boot auf der Reede von Santa Cruz durch die Brandung ſtark gelitten hatte. Da die Küſte ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Korvette ſchwierig werden, wenn der Wind abends ſtark wurde.
Als wir uns eben anſchickten, ans Land zu gehen, ſah man zwei Piroguen an der Küſte hinfahren. Man rief ſie durch einen zweiten Kanonenſchuß an, und obgleich man die Flagge von Kaſtilien aufgezogen hatte, kamen ſie doch nur zögernd herbei. Dieſe Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus einem Baumſtamm, und in jeder befanden ſich achtzehn In- dianer von Stamme der Guaykari (Guayqueries), nackt bis zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr Körperbau zeugte von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein Mittel- ding zwiſchen braun und kupferrot. Von weitem, wie ſie unbeweglich daſaßen und ſich vom Horizont abhoben, konnte man ſie für Bronzeſtatuen halten. Dies war uns um ſo auf- fallender, da es ſo wenig dem Begriff entſprach, den wir uns nach manchen Reiſeberichten von der eigentümlichen Körper- bildung und der großen Körperſchwäche der Eingeborenen ge- macht hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung, und brauchten deshalb die Grenzen der Provinz Cumana nicht zu überſchreiten, wie auffallend die Guayqueries äußer- lich von den Chaymas und den Kariben verſchieden ſind. So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt ſcheinen, da ſie ja derſelben Raſſe angehören, ſo unterſcheiden ſich doch die Stämme nicht ſelten bedeutend im Körperwuchs, in der mehr oder weniger dunkeln Hautfarbe, im Blick,
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zu erheiſchen. Man ſteuerte nicht weiter dem Lande zu, und
da das Senkblei nur 5,5 bis 7,3 m Waſſer anzeigte, warf
man eilends den Anker aus.
Küſten, aus der Ferne geſehen, verhalten ſich wie Wolken,
in denen jeder Beobachter die Gegenſtände erblickt, die ſeine
Einbildungskraft beſchäftigen. Da unſere Aufnahmen und die
Angabe des Chronometers mit den Karten, die uns zur Hand
waren, im Widerſpruch ſtanden, ſo verlor man ſich in eitlen
Mutmaßungen. Die einen hielten Sandhaufen für Indianer-
hütten und deuteten auf den Punkt, wo nach ihnen das Fort
Pampatar liegen mußte; andere ſahen die Ziegenherden, welche
im dürren Thale von San Juan ſo häufig ſind; ſie zeigten
die hohen Berge von Macanao, die ihnen halb in Wolken
gehüllt ſchienen. Der Kapitän beſchloß, einen Steuermann
ans Land zu ſchicken; man legte Hand an, um die Schaluppe
ins Waſſer zu laſſen, da das Boot auf der Reede von Santa
Cruz durch die Brandung ſtark gelitten hatte. Da die Küſte
ziemlich fern war, konnte die Rückfahrt zur Korvette ſchwierig
werden, wenn der Wind abends ſtark wurde.
Als wir uns eben anſchickten, ans Land zu gehen, ſah
man zwei Piroguen an der Küſte hinfahren. Man rief ſie
durch einen zweiten Kanonenſchuß an, und obgleich man die Flagge
von Kaſtilien aufgezogen hatte, kamen ſie doch nur zögernd
herbei. Dieſe Piroguen waren, wie alle der Eingeborenen, aus
einem Baumſtamm, und in jeder befanden ſich achtzehn In-
dianer von Stamme der Guaykari (Guayqueries), nackt bis
zum Gürtel und von hohem Wuchs. Ihr Körperbau zeugte
von großer Muskelkraft und ihre Hautfarbe war ein Mittel-
ding zwiſchen braun und kupferrot. Von weitem, wie ſie
unbeweglich daſaßen und ſich vom Horizont abhoben, konnte
man ſie für Bronzeſtatuen halten. Dies war uns um ſo auf-
fallender, da es ſo wenig dem Begriff entſprach, den wir uns
nach manchen Reiſeberichten von der eigentümlichen Körper-
bildung und der großen Körperſchwäche der Eingeborenen ge-
macht hatten. Wir machten in der Folge die Erfahrung,
und brauchten deshalb die Grenzen der Provinz Cumana
nicht zu überſchreiten, wie auffallend die Guayqueries äußer-
lich von den Chaymas und den Kariben verſchieden ſind.
So nahe alle Völker Amerikas miteinander verwandt ſcheinen,
da ſie ja derſelben Raſſe angehören, ſo unterſcheiden ſich
doch die Stämme nicht ſelten bedeutend im Körperwuchs,
in der mehr oder weniger dunkeln Hautfarbe, im Blick,
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 149. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/165>, abgerufen am 25.09.2024.
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