aus dem bei den einen Seelenruhe und Sanftmut, bei anderen ein unheimliches Mittelding von Trübsinn und Wild- heit spricht.
Sobald die Piroguen so nahe waren, daß man die Indianer spanisch anrufen konnte, verloren sie ihr Mißtrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, sei die Insel Coche, die immer unbewohnt gewesen und an der die spanischen Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich zwischen derselben und der Insel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar einen Lotsen einzunehmen. Unbe- kannt in der Gegend, waren wir in den Kanal südlich von Coche geraten, und da die englischen Kreuzer sich damals häufig in diesen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer für ein feindliches Fahrzeug angesehen. Die südliche Durch- fahrt hat allerdings bedeutende Vorteile für Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; sie hat weniger Wassertiefe als die nördliche, weit schmälere Durchfahrt, aber man läuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man sich nahe an den Inseln Lobos und Moros del Tunal hält. Der Kanal zwischen Coche und Margarita wird durch die Untiefen am nordwestlichen Vorgebirge von Coche und durch die Bank an der Punta de Mangles eingeengt.
Die Guaykari gehören zum Stamm civilisierter In- dianer, welche auf den Küsten von Margarita und in den Vorstädten von Cumana wohnen. Nach den Kariben des spanischen Guyana sind sie der schönste Menschenschlag in Terra Firma. Sie genießen verschiedener Vorrechte, da sie seit der ersten Zeit der Eroberung sich als treue Freunde der Kastilianer bewährt haben. Der König von Spanien nennt sie daher auch in seinen Handschreiben "seine lieben, edlen und getreuen Guaykari". Die Indianer, auf die wir in den zwei Piroguen gestoßen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht verlassen. Sie wollten Bauholz in den Cedro- wäldern 1 holen, die sich vom Kap San Jose bis über die Mündung des Rio Carupano hinaus erstrecken. Sie gaben uns frische Kokosnüsse und einige Fische von der Gattung Choetodon, deren Farben wir nicht genug bewundern konnten. Welche Schätze enthielten in unseren Augen die Kähne der
1Cedrela odorata, Linne.
aus dem bei den einen Seelenruhe und Sanftmut, bei anderen ein unheimliches Mittelding von Trübſinn und Wild- heit ſpricht.
Sobald die Piroguen ſo nahe waren, daß man die Indianer ſpaniſch anrufen konnte, verloren ſie ihr Mißtrauen und fuhren geradezu an Bord. Wir erfuhren von ihnen, das niedrige Eiland, bei dem wir geankert, ſei die Inſel Coche, die immer unbewohnt geweſen und an der die ſpaniſchen Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich zwiſchen derſelben und der Inſel Margarita durchgehen, um im Hafen von Pampatar einen Lotſen einzunehmen. Unbe- kannt in der Gegend, waren wir in den Kanal ſüdlich von Coche geraten, und da die engliſchen Kreuzer ſich damals häufig in dieſen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer für ein feindliches Fahrzeug angeſehen. Die ſüdliche Durch- fahrt hat allerdings bedeutende Vorteile für Schiffe, die von Cumana nach Barcelona gehen; ſie hat weniger Waſſertiefe als die nördliche, weit ſchmälere Durchfahrt, aber man läuft nicht Gefahr aufzufahren, wenn man ſich nahe an den Inſeln Lobos und Moros del Tunal hält. Der Kanal zwiſchen Coche und Margarita wird durch die Untiefen am nordweſtlichen Vorgebirge von Coche und durch die Bank an der Punta de Mangles eingeengt.
Die Guaykari gehören zum Stamm civiliſierter In- dianer, welche auf den Küſten von Margarita und in den Vorſtädten von Cumana wohnen. Nach den Kariben des ſpaniſchen Guyana ſind ſie der ſchönſte Menſchenſchlag in Terra Firma. Sie genießen verſchiedener Vorrechte, da ſie ſeit der erſten Zeit der Eroberung ſich als treue Freunde der Kaſtilianer bewährt haben. Der König von Spanien nennt ſie daher auch in ſeinen Handſchreiben „ſeine lieben, edlen und getreuen Guaykari“. Die Indianer, auf die wir in den zwei Piroguen geſtoßen, hatten den Hafen von Cumana in der Nacht verlaſſen. Sie wollten Bauholz in den Cedro- wäldern 1 holen, die ſich vom Kap San Joſe bis über die Mündung des Rio Carupano hinaus erſtrecken. Sie gaben uns friſche Kokosnüſſe und einige Fiſche von der Gattung Choetodon, deren Farben wir nicht genug bewundern konnten. Welche Schätze enthielten in unſeren Augen die Kähne der
1Cedrela odorata, Linné.
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aus dem bei den einen Seelenruhe und Sanftmut, bei
anderen ein unheimliches Mittelding von Trübſinn und Wild-
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Sobald die Piroguen ſo nahe waren, daß man die
Indianer ſpaniſch anrufen konnte, verloren ſie ihr Mißtrauen
und fuhren geradezu an Bord. Wir erfuhren von ihnen, das
niedrige Eiland, bei dem wir geankert, ſei die Inſel Coche,
die immer unbewohnt geweſen und an der die ſpaniſchen
Schiffe, die aus Europa kommen, gewöhnlich weiter nördlich
zwiſchen derſelben und der Inſel Margarita durchgehen, um
im Hafen von Pampatar einen Lotſen einzunehmen. Unbe-
kannt in der Gegend, waren wir in den Kanal ſüdlich von
Coche geraten, und da die engliſchen Kreuzer ſich damals
häufig in dieſen Strichen zeigten, hatten uns die Indianer
für ein feindliches Fahrzeug angeſehen. Die ſüdliche Durch-
fahrt hat allerdings bedeutende Vorteile für Schiffe, die von
Cumana nach Barcelona gehen; ſie hat weniger Waſſertiefe
als die nördliche, weit ſchmälere Durchfahrt, aber man läuft
nicht Gefahr aufzufahren, wenn man ſich nahe an den Inſeln
Lobos und Moros del Tunal hält. Der Kanal zwiſchen Coche
und Margarita wird durch die Untiefen am nordweſtlichen
Vorgebirge von Coche und durch die Bank an der Punta de
Mangles eingeengt.
Die Guaykari gehören zum Stamm civiliſierter In-
dianer, welche auf den Küſten von Margarita und in den
Vorſtädten von Cumana wohnen. Nach den Kariben des
ſpaniſchen Guyana ſind ſie der ſchönſte Menſchenſchlag in
Terra Firma. Sie genießen verſchiedener Vorrechte, da ſie
ſeit der erſten Zeit der Eroberung ſich als treue Freunde der
Kaſtilianer bewährt haben. Der König von Spanien nennt
ſie daher auch in ſeinen Handſchreiben „ſeine lieben, edlen und
getreuen Guaykari“. Die Indianer, auf die wir in den
zwei Piroguen geſtoßen, hatten den Hafen von Cumana in
der Nacht verlaſſen. Sie wollten Bauholz in den Cedro-
wäldern 1 holen, die ſich vom Kap San Joſe bis über die
Mündung des Rio Carupano hinaus erſtrecken. Sie gaben
uns friſche Kokosnüſſe und einige Fiſche von der Gattung
Choetodon, deren Farben wir nicht genug bewundern konnten.
Welche Schätze enthielten in unſeren Augen die Kähne der
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 150. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/166>, abgerufen am 25.09.2024.
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