Sie betrachteten sie mit stillem, nachdenklichem Ernste, wie er sich an einem Orte ziemte, der für sie solche Schauer hat. Diese unterirdischen, bleichen, formlosen Gewächse mochten ihnen wie Gespenster erscheinen, die vom Erdboden hierher ge- bannt waren. Mich aber erinnerten sie an eine der glück- lichsten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Auf- enthalt in den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen der Pflanzen Versuche anstellte, die sehr verschieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war oder viel Wasserstoff und Stick- stoff enthielt.
Mit aller ihrer Autorität konnten die Missionäre die Indianer nicht vermögen, noch weiter in die Höhle hinein- zugehen. Je mehr die Decke sich senkte, desto gellender wurde das Geschrei der Guacharos. Wir mußten uns der Feigheit unserer Führer gefangen geben und umkehren. Man sah auch überall so ziemlich das Nämliche. Ein Bischof von St. Thomas in Guyana scheint weiter gekommen zu sein als wir; er hatte vom Eingange bis zum Punkte, wo er Halt machte, 812 m gemessen, und die Höhle lief noch weiter fort. Die Erinnerung an diesen Vorfall hat sich im Kloster Caripe erhalten, nur weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Bischof hatte sich mit dicken Kerzen aus weißem spanischen Wachs versehen; wir hatten nur Fackeln aus Baumrinde und einheimischem Harze. Der dicke Rauch solcher Fackeln in engem, unter- irdischem Raume thut den Augen weh und macht das Atmen beschwerlich.
Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus. Ehe unsere Augen vom Tageslichte geblendet wurden, sahen wir vor der Höhle draußen das Wasser durch das Laub der Bäume glänzen. Es war, als stünde weit weg ein Gemälde vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen dazu. Als wir endlich heraus waren, setzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der Anstrengung aus. Wir waren froh, daß wir das heisere Geschrei der Vögel nicht mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo sich mit der Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und der Stille paart. Wir konnten es kaum glauben, daß der Name Höhle von Caripe bis jetzt in Europa völlig unbekannt gewesen sein sollte. Schon wegen der Guacharos hätte sie berühmt werden sollen; denn außer den Bergen von Caripe und Cumanacoa hat man diese Nachtvögel bis jetzt nirgends angetroffen.
Sie betrachteten ſie mit ſtillem, nachdenklichem Ernſte, wie er ſich an einem Orte ziemte, der für ſie ſolche Schauer hat. Dieſe unterirdiſchen, bleichen, formloſen Gewächſe mochten ihnen wie Geſpenſter erſcheinen, die vom Erdboden hierher ge- bannt waren. Mich aber erinnerten ſie an eine der glück- lichſten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Auf- enthalt in den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen der Pflanzen Verſuche anſtellte, die ſehr verſchieden ausfielen, je nachdem die Luft rein war oder viel Waſſerſtoff und Stick- ſtoff enthielt.
Mit aller ihrer Autorität konnten die Miſſionäre die Indianer nicht vermögen, noch weiter in die Höhle hinein- zugehen. Je mehr die Decke ſich ſenkte, deſto gellender wurde das Geſchrei der Guacharos. Wir mußten uns der Feigheit unſerer Führer gefangen geben und umkehren. Man ſah auch überall ſo ziemlich das Nämliche. Ein Biſchof von St. Thomas in Guyana ſcheint weiter gekommen zu ſein als wir; er hatte vom Eingange bis zum Punkte, wo er Halt machte, 812 m gemeſſen, und die Höhle lief noch weiter fort. Die Erinnerung an dieſen Vorfall hat ſich im Kloſter Caripe erhalten, nur weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Biſchof hatte ſich mit dicken Kerzen aus weißem ſpaniſchen Wachs verſehen; wir hatten nur Fackeln aus Baumrinde und einheimiſchem Harze. Der dicke Rauch ſolcher Fackeln in engem, unter- irdiſchem Raume thut den Augen weh und macht das Atmen beſchwerlich.
Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus. Ehe unſere Augen vom Tageslichte geblendet wurden, ſahen wir vor der Höhle draußen das Waſſer durch das Laub der Bäume glänzen. Es war, als ſtünde weit weg ein Gemälde vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen dazu. Als wir endlich heraus waren, ſetzten wir uns am Bache nieder und ruhten von der Anſtrengung aus. Wir waren froh, daß wir das heiſere Geſchrei der Vögel nicht mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo ſich mit der Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und der Stille paart. Wir konnten es kaum glauben, daß der Name Höhle von Caripe bis jetzt in Europa völlig unbekannt geweſen ſein ſollte. Schon wegen der Guacharos hätte ſie berühmt werden ſollen; denn außer den Bergen von Caripe und Cumanacoa hat man dieſe Nachtvögel bis jetzt nirgends angetroffen.
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Sie betrachteten ſie mit ſtillem, nachdenklichem Ernſte, wie er
ſich an einem Orte ziemte, der für ſie ſolche Schauer hat.
Dieſe unterirdiſchen, bleichen, formloſen Gewächſe mochten
ihnen wie Geſpenſter erſcheinen, die vom Erdboden hierher ge-
bannt waren. Mich aber erinnerten ſie an eine der glück-
lichſten Zeiten meiner frühen Jugend, an einen langen Auf-
enthalt in den Freiberger Erzgruben, wo ich über das Vergeilen
der Pflanzen Verſuche anſtellte, die ſehr verſchieden ausfielen,
je nachdem die Luft rein war oder viel Waſſerſtoff und Stick-
ſtoff enthielt.
Mit aller ihrer Autorität konnten die Miſſionäre die
Indianer nicht vermögen, noch weiter in die Höhle hinein-
zugehen. Je mehr die Decke ſich ſenkte, deſto gellender wurde
das Geſchrei der Guacharos. Wir mußten uns der Feigheit
unſerer Führer gefangen geben und umkehren. Man ſah auch
überall ſo ziemlich das Nämliche. Ein Biſchof von St. Thomas
in Guyana ſcheint weiter gekommen zu ſein als wir; er hatte
vom Eingange bis zum Punkte, wo er Halt machte, 812 m
gemeſſen, und die Höhle lief noch weiter fort. Die Erinnerung
an dieſen Vorfall hat ſich im Kloſter Caripe erhalten, nur
weiß man den Zeitpunkt nicht genau. Der Biſchof hatte ſich
mit dicken Kerzen aus weißem ſpaniſchen Wachs verſehen;
wir hatten nur Fackeln aus Baumrinde und einheimiſchem
Harze. Der dicke Rauch ſolcher Fackeln in engem, unter-
irdiſchem Raume thut den Augen weh und macht das Atmen
beſchwerlich.
Wir gingen dem Bache nach wieder zur Höhle hinaus.
Ehe unſere Augen vom Tageslichte geblendet wurden, ſahen
wir vor der Höhle draußen das Waſſer durch das Laub der
Bäume glänzen. Es war, als ſtünde weit weg ein Gemälde
vor uns und die Oeffnung der Höhle wäre der Rahmen
dazu. Als wir endlich heraus waren, ſetzten wir uns am
Bache nieder und ruhten von der Anſtrengung aus. Wir
waren froh, daß wir das heiſere Geſchrei der Vögel nicht
mehr hörten und einen Ort hinter uns hatten, wo ſich mit
der Dunkelheit nicht der wohlthuende Eindruck der Ruhe und
der Stille paart. Wir konnten es kaum glauben, daß der
Name Höhle von Caripe bis jetzt in Europa völlig unbekannt
geweſen ſein ſollte. Schon wegen der Guacharos hätte ſie
berühmt werden ſollen; denn außer den Bergen von Caripe
und Cumanacoa hat man dieſe Nachtvögel bis jetzt nirgends
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 271. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/287>, abgerufen am 26.09.2024.
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