guifluum), dessen purpurbrauner Saft an der weißen Rinde herabfließt; der Farn Calahuala, der nicht derselbe ist wie der in Peru, aber fast ebenso heilkräftig, und die Irasse-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen sehr schmackhaften "Palmkohl", den wir im Kloster Caripe zuweilen gegessen. Von diesen Palmen mit gefiederten, stach- ligen Blättern stachen die Baumfarne äußerst angenehm ab. Einer derselben, Cyathea speciosa, wird über 11,5 m hoch, eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieser Familie. Wir fanden hier und im Thale von Caripe fünf neue Arten Baumfarne; zu Linnes Zeit kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Kontinenten.
Man bemerkt, daß die Baumfarne im allgemeinen weit seltener sind als die Palmen. Die Natur hat ihnen ge- mäßigte, feuchte, schattige Standorte angewiesen. Sie scheuen den unmittelbaren Sonnenstrahl, und während der Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikanische Palmen- arten die kahlen, glühend heißen Ebenen aufsuchen, bleiben die Farne mit Baumstämmen, die von weitem wie Palmen aussehen, dem ganzen Wesen kryptogamer Gewächse treu. Sie lieben versteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte, gemäßigte, stockende Luft. Wohl gehen sie hie und da bis zur Küste hinab, aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarne immer seltener, die Palmen häufiger. Die schönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten sich; alles deutete darauf, daß wir nicht mehr weit von der Küste und einem Landstrich waren, wo die mittlere Tagestemperatur 28 bis 30° der hundertteiligen Skale beträgt.
Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Güsse, bei denen zuweilen 2 bis 2,6 mm Regen an einem Tage fällt. Die Sonne beschien hin und wieder die Baum- wipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geschützt waren, erstickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne, die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirges, und das klägliche Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang so oft gehört hatten, verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum erstenmal Gelegenheit, diese Heulaffen in der Nähe zu sehen. Sie gehören zur Gattung Aluate (Stentor, Geoffroy), deren verschiedene Arten von den Zoologen lange
guifluum), deſſen purpurbrauner Saft an der weißen Rinde herabfließt; der Farn Calahuala, der nicht derſelbe iſt wie der in Peru, aber faſt ebenſo heilkräftig, und die Iraſſe-, Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen ſehr ſchmackhaften „Palmkohl“, den wir im Kloſter Caripe zuweilen gegeſſen. Von dieſen Palmen mit gefiederten, ſtach- ligen Blättern ſtachen die Baumfarne äußerſt angenehm ab. Einer derſelben, Cyathea speciosa, wird über 11,5 m hoch, eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieſer Familie. Wir fanden hier und im Thale von Caripe fünf neue Arten Baumfarne; zu Linnés Zeit kannten die Botaniker ihrer nicht vier auf beiden Kontinenten.
Man bemerkt, daß die Baumfarne im allgemeinen weit ſeltener ſind als die Palmen. Die Natur hat ihnen ge- mäßigte, feuchte, ſchattige Standorte angewieſen. Sie ſcheuen den unmittelbaren Sonnenſtrahl, und während der Pumos, die Corypha der Steppen und andere amerikaniſche Palmen- arten die kahlen, glühend heißen Ebenen aufſuchen, bleiben die Farne mit Baumſtämmen, die von weitem wie Palmen ausſehen, dem ganzen Weſen kryptogamer Gewächſe treu. Sie lieben verſteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte, gemäßigte, ſtockende Luft. Wohl gehen ſie hie und da bis zur Küſte hinab, aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden die Baumfarne immer ſeltener, die Palmen häufiger. Die ſchönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die Nymphalen, die ungeheuer hoch fliegen, mehrten ſich; alles deutete darauf, daß wir nicht mehr weit von der Küſte und einem Landſtrich waren, wo die mittlere Tagestemperatur 28 bis 30° der hundertteiligen Skale beträgt.
Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der Güſſe, bei denen zuweilen 2 bis 2,6 mm Regen an einem Tage fällt. Die Sonne beſchien hin und wieder die Baum- wipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geſchützt waren, erſtickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner in der Ferne, die Wolken hingen am Gipfel des hohen Guacharogebirges, und das klägliche Geheul der Araguatos, das wir in Caripe bei Sonnenuntergang ſo oft gehört hatten, verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten hier zum erſtenmal Gelegenheit, dieſe Heulaffen in der Nähe zu ſehen. Sie gehören zur Gattung Aluate (Stentor, Geoffroy), deren verſchiedene Arten von den Zoologen lange
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><p><hirendition="#aq"><pbfacs="#f0296"n="280"/>
guifluum</hi>), deſſen purpurbrauner Saft an der weißen Rinde<lb/>
herabfließt; der Farn <hirendition="#g">Calahuala</hi>, der nicht derſelbe iſt wie<lb/>
der in Peru, aber faſt ebenſo heilkräftig, und die Iraſſe-,<lb/>
Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen<lb/>ſehr ſchmackhaften „Palmkohl“, den wir im Kloſter Caripe<lb/>
zuweilen gegeſſen. Von dieſen Palmen mit gefiederten, ſtach-<lb/>
ligen Blättern ſtachen die Baumfarne äußerſt angenehm ab.<lb/>
Einer derſelben, <hirendition="#aq">Cyathea speciosa,</hi> wird über 11,5 <hirendition="#aq">m</hi> hoch,<lb/>
eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieſer Familie.<lb/>
Wir fanden hier und im Thale von Caripe fünf neue Arten<lb/>
Baumfarne; zu Linn<hirendition="#aq">é</hi>s Zeit kannten die Botaniker ihrer nicht<lb/>
vier auf beiden Kontinenten.</p><lb/><p>Man bemerkt, daß die Baumfarne im allgemeinen weit<lb/>ſeltener ſind als die Palmen. Die Natur hat ihnen ge-<lb/>
mäßigte, feuchte, ſchattige Standorte angewieſen. Sie ſcheuen<lb/>
den unmittelbaren Sonnenſtrahl, und während der Pumos,<lb/>
die Corypha der Steppen und andere amerikaniſche Palmen-<lb/>
arten die kahlen, glühend heißen Ebenen aufſuchen, bleiben<lb/>
die Farne mit Baumſtämmen, die von weitem wie Palmen<lb/>
ausſehen, dem ganzen Weſen kryptogamer Gewächſe treu.<lb/>
Sie lieben verſteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte,<lb/>
gemäßigte, ſtockende Luft. Wohl gehen ſie hie und da bis<lb/>
zur Küſte hinab, aber dann nur im Schutze dichten Schattens.</p><lb/><p>Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden<lb/>
die Baumfarne immer ſeltener, die Palmen häufiger. Die<lb/>ſchönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die Nymphalen,<lb/>
die ungeheuer hoch fliegen, mehrten ſich; alles deutete darauf,<lb/>
daß wir nicht mehr weit von der Küſte und einem Landſtrich<lb/>
waren, wo die mittlere Tagestemperatur 28 bis 30° der<lb/>
hundertteiligen Skale beträgt.</p><lb/><p>Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der<lb/>
Güſſe, bei denen zuweilen 2 bis 2,6 <hirendition="#aq">mm</hi> Regen an einem<lb/>
Tage fällt. Die Sonne beſchien hin und wieder die Baum-<lb/>
wipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geſchützt waren,<lb/>
erſtickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner<lb/>
in der Ferne, die Wolken hingen am Gipfel des hohen<lb/>
Guacharogebirges, und das klägliche Geheul der Araguatos,<lb/>
das wir in Caripe bei Sonnenuntergang ſo oft gehört hatten,<lb/>
verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten<lb/>
hier zum erſtenmal Gelegenheit, dieſe Heulaffen in der Nähe<lb/>
zu ſehen. Sie gehören zur Gattung <hirendition="#aq">Aluate (Stentor,<lb/>
Geoffroy)</hi>, deren verſchiedene Arten von den Zoologen lange<lb/></p></div></div></body></text></TEI>
[280/0296]
guifluum), deſſen purpurbrauner Saft an der weißen Rinde
herabfließt; der Farn Calahuala, der nicht derſelbe iſt wie
der in Peru, aber faſt ebenſo heilkräftig, und die Iraſſe-,
Macanilla-, Corozo- und Pragapalmen. Letztere gibt einen
ſehr ſchmackhaften „Palmkohl“, den wir im Kloſter Caripe
zuweilen gegeſſen. Von dieſen Palmen mit gefiederten, ſtach-
ligen Blättern ſtachen die Baumfarne äußerſt angenehm ab.
Einer derſelben, Cyathea speciosa, wird über 11,5 m hoch,
eine ungeheure Größe für ein Gewächs aus dieſer Familie.
Wir fanden hier und im Thale von Caripe fünf neue Arten
Baumfarne; zu Linnés Zeit kannten die Botaniker ihrer nicht
vier auf beiden Kontinenten.
Man bemerkt, daß die Baumfarne im allgemeinen weit
ſeltener ſind als die Palmen. Die Natur hat ihnen ge-
mäßigte, feuchte, ſchattige Standorte angewieſen. Sie ſcheuen
den unmittelbaren Sonnenſtrahl, und während der Pumos,
die Corypha der Steppen und andere amerikaniſche Palmen-
arten die kahlen, glühend heißen Ebenen aufſuchen, bleiben
die Farne mit Baumſtämmen, die von weitem wie Palmen
ausſehen, dem ganzen Weſen kryptogamer Gewächſe treu.
Sie lieben verſteckte Plätze, das Dämmerlicht, eine feuchte,
gemäßigte, ſtockende Luft. Wohl gehen ſie hie und da bis
zur Küſte hinab, aber dann nur im Schutze dichten Schattens.
Dem Fuße des Berges von Santa Maria zu wurden
die Baumfarne immer ſeltener, die Palmen häufiger. Die
ſchönen Schmetterlinge mit großen Flügeln, die Nymphalen,
die ungeheuer hoch fliegen, mehrten ſich; alles deutete darauf,
daß wir nicht mehr weit von der Küſte und einem Landſtrich
waren, wo die mittlere Tagestemperatur 28 bis 30° der
hundertteiligen Skale beträgt.
Der Himmel war bedeckt und drohte mit einem der
Güſſe, bei denen zuweilen 2 bis 2,6 mm Regen an einem
Tage fällt. Die Sonne beſchien hin und wieder die Baum-
wipfel, und obgleich wir vor ihrem Strahl geſchützt waren,
erſtickten wir beinahe vor Hitze. Schon rollte der Donner
in der Ferne, die Wolken hingen am Gipfel des hohen
Guacharogebirges, und das klägliche Geheul der Araguatos,
das wir in Caripe bei Sonnenuntergang ſo oft gehört hatten,
verkündete den nahen Ausbruch des Gewitters. Wir hatten
hier zum erſtenmal Gelegenheit, dieſe Heulaffen in der Nähe
zu ſehen. Sie gehören zur Gattung Aluate (Stentor,
Geoffroy), deren verſchiedene Arten von den Zoologen lange
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 280. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/296>, abgerufen am 26.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.