und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des Fahr- zeuges stand kaum über Wasser. Der Meerbusen ist fast überall 82 bis 91 m tief, aber am östlichen Ende bei Cura- guaca findet das Senkblei 22,5 km weit nur 5,5 bis 7,3 m. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank, die bei der Ebbe als Eiland über Wasser kommt. Die Pirogen, die Lebensmittel nach Cumana bringen, stranden manchmal daran, aber immer ohne Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und scholkt. Wir fuhren über den Strich des Meerbusens, wo auf dem Boden der See heiße Quellen entspringen. Es war gerade Flut und daher der Temperaturwechsel weniger merkbar; auch fuhr unsere Piroge zu nahe an der Südküste hin. Man sieht leicht, daß man Wasserschichten von ver- schiedener Temperatur antreffen muß, je nachdem die See mehr oder minder tief ist, oder je nachdem die Strömungen und der Wind die Mischung des warmen Quellwassers und des Wassers des Golfes befördern. Diese heißen Quellen, die, wie behauptet wird, auf 380 bis 460 a die Temperatur der See erhöhen, sind eine sehr merkmürdige Erscheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria westwärts über Irapa, Aguas calientes, den Meerbusen von Cariaco, den Brigantin und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, so findet man auf einer Strecke von mehr als 675 km eine ununterbrochene Reihe von warmen Quellen.
Der widrige Wind und der Regen nötigten uns, bei Pericantral, einem kleinen Hofe auf der Südküste des Meer- busens, zu landen. Diese ganze schön bewachsene Küste ist fast ganz unbebaut; man zählt kaum 700 Einwohner und außer dem Dorfe Mariguitar sieht man nichts als Pflanzungen von Kokosbäumen, die die Oelbäume des Landes sind. Diese Palme wächst in beiden Kontinenten in einer Zone, wo die mittlere Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie ist wie der Chamärops im Becken des Mittelmeeres eine wahre "Küstenpalme". Sie zieht Salzwasser dem süßen Wasser vor und kommt im Inneren des Landes, wo die Luft nicht mit Salzteilchen geschwängert ist, lange nicht so gut fort als auf den Küsten. Wenn man in Terra Firma oder in den Mis- sionen am Orinoko Kokosnußbäume weit von der See pflanzt, wirft man ein starkes Quantum Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Kokosnüsse gelegt werden. Unter den Kulturgewächsen haben nur noch das Zuckerrohr, der Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich
und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des Fahr- zeuges ſtand kaum über Waſſer. Der Meerbuſen iſt faſt überall 82 bis 91 m tief, aber am öſtlichen Ende bei Cura- guaca findet das Senkblei 22,5 km weit nur 5,5 bis 7,3 m. Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank, die bei der Ebbe als Eiland über Waſſer kommt. Die Pirogen, die Lebensmittel nach Cumana bringen, ſtranden manchmal daran, aber immer ohne Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht und ſcholkt. Wir fuhren über den Strich des Meerbuſens, wo auf dem Boden der See heiße Quellen entſpringen. Es war gerade Flut und daher der Temperaturwechſel weniger merkbar; auch fuhr unſere Piroge zu nahe an der Südküſte hin. Man ſieht leicht, daß man Waſſerſchichten von ver- ſchiedener Temperatur antreffen muß, je nachdem die See mehr oder minder tief iſt, oder je nachdem die Strömungen und der Wind die Miſchung des warmen Quellwaſſers und des Waſſers des Golfes befördern. Dieſe heißen Quellen, die, wie behauptet wird, auf 380 bis 460 a die Temperatur der See erhöhen, ſind eine ſehr merkmürdige Erſcheinung. Geht man vom Vorgebirge Paria weſtwärts über Irapa, Aguas calientes, den Meerbuſen von Cariaco, den Brigantin und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von Merida, ſo findet man auf einer Strecke von mehr als 675 km eine ununterbrochene Reihe von warmen Quellen.
Der widrige Wind und der Regen nötigten uns, bei Pericantral, einem kleinen Hofe auf der Südküſte des Meer- buſens, zu landen. Dieſe ganze ſchön bewachſene Küſte iſt faſt ganz unbebaut; man zählt kaum 700 Einwohner und außer dem Dorfe Mariguitar ſieht man nichts als Pflanzungen von Kokosbäumen, die die Oelbäume des Landes ſind. Dieſe Palme wächſt in beiden Kontinenten in einer Zone, wo die mittlere Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie iſt wie der Chamärops im Becken des Mittelmeeres eine wahre „Küſtenpalme“. Sie zieht Salzwaſſer dem ſüßen Waſſer vor und kommt im Inneren des Landes, wo die Luft nicht mit Salzteilchen geſchwängert iſt, lange nicht ſo gut fort als auf den Küſten. Wenn man in Terra Firma oder in den Miſ- ſionen am Orinoko Kokosnußbäume weit von der See pflanzt, wirft man ein ſtarkes Quantum Salz, oft einen halben Scheffel, in das Loch, in das die Kokosnüſſe gelegt werden. Unter den Kulturgewächſen haben nur noch das Zuckerrohr, der Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich
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und Sammlungen kaum unterbringen. Der Rand des Fahr-
zeuges ſtand kaum über Waſſer. Der Meerbuſen iſt faſt
überall 82 bis 91 m tief, aber am öſtlichen Ende bei Cura-
guaca findet das Senkblei 22,5 km weit nur 5,5 bis 7,3 m.
Hier liegt der Baxo de la Cotua, eine Sandbank, die bei der
Ebbe als Eiland über Waſſer kommt. Die Pirogen, die
Lebensmittel nach Cumana bringen, ſtranden manchmal daran,
aber immer ohne Gefahr, weil die See hier niemals hoch geht
und ſcholkt. Wir fuhren über den Strich des Meerbuſens,
wo auf dem Boden der See heiße Quellen entſpringen. Es
war gerade Flut und daher der Temperaturwechſel weniger
merkbar; auch fuhr unſere Piroge zu nahe an der Südküſte
hin. Man ſieht leicht, daß man Waſſerſchichten von ver-
ſchiedener Temperatur antreffen muß, je nachdem die See
mehr oder minder tief iſt, oder je nachdem die Strömungen
und der Wind die Miſchung des warmen Quellwaſſers und
des Waſſers des Golfes befördern. Dieſe heißen Quellen,
die, wie behauptet wird, auf 380 bis 460 a die Temperatur
der See erhöhen, ſind eine ſehr merkmürdige Erſcheinung.
Geht man vom Vorgebirge Paria weſtwärts über Irapa,
Aguas calientes, den Meerbuſen von Cariaco, den Brigantin
und die Thäler von Aragua bis zu den Schneegebirgen von
Merida, ſo findet man auf einer Strecke von mehr als 675 km
eine ununterbrochene Reihe von warmen Quellen.
Der widrige Wind und der Regen nötigten uns, bei
Pericantral, einem kleinen Hofe auf der Südküſte des Meer-
buſens, zu landen. Dieſe ganze ſchön bewachſene Küſte iſt
faſt ganz unbebaut; man zählt kaum 700 Einwohner und
außer dem Dorfe Mariguitar ſieht man nichts als Pflanzungen
von Kokosbäumen, die die Oelbäume des Landes ſind. Dieſe
Palme wächſt in beiden Kontinenten in einer Zone, wo die
mittlere Jahrestemperatur nicht unter 20° beträgt. Sie iſt
wie der Chamärops im Becken des Mittelmeeres eine wahre
„Küſtenpalme“. Sie zieht Salzwaſſer dem ſüßen Waſſer vor
und kommt im Inneren des Landes, wo die Luft nicht mit
Salzteilchen geſchwängert iſt, lange nicht ſo gut fort als auf
den Küſten. Wenn man in Terra Firma oder in den Miſ-
ſionen am Orinoko Kokosnußbäume weit von der See pflanzt,
wirft man ein ſtarkes Quantum Salz, oft einen halben
Scheffel, in das Loch, in das die Kokosnüſſe gelegt werden.
Unter den Kulturgewächſen haben nur noch das Zuckerrohr,
der Bananenbaum, der Mammei und der Avocatier, gleich
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 295. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/311>, abgerufen am 26.09.2024.
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