Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Medusen bedeckt war. Das Schiff stand beinahe still, aber die Weich- tiere zogen gegen Südost, viermal rascher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe drei Viertelstunden, und dann sahen wir nur noch einzelne Individuen dem großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen diese Tiere vom Grunde des Meeres, das in diesen Strichen wohl mehrere tausend Meter tief ist? oder machen sie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben diese Weichtiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem Wasserspiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahre 1832 nordwärts von der Insel Porto Santo gesehen haben will, wirklich vorhanden sind, so läßt sich annehmen, daß diese ungeheure Masse von Medusen dorther kam, denn wir befanden uns nur 126 km von jenen Klippen. Wir erkannten neben der Medusa aurita von Baster und der M. pelagica von Bosc mit acht Ten- takeln (Pelagia denticulata, Peron) eine dritte Art, die sich der M. hysocella nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat. Sie ist ausgezeichnet durch die braun- gelbe Farbe und dadurch, daß die Tentakeln länger sind als der Körper. Manche dieser Meernesseln hatten 10 cm im Durchmesser; ihr fast metallischer Glanz, ihre violett und purpurn schillernde Färbung hob sich vom Blau der See äußerst angenehm ab.
Unter den Medusen fand Bonpland Bündel der Dagysa notata, eines Weichtieres von sonderbarem Bau, das Sir Joseph Banks zuerst kennen gelehrt hat. Es sind kleine gallertartige Säcke, durchsichtig, walzenförmig, zuweilen viel- eckig, 3 mm lang, 0,5 bis 0,7 mm im Durchmesser. Diese Säcke sind an beiden Enden offen. An der einen Oeffnung zeigt sich eine durchsichtige Blase mit einem gelben Fleck. Diese Cylinder sind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienen- zellen und bilden 16 bis 21 cm lange Schnüre. Umsonst versuchte ich die galvanische Elektrizität an diesen Weichtieren; sie brachte keine Zusammenziehung hervor. Die Gattung Dagysa, die zur Zeit von Cooks erster Reise zuerst aufgestellt wurde, scheint zu den Salpen zu gehören. Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei sie sich zu Schnüren anein- ander hängen, wie wir bei der Dagysa gesehen.
Am 13. Juni morgens unter 34° 33' Breite sahen wir wieder bei vollkommen ruhiger See große Haufen des letzt- erwähnten Tieres vorbeitreiben. Bei Nacht machten wir die
Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Meduſen bedeckt war. Das Schiff ſtand beinahe ſtill, aber die Weich- tiere zogen gegen Südoſt, viermal raſcher als die Strömung. Ihr Vorüberzug währte beinahe drei Viertelſtunden, und dann ſahen wir nur noch einzelne Individuen dem großen Haufen, wie wandermüde, nachziehen. Kommen dieſe Tiere vom Grunde des Meeres, das in dieſen Strichen wohl mehrere tauſend Meter tief iſt? oder machen ſie in Schwärmen weite Züge? Wie man weiß, lieben dieſe Weichtiere die Untiefen, und wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem Waſſerſpiegel, welche Kapitän Vobonne im Jahre 1832 nordwärts von der Inſel Porto Santo geſehen haben will, wirklich vorhanden ſind, ſo läßt ſich annehmen, daß dieſe ungeheure Maſſe von Meduſen dorther kam, denn wir befanden uns nur 126 km von jenen Klippen. Wir erkannten neben der Medusa aurita von Baſter und der M. pelagica von Bosc mit acht Ten- takeln (Pelagia denticulata, Peron) eine dritte Art, die ſich der M. hysocella nähert, die Vandelli an der Mündung des Tajo gefunden hat. Sie iſt ausgezeichnet durch die braun- gelbe Farbe und dadurch, daß die Tentakeln länger ſind als der Körper. Manche dieſer Meerneſſeln hatten 10 cm im Durchmeſſer; ihr faſt metalliſcher Glanz, ihre violett und purpurn ſchillernde Färbung hob ſich vom Blau der See äußerſt angenehm ab.
Unter den Meduſen fand Bonpland Bündel der Dagysa notata, eines Weichtieres von ſonderbarem Bau, das Sir Joſeph Banks zuerſt kennen gelehrt hat. Es ſind kleine gallertartige Säcke, durchſichtig, walzenförmig, zuweilen viel- eckig, 3 mm lang, 0,5 bis 0,7 mm im Durchmeſſer. Dieſe Säcke ſind an beiden Enden offen. An der einen Oeffnung zeigt ſich eine durchſichtige Blaſe mit einem gelben Fleck. Dieſe Cylinder ſind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienen- zellen und bilden 16 bis 21 cm lange Schnüre. Umſonſt verſuchte ich die galvaniſche Elektrizität an dieſen Weichtieren; ſie brachte keine Zuſammenziehung hervor. Die Gattung Dagysa, die zur Zeit von Cooks erſter Reiſe zuerſt aufgeſtellt wurde, ſcheint zu den Salpen zu gehören. Auch die Salpen wandern in Schwärmen, wobei ſie ſich zu Schnüren anein- ander hängen, wie wir bei der Dagysa geſehen.
Am 13. Juni morgens unter 34° 33′ Breite ſahen wir wieder bei vollkommen ruhiger See große Haufen des letzt- erwähnten Tieres vorbeitreiben. Bei Nacht machten wir die
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Strich, wo das Meer mit einer ungeheuren Menge Meduſen
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tiere zogen gegen Südoſt, viermal raſcher als die Strömung.
Ihr Vorüberzug währte beinahe drei Viertelſtunden, und dann
ſahen wir nur noch einzelne Individuen dem großen Haufen,
wie wandermüde, nachziehen. Kommen dieſe Tiere vom Grunde
des Meeres, das in dieſen Strichen wohl mehrere tauſend
Meter tief iſt? oder machen ſie in Schwärmen weite Züge?
Wie man weiß, lieben dieſe Weichtiere die Untiefen, und
wenn die acht Klippen unmittelbar unter dem Waſſerſpiegel,
welche Kapitän Vobonne im Jahre 1832 nordwärts von der
Inſel Porto Santo geſehen haben will, wirklich vorhanden
ſind, ſo läßt ſich annehmen, daß dieſe ungeheure Maſſe von
Meduſen dorther kam, denn wir befanden uns nur 126 km
von jenen Klippen. Wir erkannten neben der Medusa aurita
von Baſter und der M. pelagica von Bosc mit acht Ten-
takeln (Pelagia denticulata, Peron) eine dritte Art, die ſich
der M. hysocella nähert, die Vandelli an der Mündung des
Tajo gefunden hat. Sie iſt ausgezeichnet durch die braun-
gelbe Farbe und dadurch, daß die Tentakeln länger ſind als
der Körper. Manche dieſer Meerneſſeln hatten 10 cm im
Durchmeſſer; ihr faſt metalliſcher Glanz, ihre violett und
purpurn ſchillernde Färbung hob ſich vom Blau der See
äußerſt angenehm ab.
Unter den Meduſen fand Bonpland Bündel der Dagysa
notata, eines Weichtieres von ſonderbarem Bau, das Sir
Joſeph Banks zuerſt kennen gelehrt hat. Es ſind kleine
gallertartige Säcke, durchſichtig, walzenförmig, zuweilen viel-
eckig, 3 mm lang, 0,5 bis 0,7 mm im Durchmeſſer. Dieſe
Säcke ſind an beiden Enden offen. An der einen Oeffnung
zeigt ſich eine durchſichtige Blaſe mit einem gelben Fleck. Dieſe
Cylinder ſind der Länge nach aneinander geklebt wie Bienen-
zellen und bilden 16 bis 21 cm lange Schnüre. Umſonſt
verſuchte ich die galvaniſche Elektrizität an dieſen Weichtieren;
ſie brachte keine Zuſammenziehung hervor. Die Gattung
Dagysa, die zur Zeit von Cooks erſter Reiſe zuerſt aufgeſtellt
wurde, ſcheint zu den Salpen zu gehören. Auch die Salpen
wandern in Schwärmen, wobei ſie ſich zu Schnüren anein-
ander hängen, wie wir bei der Dagysa geſehen.
Am 13. Juni morgens unter 34° 33′ Breite ſahen wir
wieder bei vollkommen ruhiger See große Haufen des letzt-
erwähnten Tieres vorbeitreiben. Bei Nacht machten wir die
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 36. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/52>, abgerufen am 23.09.2024.
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