des La Plata, des Orinoko, des Mississippi, des Magdalenen- stromes, ist in dieser Beziehung in weit engere Grenzen ein- geschlossen, als man gemeiniglich glaubt.
Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hin- länglich bewies, daß das hohe Land, das am Horizont auf- stieg, nicht Trinidad war, sondern Tabago, steuerte der Kapitän dennoch nach Nord-Nord-West fort, um letztere Insel aufzu- suchen, die sogar auf Bordas schöner Karte des Atlantischen Ozeans 5 Minuten zu weit südlich gesetzt ist. Man sollte kaum glauben, daß an Küsten, welche von allen Handels- völkern besucht werden, so auffallende Irrtümer in der Breite sich jahrhundertelang erhalten könnten. Ich habe diesen Gegen- stand anderswo besprochen, und so bemerke ich hier nur, daß sogar auf der neuesten Karte von Westindien von Arrow- smith, die im Jahre 1803, also lange nach Churrucas Beob- achtungen erschienen ist, die Breiten der verschiedenen Vor- gebirge von Tabago und Trinidad um 6 bis 11 Minuten falsch angegeben sind.
Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag wurde die Breite, wie ich sie nach Douwes Verfahren er- halten, vollkommen bestätigt. Es blieb kein Zweifel mehr über den Schiffsort den Inseln gegenüber, und man beschloß, um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwischen dieser Insel und La Granada durchzugehen und auf einen Hafen der Insel Margarita loszusteuern. In diesen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unserem Glück war die See sehr unruhig, und ein kleiner englischer Kutter überholte uns, ohne uns nur anzurufen. Bonpland und mir war vor einem solchen Unfall weniger bange, seit wir so nahe am amerikanischen Fest- land sicher waren, daß wir nicht nach Europa zurückgebracht wurden.
Der Anblick der Insel Tabago ist höchst malerisch. Es ist ein sorgfältig bebauter Felsklumpen. Das blendende Weiß des Gesteines sticht angenehm vom Grün zerstreuter Baum- gruppen ab. Sehr hohe cylindrische Fackeldisteln krönen die Bergkämme und geben der tropischen Landschaft einen ganz eigenen Charakter. Schon ihr Anblick sagt dem Reisenden, daß er eine amerikanische Küste vor sich hat, denn die Kaktus gehören ausschließlich der Neuen Welt an, wie die Heidekräuter der Alten. Der nordöstliche Teil der Insel Tabago ist der gebirgigste, nach den Höhenwinkeln, die ich mit dem Sextanten
des La Plata, des Orinoko, des Miſſiſſippi, des Magdalenen- ſtromes, iſt in dieſer Beziehung in weit engere Grenzen ein- geſchloſſen, als man gemeiniglich glaubt.
Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hin- länglich bewies, daß das hohe Land, das am Horizont auf- ſtieg, nicht Trinidad war, ſondern Tabago, ſteuerte der Kapitän dennoch nach Nord-Nord-Weſt fort, um letztere Inſel aufzu- ſuchen, die ſogar auf Bordas ſchöner Karte des Atlantiſchen Ozeans 5 Minuten zu weit ſüdlich geſetzt iſt. Man ſollte kaum glauben, daß an Küſten, welche von allen Handels- völkern beſucht werden, ſo auffallende Irrtümer in der Breite ſich jahrhundertelang erhalten könnten. Ich habe dieſen Gegen- ſtand anderswo beſprochen, und ſo bemerke ich hier nur, daß ſogar auf der neueſten Karte von Weſtindien von Arrow- ſmith, die im Jahre 1803, alſo lange nach Churrucas Beob- achtungen erſchienen iſt, die Breiten der verſchiedenen Vor- gebirge von Tabago und Trinidad um 6 bis 11 Minuten falſch angegeben ſind.
Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag wurde die Breite, wie ich ſie nach Douwes Verfahren er- halten, vollkommen beſtätigt. Es blieb kein Zweifel mehr über den Schiffsort den Inſeln gegenüber, und man beſchloß, um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwiſchen dieſer Inſel und La Granada durchzugehen und auf einen Hafen der Inſel Margarita loszuſteuern. In dieſen Strichen liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von Kapern aufgebracht zu werden, aber zu unſerem Glück war die See ſehr unruhig, und ein kleiner engliſcher Kutter überholte uns, ohne uns nur anzurufen. Bonpland und mir war vor einem ſolchen Unfall weniger bange, ſeit wir ſo nahe am amerikaniſchen Feſt- land ſicher waren, daß wir nicht nach Europa zurückgebracht wurden.
Der Anblick der Inſel Tabago iſt höchſt maleriſch. Es iſt ein ſorgfältig bebauter Felsklumpen. Das blendende Weiß des Geſteines ſticht angenehm vom Grün zerſtreuter Baum- gruppen ab. Sehr hohe cylindriſche Fackeldiſteln krönen die Bergkämme und geben der tropiſchen Landſchaft einen ganz eigenen Charakter. Schon ihr Anblick ſagt dem Reiſenden, daß er eine amerikaniſche Küſte vor ſich hat, denn die Kaktus gehören ausſchließlich der Neuen Welt an, wie die Heidekräuter der Alten. Der nordöſtliche Teil der Inſel Tabago iſt der gebirgigſte, nach den Höhenwinkeln, die ich mit dem Sextanten
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des La Plata, des Orinoko, des Miſſiſſippi, des Magdalenen-
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geſchloſſen, als man gemeiniglich glaubt.
Obgleich das Ergebnis der doppelten Sonnenhöhen hin-
länglich bewies, daß das hohe Land, das am Horizont auf-
ſtieg, nicht Trinidad war, ſondern Tabago, ſteuerte der Kapitän
dennoch nach Nord-Nord-Weſt fort, um letztere Inſel aufzu-
ſuchen, die ſogar auf Bordas ſchöner Karte des Atlantiſchen
Ozeans 5 Minuten zu weit ſüdlich geſetzt iſt. Man ſollte
kaum glauben, daß an Küſten, welche von allen Handels-
völkern beſucht werden, ſo auffallende Irrtümer in der Breite
ſich jahrhundertelang erhalten könnten. Ich habe dieſen Gegen-
ſtand anderswo beſprochen, und ſo bemerke ich hier nur, daß
ſogar auf der neueſten Karte von Weſtindien von Arrow-
ſmith, die im Jahre 1803, alſo lange nach Churrucas Beob-
achtungen erſchienen iſt, die Breiten der verſchiedenen Vor-
gebirge von Tabago und Trinidad um 6 bis 11 Minuten
falſch angegeben ſind.
Durch die Beobachtung der Sonnenhöhe um Mittag
wurde die Breite, wie ich ſie nach Douwes Verfahren er-
halten, vollkommen beſtätigt. Es blieb kein Zweifel mehr
über den Schiffsort den Inſeln gegenüber, und man beſchloß,
um das nördliche Vorgebirge von Tabago zu laufen, zwiſchen
dieſer Inſel und La Granada durchzugehen und auf einen
Hafen der Inſel Margarita loszuſteuern. In dieſen Strichen
liefen wir jeden Augenblick Gefahr, von Kapern aufgebracht
zu werden, aber zu unſerem Glück war die See ſehr unruhig,
und ein kleiner engliſcher Kutter überholte uns, ohne uns
nur anzurufen. Bonpland und mir war vor einem ſolchen
Unfall weniger bange, ſeit wir ſo nahe am amerikaniſchen Feſt-
land ſicher waren, daß wir nicht nach Europa zurückgebracht
wurden.
Der Anblick der Inſel Tabago iſt höchſt maleriſch. Es
iſt ein ſorgfältig bebauter Felsklumpen. Das blendende Weiß
des Geſteines ſticht angenehm vom Grün zerſtreuter Baum-
gruppen ab. Sehr hohe cylindriſche Fackeldiſteln krönen die
Bergkämme und geben der tropiſchen Landſchaft einen ganz
eigenen Charakter. Schon ihr Anblick ſagt dem Reiſenden,
daß er eine amerikaniſche Küſte vor ſich hat, denn die Kaktus
gehören ausſchließlich der Neuen Welt an, wie die Heidekräuter
der Alten. Der nordöſtliche Teil der Inſel Tabago iſt der
gebirgigſte, nach den Höhenwinkeln, die ich mit dem Sextanten
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 141. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/157>, abgerufen am 23.09.2024.
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