Schwefelkies ist hell goldgelb, und man sieht ihm nicht an, daß er Kupfer enthält. Die Mergelschicht, in der er vor- kommt, streicht über den Bach hinüber. Das Wasser spült die metallisch glänzenden Körner aus, und deshalb glaubt das Volk, der Bach führe Gold. Man erzählt, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1766 habe das Wasser des Juagua so viel Gold geführt, daß Männer, "die weit hergekommen, und von denen man nicht gewußt, wo sie zu Hause seien", Gold- wäschen angelegt hätten; sie seien aber bei Nacht und Nebel verschwunden, nachdem sie eine Menge Gold gesammelt. Es braucht keines Beweises, daß dies ein Märchen ist; die Kiese in den Quarzgängen des Glimmerschiefers sind allerdings sehr oft goldhaltig; aber nichts berechtigt bis jetzt zur Annahme, daß der Schwefelkies im Mergelschiefer des Alpenkalks gleich- falls Gold enthalte. Einige direkte Versuche auf nassem Wege, die ich während meines Aufenthaltes in Caracas angestellt, thun dar, daß der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig ist. Unseren Führern behagte mein Unglaube sehr schlecht; ich hatte gut sagen, aus dieser angeblichen Goldgrube könnte man höchstens Alaun und Eisenvitriol gewinnen; sie lasen nichtsdestoweniger heimlich jedes Stückchen Schwefelkies auf, das sie im Wasser glänzen sahen. Je ärmer ein Land an Erzgruben ist, desto leichter wird es in der Einbildung der Einwohner, die Schätze aus dem Schoße der Erde zu holen. Wie viele Zeit haben wir auf unserer fünfjährigen Reise verloren, um auf das dringende Verlangen unserer Wirte Schluchten zu untersuchen, in denen schwefelkieshaltige Schichten seit Jahrhunderten den stolzen Namen Minas de oro führen! Wie oft sahen wir lächelnd zu, wenn Leute aller Stände, Beamte, Dorfgeistliche, ernste Missionäre mit un- ermüdlicher Geduld Hornblende oder gelblichen Glimmer zer- stießen, um mittels Quecksilber das Gold auszuziehen! Die leidenschaftliche Gier, mit der man nach Erzen sucht, er- scheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken.
Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua unter- sucht, gingen wir weiter in der Schlucht hinauf, die sich wie ein enger, von sehr hohen Bäumen beschatteter Kanal fort- zieht. Nach sehr beschwerlichem Marsche und ganz durch- näßt, weil wir so oft über den Bach gegangen waren, langten wir am Fuße der Höhlen des Cuchivano an, aus
Schwefelkies iſt hell goldgelb, und man ſieht ihm nicht an, daß er Kupfer enthält. Die Mergelſchicht, in der er vor- kommt, ſtreicht über den Bach hinüber. Das Waſſer ſpült die metalliſch glänzenden Körner aus, und deshalb glaubt das Volk, der Bach führe Gold. Man erzählt, nach dem großen Erdbeben im Jahre 1766 habe das Waſſer des Juagua ſo viel Gold geführt, daß Männer, „die weit hergekommen, und von denen man nicht gewußt, wo ſie zu Hauſe ſeien“, Gold- wäſchen angelegt hätten; ſie ſeien aber bei Nacht und Nebel verſchwunden, nachdem ſie eine Menge Gold geſammelt. Es braucht keines Beweiſes, daß dies ein Märchen iſt; die Kieſe in den Quarzgängen des Glimmerſchiefers ſind allerdings ſehr oft goldhaltig; aber nichts berechtigt bis jetzt zur Annahme, daß der Schwefelkies im Mergelſchiefer des Alpenkalks gleich- falls Gold enthalte. Einige direkte Verſuche auf naſſem Wege, die ich während meines Aufenthaltes in Caracas angeſtellt, thun dar, daß der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht goldhaltig iſt. Unſeren Führern behagte mein Unglaube ſehr ſchlecht; ich hatte gut ſagen, aus dieſer angeblichen Goldgrube könnte man höchſtens Alaun und Eiſenvitriol gewinnen; ſie laſen nichtsdeſtoweniger heimlich jedes Stückchen Schwefelkies auf, das ſie im Waſſer glänzen ſahen. Je ärmer ein Land an Erzgruben iſt, deſto leichter wird es in der Einbildung der Einwohner, die Schätze aus dem Schoße der Erde zu holen. Wie viele Zeit haben wir auf unſerer fünfjährigen Reiſe verloren, um auf das dringende Verlangen unſerer Wirte Schluchten zu unterſuchen, in denen ſchwefelkieshaltige Schichten ſeit Jahrhunderten den ſtolzen Namen Minas de oro führen! Wie oft ſahen wir lächelnd zu, wenn Leute aller Stände, Beamte, Dorfgeiſtliche, ernſte Miſſionäre mit un- ermüdlicher Geduld Hornblende oder gelblichen Glimmer zer- ſtießen, um mittels Queckſilber das Gold auszuziehen! Die leidenſchaftliche Gier, mit der man nach Erzen ſucht, er- ſcheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den Boden kaum umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu entlocken.
Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua unter- ſucht, gingen wir weiter in der Schlucht hinauf, die ſich wie ein enger, von ſehr hohen Bäumen beſchatteter Kanal fort- zieht. Nach ſehr beſchwerlichem Marſche und ganz durch- näßt, weil wir ſo oft über den Bach gegangen waren, langten wir am Fuße der Höhlen des Cuchivano an, aus
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Schwefelkies iſt hell goldgelb, und man ſieht ihm nicht an,
daß er Kupfer enthält. Die Mergelſchicht, in der er vor-
kommt, ſtreicht über den Bach hinüber. Das Waſſer ſpült
die metalliſch glänzenden Körner aus, und deshalb glaubt das
Volk, der Bach führe Gold. Man erzählt, nach dem großen
Erdbeben im Jahre 1766 habe das Waſſer des Juagua ſo
viel Gold geführt, daß Männer, „die weit hergekommen, und
von denen man nicht gewußt, wo ſie zu Hauſe ſeien“, Gold-
wäſchen angelegt hätten; ſie ſeien aber bei Nacht und Nebel
verſchwunden, nachdem ſie eine Menge Gold geſammelt. Es
braucht keines Beweiſes, daß dies ein Märchen iſt; die Kieſe
in den Quarzgängen des Glimmerſchiefers ſind allerdings ſehr
oft goldhaltig; aber nichts berechtigt bis jetzt zur Annahme,
daß der Schwefelkies im Mergelſchiefer des Alpenkalks gleich-
falls Gold enthalte. Einige direkte Verſuche auf naſſem Wege,
die ich während meines Aufenthaltes in Caracas angeſtellt,
thun dar, daß der Schwefelkies von Cuchivano durchaus nicht
goldhaltig iſt. Unſeren Führern behagte mein Unglaube ſehr
ſchlecht; ich hatte gut ſagen, aus dieſer angeblichen Goldgrube
könnte man höchſtens Alaun und Eiſenvitriol gewinnen; ſie
laſen nichtsdeſtoweniger heimlich jedes Stückchen Schwefelkies
auf, das ſie im Waſſer glänzen ſahen. Je ärmer ein Land
an Erzgruben iſt, deſto leichter wird es in der Einbildung
der Einwohner, die Schätze aus dem Schoße der Erde zu
holen. Wie viele Zeit haben wir auf unſerer fünfjährigen
Reiſe verloren, um auf das dringende Verlangen unſerer
Wirte Schluchten zu unterſuchen, in denen ſchwefelkieshaltige
Schichten ſeit Jahrhunderten den ſtolzen Namen Minas de
oro führen! Wie oft ſahen wir lächelnd zu, wenn Leute aller
Stände, Beamte, Dorfgeiſtliche, ernſte Miſſionäre mit un-
ermüdlicher Geduld Hornblende oder gelblichen Glimmer zer-
ſtießen, um mittels Queckſilber das Gold auszuziehen! Die
leidenſchaftliche Gier, mit der man nach Erzen ſucht, er-
ſcheint doppelt auffallend in einem Lande, wo man den
Boden kaum umzuwenden braucht, um ihm reiche Ernten zu
entlocken.
Nachdem wir den Schwefelkies am Rio Juagua unter-
ſucht, gingen wir weiter in der Schlucht hinauf, die ſich wie
ein enger, von ſehr hohen Bäumen beſchatteter Kanal fort-
zieht. Nach ſehr beſchwerlichem Marſche und ganz durch-
näßt, weil wir ſo oft über den Bach gegangen waren,
langten wir am Fuße der Höhlen des Cuchivano an, aus
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 245. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/261>, abgerufen am 25.09.2024.
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