denen man vor einigen Jahren die Flammen hatte brechen sehen. 1560 m hoch steigt senkrecht eine Felswand auf. In einem Landstrich, wo der üppige Pflanzenwuchs überall den Boden und das Gestein bedeckt, kommt es selten vor, daß ein großer Berg in senkrechtem Durchschnitte seine Schichten zeigt. Mitten in diesem Durchschnitte, leider dem Menschen unzugänglich, liegen die Spalten, die zu zwei Höhlen führen. Sie sollen von denselben Nachtvögeln bewohnt sein, die wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen.
Wir ruhten am Fuße der Höhlen aus. Hier sah man die Flammen hervorkommen, welche in den letzten Jahren häufiger geworden sind. Unsere Führer und der Pächter, ein verständiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohlbekannter Mann, verhandelten nach der Weise der Kreolen über die Gefahr, der die Stadt Cumanacoa ausgesetzt wäre, wenn der Cuchivano ein thätiger Vulkan würde, se veniesse a re- ventar. Es schien ihnen unzweifelhaft, daß seit dem großen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahre 1797 Neu- Andalusien vom unterirdischen Feuer immer mehr unterhöhlt werde. Sie brachten die Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden schlagen sehen, und die Stöße, die man jetzt an Orten empfindet, wo man früher nichts von Erdbeben wußte. Sie erinnerten daran, daß man in Maca- rapan seit einigen Monaten öfters Schwefelgeruch spüre. Auf diese und ähnliche Erscheinungen, die uns damals in ihrem Munde auffielen, gründeten sie Prophezeiungen, die fast sämt- lich in Erfüllung gegangen sind. Entsetzliche Zerstörungen haben im Jahre 1812 in Caracas stattgefunden, zum Beweis, welche gewaltige Unruhe im Nordosten von Terra Firma in der Natur herrscht.
Was ist wohl aber die Ursache der feurigen Erscheinungen, die man am Cuchivano beobachtet? Ich weiß wohl, daß man zuweilen die Luftsäule, die über der Mündung brennender Vulkane aufsteigt, in hellem Lichte glänzen sieht. Dieser Lichtschein, den man von brennendem Wasserstoffgas herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig schien. Ich weiß, daß die Alten erzählen, auf dem Mons Albanus bei Rom, dem heutigen Monte Cavo, sei zuweilen bei Nacht Feuer ge- sehen worden; aber der Mons Albanus ist ein erst in neuerer Zeit erloschener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli aus-
denen man vor einigen Jahren die Flammen hatte brechen ſehen. 1560 m hoch ſteigt ſenkrecht eine Felswand auf. In einem Landſtrich, wo der üppige Pflanzenwuchs überall den Boden und das Geſtein bedeckt, kommt es ſelten vor, daß ein großer Berg in ſenkrechtem Durchſchnitte ſeine Schichten zeigt. Mitten in dieſem Durchſchnitte, leider dem Menſchen unzugänglich, liegen die Spalten, die zu zwei Höhlen führen. Sie ſollen von denſelben Nachtvögeln bewohnt ſein, die wir bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen lernen.
Wir ruhten am Fuße der Höhlen aus. Hier ſah man die Flammen hervorkommen, welche in den letzten Jahren häufiger geworden ſind. Unſere Führer und der Pächter, ein verſtändiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohlbekannter Mann, verhandelten nach der Weiſe der Kreolen über die Gefahr, der die Stadt Cumanacoa ausgeſetzt wäre, wenn der Cuchivano ein thätiger Vulkan würde, se veniesse a re- ventar. Es ſchien ihnen unzweifelhaft, daß ſeit dem großen Erdbeben von Quito und Cumana im Jahre 1797 Neu- Andaluſien vom unterirdiſchen Feuer immer mehr unterhöhlt werde. Sie brachten die Flammen zur Sprache, die man in Cumana hatte aus dem Boden ſchlagen ſehen, und die Stöße, die man jetzt an Orten empfindet, wo man früher nichts von Erdbeben wußte. Sie erinnerten daran, daß man in Maca- rapan ſeit einigen Monaten öfters Schwefelgeruch ſpüre. Auf dieſe und ähnliche Erſcheinungen, die uns damals in ihrem Munde auffielen, gründeten ſie Prophezeiungen, die faſt ſämt- lich in Erfüllung gegangen ſind. Entſetzliche Zerſtörungen haben im Jahre 1812 in Caracas ſtattgefunden, zum Beweis, welche gewaltige Unruhe im Nordoſten von Terra Firma in der Natur herrſcht.
Was iſt wohl aber die Urſache der feurigen Erſcheinungen, die man am Cuchivano beobachtet? Ich weiß wohl, daß man zuweilen die Luftſäule, die über der Mündung brennender Vulkane aufſteigt, in hellem Lichte glänzen ſieht. Dieſer Lichtſchein, den man von brennendem Waſſerſtoffgas herleitet, wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer Zeit beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig ſchien. Ich weiß, daß die Alten erzählen, auf dem Mons Albanus bei Rom, dem heutigen Monte Cavo, ſei zuweilen bei Nacht Feuer ge- ſehen worden; aber der Mons Albanus iſt ein erſt in neuerer Zeit erloſchener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli aus-
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denen man vor einigen Jahren die Flammen hatte brechen
ſehen. 1560 m hoch ſteigt ſenkrecht eine Felswand auf. In
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Boden und das Geſtein bedeckt, kommt es ſelten vor, daß
ein großer Berg in ſenkrechtem Durchſchnitte ſeine Schichten
zeigt. Mitten in dieſem Durchſchnitte, leider dem Menſchen
unzugänglich, liegen die Spalten, die zu zwei Höhlen führen.
Sie ſollen von denſelben Nachtvögeln bewohnt ſein, die wir
bald in der Cueva del Guacharo bei Caripe werden kennen
lernen.
Wir ruhten am Fuße der Höhlen aus. Hier ſah man
die Flammen hervorkommen, welche in den letzten Jahren
häufiger geworden ſind. Unſere Führer und der Pächter, ein
verſtändiger, mit den Oertlichkeiten der Provinz wohlbekannter
Mann, verhandelten nach der Weiſe der Kreolen über die
Gefahr, der die Stadt Cumanacoa ausgeſetzt wäre, wenn der
Cuchivano ein thätiger Vulkan würde, se veniesse a re-
ventar. Es ſchien ihnen unzweifelhaft, daß ſeit dem großen
Erdbeben von Quito und Cumana im Jahre 1797 Neu-
Andaluſien vom unterirdiſchen Feuer immer mehr unterhöhlt
werde. Sie brachten die Flammen zur Sprache, die man in
Cumana hatte aus dem Boden ſchlagen ſehen, und die Stöße,
die man jetzt an Orten empfindet, wo man früher nichts von
Erdbeben wußte. Sie erinnerten daran, daß man in Maca-
rapan ſeit einigen Monaten öfters Schwefelgeruch ſpüre. Auf
dieſe und ähnliche Erſcheinungen, die uns damals in ihrem
Munde auffielen, gründeten ſie Prophezeiungen, die faſt ſämt-
lich in Erfüllung gegangen ſind. Entſetzliche Zerſtörungen
haben im Jahre 1812 in Caracas ſtattgefunden, zum Beweis,
welche gewaltige Unruhe im Nordoſten von Terra Firma in
der Natur herrſcht.
Was iſt wohl aber die Urſache der feurigen Erſcheinungen,
die man am Cuchivano beobachtet? Ich weiß wohl, daß man
zuweilen die Luftſäule, die über der Mündung brennender
Vulkane aufſteigt, in hellem Lichte glänzen ſieht. Dieſer
Lichtſchein, den man von brennendem Waſſerſtoffgas herleitet,
wurde von Chillo aus auf dem Gipfel des Cotopaxi zu einer
Zeit beobachtet, wo der Berg ziemlich ruhig ſchien. Ich weiß,
daß die Alten erzählen, auf dem Mons Albanus bei Rom,
dem heutigen Monte Cavo, ſei zuweilen bei Nacht Feuer ge-
ſehen worden; aber der Mons Albanus iſt ein erſt in neuerer
Zeit erloſchener Vulkan, der noch zu Catos Zeit Rapilli aus-
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 246. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/262>, abgerufen am 25.09.2024.
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