gegeben, wurde das Grab der europäischen Seeleute. Unser Wirt hatte das seltene Glück, diesen Gefahren zu entgehen; nachdem er den größten Teil der Seinigen hatte hinsterben sehen, zog er weit weg von der Küste auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarschaft, im ungestörten Besitze eines Savannenstriches von 22 km, genießt er hier der Unabhängig- keit, wie die Vereinzelung sie gewährt, und der Heiterkeit des Gemüts, wie sie schlichten Menschen eigen ist, die in reiner, stärkender Luft leben.
Nichts ist dem Eindruck majestätischer Ruhe zu vergleichen, den der Anblick des gestirnten Himmels an diesem einsamen Ort in einem hinterläßt. Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus über die Prärieen, die bis zum Horizont fortstreichen, über die grün bewachsene, sanft gewellte Hochebene, so war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoko, als sähen wir weit weg das gestirnte Himmelsgewölbe auf dem Ozean ruhen. Der Baum, unter dem wir saßen, die leuchtenden Insekten, die in der Luft tanzten, die glänzenden Sternbilder im Süden, alles mahnte uns daran, wie weit wir von der Heimaterde waren. Und wenn nun, inmitten dieser fremd- artigen Natur, aus einer Schlucht herauf das Schellengeläute einer Kuh oder das Brüllen des Stieres zu unseren Ohren drang, dann sprang mit einmal der Gedanke an die Heimat in uns auf. Es war, als hörten wir aus weiter, weiter Ferne Stimmen, die über das Weltmeer herüberriefen und uns mit Zauberkraft aus einer Hemisphäre in die andere ver- setzten. So wunderbar beweglich ist die Einbildungskraft des Menschen, die ewige Quelle seiner Freuden und seiner Schmerzen.
In der Morgenkühle machten wir uns auf, den Turimi- quiri zu besteigen. So heißt der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur einen Gebirgsstock bildet, welcher bei den Eingeborenen früher Sierra de los Tageres hieß. Man macht einen Teil des Weges auf Pferden, die frei in den Savannen laufen, zum Teil aber an den Sattel gewöhnt sind. So plump ihr Aussehen ist, klettern sie doch ganz flink den schlüpfrigsten Rasen hinauf. Wir machten zuerst bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem Kalkstein, sondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandsteines kommt. Ihre Temperatur war 21°, also um 1,5° geringer als die der Quelle von Quetepe; der Höhenunterschied beträgt aber auch gegen 428 m. Ueberall, wo der Sandstein zu Tage kommt, ist der Boden
gegeben, wurde das Grab der europäiſchen Seeleute. Unſer Wirt hatte das ſeltene Glück, dieſen Gefahren zu entgehen; nachdem er den größten Teil der Seinigen hatte hinſterben ſehen, zog er weit weg von der Küſte auf die Berge des Cocollar. Ohne Nachbarſchaft, im ungeſtörten Beſitze eines Savannenſtriches von 22 km, genießt er hier der Unabhängig- keit, wie die Vereinzelung ſie gewährt, und der Heiterkeit des Gemüts, wie ſie ſchlichten Menſchen eigen iſt, die in reiner, ſtärkender Luft leben.
Nichts iſt dem Eindruck majeſtätiſcher Ruhe zu vergleichen, den der Anblick des geſtirnten Himmels an dieſem einſamen Ort in einem hinterläßt. Blickten wir bei Einbruch der Nacht hinaus über die Prärieen, die bis zum Horizont fortſtreichen, über die grün bewachſene, ſanft gewellte Hochebene, ſo war es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoko, als ſähen wir weit weg das geſtirnte Himmelsgewölbe auf dem Ozean ruhen. Der Baum, unter dem wir ſaßen, die leuchtenden Inſekten, die in der Luft tanzten, die glänzenden Sternbilder im Süden, alles mahnte uns daran, wie weit wir von der Heimaterde waren. Und wenn nun, inmitten dieſer fremd- artigen Natur, aus einer Schlucht herauf das Schellengeläute einer Kuh oder das Brüllen des Stieres zu unſeren Ohren drang, dann ſprang mit einmal der Gedanke an die Heimat in uns auf. Es war, als hörten wir aus weiter, weiter Ferne Stimmen, die über das Weltmeer herüberriefen und uns mit Zauberkraft aus einer Hemiſphäre in die andere ver- ſetzten. So wunderbar beweglich iſt die Einbildungskraft des Menſchen, die ewige Quelle ſeiner Freuden und ſeiner Schmerzen.
In der Morgenkühle machten wir uns auf, den Turimi- quiri zu beſteigen. So heißt der Gipfel des Cocollar, der mit dem Brigantin nur einen Gebirgsſtock bildet, welcher bei den Eingeborenen früher Sierra de los Tageres hieß. Man macht einen Teil des Weges auf Pferden, die frei in den Savannen laufen, zum Teil aber an den Sattel gewöhnt ſind. So plump ihr Ausſehen iſt, klettern ſie doch ganz flink den ſchlüpfrigſten Raſen hinauf. Wir machten zuerſt bei einer Quelle Halt, die nicht aus dem Kalkſtein, ſondern noch aus einer Schichte quarzigen Sandſteines kommt. Ihre Temperatur war 21°, alſo um 1,5° geringer als die der Quelle von Quetepe; der Höhenunterſchied beträgt aber auch gegen 428 m. Ueberall, wo der Sandſtein zu Tage kommt, iſt der Boden
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gegeben, wurde das Grab der europäiſchen Seeleute. Unſer
Wirt hatte das ſeltene Glück, dieſen Gefahren zu entgehen;
nachdem er den größten Teil der Seinigen hatte hinſterben
ſehen, zog er weit weg von der Küſte auf die Berge des
Cocollar. Ohne Nachbarſchaft, im ungeſtörten Beſitze eines
Savannenſtriches von 22 km, genießt er hier der Unabhängig-
keit, wie die Vereinzelung ſie gewährt, und der Heiterkeit des
Gemüts, wie ſie ſchlichten Menſchen eigen iſt, die in reiner,
ſtärkender Luft leben.
Nichts iſt dem Eindruck majeſtätiſcher Ruhe zu vergleichen,
den der Anblick des geſtirnten Himmels an dieſem einſamen
Ort in einem hinterläßt. Blickten wir bei Einbruch der Nacht
hinaus über die Prärieen, die bis zum Horizont fortſtreichen,
über die grün bewachſene, ſanft gewellte Hochebene, ſo war
es uns, gerade wie in den Steppen am Orinoko, als ſähen
wir weit weg das geſtirnte Himmelsgewölbe auf dem Ozean
ruhen. Der Baum, unter dem wir ſaßen, die leuchtenden
Inſekten, die in der Luft tanzten, die glänzenden Sternbilder
im Süden, alles mahnte uns daran, wie weit wir von der
Heimaterde waren. Und wenn nun, inmitten dieſer fremd-
artigen Natur, aus einer Schlucht herauf das Schellengeläute
einer Kuh oder das Brüllen des Stieres zu unſeren Ohren
drang, dann ſprang mit einmal der Gedanke an die Heimat
in uns auf. Es war, als hörten wir aus weiter, weiter
Ferne Stimmen, die über das Weltmeer herüberriefen und
uns mit Zauberkraft aus einer Hemiſphäre in die andere ver-
ſetzten. So wunderbar beweglich iſt die Einbildungskraft
des Menſchen, die ewige Quelle ſeiner Freuden und ſeiner
Schmerzen.
In der Morgenkühle machten wir uns auf, den Turimi-
quiri zu beſteigen. So heißt der Gipfel des Cocollar, der
mit dem Brigantin nur einen Gebirgsſtock bildet, welcher bei
den Eingeborenen früher Sierra de los Tageres hieß. Man
macht einen Teil des Weges auf Pferden, die frei in den
Savannen laufen, zum Teil aber an den Sattel gewöhnt ſind.
So plump ihr Ausſehen iſt, klettern ſie doch ganz flink den
ſchlüpfrigſten Raſen hinauf. Wir machten zuerſt bei einer
Quelle Halt, die nicht aus dem Kalkſtein, ſondern noch aus
einer Schichte quarzigen Sandſteines kommt. Ihre Temperatur
war 21°, alſo um 1,5° geringer als die der Quelle von
Quetepe; der Höhenunterſchied beträgt aber auch gegen 428 m.
Ueberall, wo der Sandſtein zu Tage kommt, iſt der Boden
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 250. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/266>, abgerufen am 25.09.2024.
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