vor. Melastoma xanthostachis und ein Strauch (Palicourea rigida), dessen große, lederartige Blätter im Wind wie Perga- ment rauschen, wachsen hier und da in der Savanne. Aber die Hauptzierde des Rasens ist ein Liliengewächs mit gold- gelber Blüte, die Marica martinicensis. Man findet sie in den Provinzen Cumana und Caracas meist erst in 780--970 m Höhe. Die Gebirgsarten des Turimiquiri sind ein Alpen- kalk, ähnlich dem bei Cumanacoa, und ziemlich dünne Schich- ten Mergel und quarziger Sandstein. Im Kalkstein sind Klumpen von braunem Eisenoxyd und Spateisen eingesprengt. An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, daß der Sandstein dem Kalk nicht nur aufgelagert ist, sondern daß beide nicht selten in Wechsellagerung vorkommen.
Man unterscheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die spitzen Piks oder Cucuruchos, die dicht bewaldet sind, und wo es viele Tiger gibt, auf die man wegen des großen und schönen Fells Jagd macht. Den run- den begrasten Gipfel fanden wir 1378 m hoch. Von diesem Gipfel läuft nun nach West ein steiler Felskamm aus, der 1,8 km von jenem durch eine ungeheure Spalte unterbrochen ist, die gegen den Meerbusen von Cariaco hinunterläuft. An der Stelle, wo der Kamm hätte weiter laufen sollen, erheben sich zwei Bergspitzen aus Kalkstein, von denen die nördliche die höhere ist. Dies ist der eigentliche Cucurucho de Tu- rimiquiri, der für höher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die der Küste von Cumana zusteuern, so wohl be- kannt ist. Nach Höhenwinkeln und einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen Gipfel zogen, maßen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn 680 m höher als unseren Standort, so daß seine absolute Höhe über 2047 m beträgt.
Man genießt auf dem Turimiquiri einer der weitesten und malerischten Aussichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem, die parallel von Ost nach West streichen und Längenthäler zwischen sich haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwassern ausgespülter Thäler unter rechtem Winkel münden, so stellen sich die Seiten- ketten als Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegel- förmiger Höhen dar. Bis zum Imposible sind die Berghänge meist ziemlich sanft; weiterhin werden die Abfälle sehr steil und streichen hintereinander fort bis zum Ufer des Meer- busens von Cariaco. Die Umrisse dieser Gebirgsmassen er-
vor. Melastoma xanthostachis und ein Strauch (Palicourea rigida), deſſen große, lederartige Blätter im Wind wie Perga- ment rauſchen, wachſen hier und da in der Savanne. Aber die Hauptzierde des Raſens iſt ein Liliengewächs mit gold- gelber Blüte, die Marica martinicensis. Man findet ſie in den Provinzen Cumana und Caracas meiſt erſt in 780—970 m Höhe. Die Gebirgsarten des Turimiquiri ſind ein Alpen- kalk, ähnlich dem bei Cumanacoa, und ziemlich dünne Schich- ten Mergel und quarziger Sandſtein. Im Kalkſtein ſind Klumpen von braunem Eiſenoxyd und Spateiſen eingeſprengt. An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, daß der Sandſtein dem Kalk nicht nur aufgelagert iſt, ſondern daß beide nicht ſelten in Wechſellagerung vorkommen.
Man unterſcheidet im Lande den abgerundeten Gipfel des Turimiquiri und die ſpitzen Piks oder Cucuruchos, die dicht bewaldet ſind, und wo es viele Tiger gibt, auf die man wegen des großen und ſchönen Fells Jagd macht. Den run- den begraſten Gipfel fanden wir 1378 m hoch. Von dieſem Gipfel läuft nun nach Weſt ein ſteiler Felskamm aus, der 1,8 km von jenem durch eine ungeheure Spalte unterbrochen iſt, die gegen den Meerbuſen von Cariaco hinunterläuft. An der Stelle, wo der Kamm hätte weiter laufen ſollen, erheben ſich zwei Bergſpitzen aus Kalkſtein, von denen die nördliche die höhere iſt. Dies iſt der eigentliche Cucurucho de Tu- rimiquiri, der für höher gilt als der Brigantin, der den Schiffern, die der Küſte von Cumana zuſteuern, ſo wohl be- kannt iſt. Nach Höhenwinkeln und einer ziemlich kurzen Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen Gipfel zogen, maßen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden ihn 680 m höher als unſeren Standort, ſo daß ſeine abſolute Höhe über 2047 m beträgt.
Man genießt auf dem Turimiquiri einer der weiteſten und maleriſchten Ausſichten. Vom Gipfel bis hinunter zum Meer liegen Bergketten vor einem, die parallel von Oſt nach Weſt ſtreichen und Längenthäler zwiſchen ſich haben. Da in letztere eine Menge kleiner, von den Bergwaſſern ausgeſpülter Thäler unter rechtem Winkel münden, ſo ſtellen ſich die Seiten- ketten als Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegel- förmiger Höhen dar. Bis zum Impoſible ſind die Berghänge meiſt ziemlich ſanft; weiterhin werden die Abfälle ſehr ſteil und ſtreichen hintereinander fort bis zum Ufer des Meer- buſens von Cariaco. Die Umriſſe dieſer Gebirgsmaſſen er-
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vor. Melastoma xanthostachis und ein Strauch (Palicourea
rigida), deſſen große, lederartige Blätter im Wind wie Perga-
ment rauſchen, wachſen hier und da in der Savanne. Aber
die Hauptzierde des Raſens iſt ein Liliengewächs mit gold-
gelber Blüte, die Marica martinicensis. Man findet ſie in
den Provinzen Cumana und Caracas meiſt erſt in 780—970 m
Höhe. Die Gebirgsarten des Turimiquiri ſind ein Alpen-
kalk, ähnlich dem bei Cumanacoa, und ziemlich dünne Schich-
ten Mergel und quarziger Sandſtein. Im Kalkſtein ſind
Klumpen von braunem Eiſenoxyd und Spateiſen eingeſprengt.
An mehreren Stellen habe ich ganz deutlich beobachtet, daß der
Sandſtein dem Kalk nicht nur aufgelagert iſt, ſondern daß
beide nicht ſelten in Wechſellagerung vorkommen.
Man unterſcheidet im Lande den abgerundeten Gipfel
des Turimiquiri und die ſpitzen Piks oder Cucuruchos, die
dicht bewaldet ſind, und wo es viele Tiger gibt, auf die man
wegen des großen und ſchönen Fells Jagd macht. Den run-
den begraſten Gipfel fanden wir 1378 m hoch. Von dieſem
Gipfel läuft nun nach Weſt ein ſteiler Felskamm aus, der
1,8 km von jenem durch eine ungeheure Spalte unterbrochen
iſt, die gegen den Meerbuſen von Cariaco hinunterläuft. An
der Stelle, wo der Kamm hätte weiter laufen ſollen, erheben
ſich zwei Bergſpitzen aus Kalkſtein, von denen die nördliche
die höhere iſt. Dies iſt der eigentliche Cucurucho de Tu-
rimiquiri, der für höher gilt als der Brigantin, der den
Schiffern, die der Küſte von Cumana zuſteuern, ſo wohl be-
kannt iſt. Nach Höhenwinkeln und einer ziemlich kurzen
Standlinie, die wir auf dem abgerundeten kahlen Gipfel
zogen, maßen wir den Spitzberg oder Cucurucho und fanden
ihn 680 m höher als unſeren Standort, ſo daß ſeine abſolute
Höhe über 2047 m beträgt.
Man genießt auf dem Turimiquiri einer der weiteſten
und maleriſchten Ausſichten. Vom Gipfel bis hinunter zum
Meer liegen Bergketten vor einem, die parallel von Oſt nach
Weſt ſtreichen und Längenthäler zwiſchen ſich haben. Da in
letztere eine Menge kleiner, von den Bergwaſſern ausgeſpülter
Thäler unter rechtem Winkel münden, ſo ſtellen ſich die Seiten-
ketten als Reihen gleich vieler bald abgerundeter, bald kegel-
förmiger Höhen dar. Bis zum Impoſible ſind die Berghänge
meiſt ziemlich ſanft; weiterhin werden die Abfälle ſehr ſteil
und ſtreichen hintereinander fort bis zum Ufer des Meer-
buſens von Cariaco. Die Umriſſe dieſer Gebirgsmaſſen er-
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 252. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/268>, abgerufen am 25.09.2024.
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