innern an die Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die sich darin findet, ist das Thal von Cumanacoa. Es ist, als sähe man in einen Trichter hinunter, auf dessen Boden unter zerstreuten Baumgruppen das indianische Dorf Aricagua er- scheint. Gegen Nord hob sich eine schmale Landzunge, die Halbinsel Araya, braun vom Meere ab, das, von den ersten Sonnenstrahlen beleuchtet, ein glänzendes Licht zurückwarf. Jenseits der Halbinsel begrenzte den Horizont das Vorgebirge Macanao, dessen schwarzes Gestein gleich einem ungeheuren Bollwerk aus dem Wasser aufsteigt.
Der Hof auf dem Cocollar am Fuße des Turimiquiri liegt unter 10° 9' 32" der Breite. Die Inklination der Magnetnadel fand ich gleich 42° 10'. Die Nadel schwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden Braun- eisensteinmassen mögen die Intensität der magnetischen Kraft um ein weniges steigern.
Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Mission San Antonio hinunter. Der Weg führt anfangs über Sa- vannen, die mit großen Kalksteinblöcken übersät sind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei sehr steile Berggräte überstiegen, hat man ein schönes Thal vor sich, das, 22,5 km lang, fast durchaus von Ost nach West streicht. In diesem Thale liegen die Missionen San Antonio und Guana- guana. Erstere ist berühmt wegen einer kleinen Kirche aus Backsteinen, in erträglichem Stil, mit zwei Türmen und dorischen Säulen. Sie gilt in der Umgegend für ein Wunder. Der Guardian der Kapuziner wurde mit diesem Kirchenbau in nicht ganz zwei Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus seinem Dorfe dabei verwendet hatte. Die Säulenkapitäle, die Gesimse und ein mit Sonnen und Arabesken gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermischtem Thon model- liert. Wundert man sich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinsten griechischen Stil 1 anzutreffen, so überraschen einen dergleichen erste Kunstversuche noch mehr in einem Erdstrich, wo noch alles den Stempel menschlicher Urzustände trägt und von den Europäern erst seit etwa vierzig Jahren der Grund zukünftiger Kultur gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz mißbilligte es, daß in Missionen mit solchem Luxus gebaut werde, und zum großen Leidwesen der Mönche wurde die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio sind
1 In Skeleftar bei Torneo. S. Buch, Reise in Norwegen.
innern an die Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die ſich darin findet, iſt das Thal von Cumanacoa. Es iſt, als ſähe man in einen Trichter hinunter, auf deſſen Boden unter zerſtreuten Baumgruppen das indianiſche Dorf Aricagua er- ſcheint. Gegen Nord hob ſich eine ſchmale Landzunge, die Halbinſel Araya, braun vom Meere ab, das, von den erſten Sonnenſtrahlen beleuchtet, ein glänzendes Licht zurückwarf. Jenſeits der Halbinſel begrenzte den Horizont das Vorgebirge Macanao, deſſen ſchwarzes Geſtein gleich einem ungeheuren Bollwerk aus dem Waſſer aufſteigt.
Der Hof auf dem Cocollar am Fuße des Turimiquiri liegt unter 10° 9′ 32″ der Breite. Die Inklination der Magnetnadel fand ich gleich 42° 10′. Die Nadel ſchwang 220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden Braun- eiſenſteinmaſſen mögen die Intenſität der magnetiſchen Kraft um ein weniges ſteigern.
Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Miſſion San Antonio hinunter. Der Weg führt anfangs über Sa- vannen, die mit großen Kalkſteinblöcken überſät ſind, und dann betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei ſehr ſteile Berggräte überſtiegen, hat man ein ſchönes Thal vor ſich, das, 22,5 km lang, faſt durchaus von Oſt nach Weſt ſtreicht. In dieſem Thale liegen die Miſſionen San Antonio und Guana- guana. Erſtere iſt berühmt wegen einer kleinen Kirche aus Backſteinen, in erträglichem Stil, mit zwei Türmen und doriſchen Säulen. Sie gilt in der Umgegend für ein Wunder. Der Guardian der Kapuziner wurde mit dieſem Kirchenbau in nicht ganz zwei Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus ſeinem Dorfe dabei verwendet hatte. Die Säulenkapitäle, die Geſimſe und ein mit Sonnen und Arabesken gezierter Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermiſchtem Thon model- liert. Wundert man ſich, an der Grenze Lapplands Kirchen im reinſten griechiſchen Stil 1 anzutreffen, ſo überraſchen einen dergleichen erſte Kunſtverſuche noch mehr in einem Erdſtrich, wo noch alles den Stempel menſchlicher Urzuſtände trägt und von den Europäern erſt ſeit etwa vierzig Jahren der Grund zukünftiger Kultur gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz mißbilligte es, daß in Miſſionen mit ſolchem Luxus gebaut werde, und zum großen Leidweſen der Mönche wurde die Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio ſind
1 In Skeleftar bei Torneo. S. Buch, Reiſe in Norwegen.
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innern an die Ketten des Jura, und die einzige Ebene, die
ſich darin findet, iſt das Thal von Cumanacoa. Es iſt, als
ſähe man in einen Trichter hinunter, auf deſſen Boden unter
zerſtreuten Baumgruppen das indianiſche Dorf Aricagua er-
ſcheint. Gegen Nord hob ſich eine ſchmale Landzunge, die
Halbinſel Araya, braun vom Meere ab, das, von den erſten
Sonnenſtrahlen beleuchtet, ein glänzendes Licht zurückwarf.
Jenſeits der Halbinſel begrenzte den Horizont das Vorgebirge
Macanao, deſſen ſchwarzes Geſtein gleich einem ungeheuren
Bollwerk aus dem Waſſer aufſteigt.
Der Hof auf dem Cocollar am Fuße des Turimiquiri
liegt unter 10° 9′ 32″ der Breite. Die Inklination der
Magnetnadel fand ich gleich 42° 10′. Die Nadel ſchwang
220mal in zehn Zeitminuten. Die im Kalk liegenden Braun-
eiſenſteinmaſſen mögen die Intenſität der magnetiſchen Kraft
um ein weniges ſteigern.
Am 14. September gingen wir vom Cocollar zur Miſſion
San Antonio hinunter. Der Weg führt anfangs über Sa-
vannen, die mit großen Kalkſteinblöcken überſät ſind, und dann
betritt man dichten Wald. Nachdem man zwei ſehr ſteile
Berggräte überſtiegen, hat man ein ſchönes Thal vor ſich, das,
22,5 km lang, faſt durchaus von Oſt nach Weſt ſtreicht. In
dieſem Thale liegen die Miſſionen San Antonio und Guana-
guana. Erſtere iſt berühmt wegen einer kleinen Kirche aus
Backſteinen, in erträglichem Stil, mit zwei Türmen und doriſchen
Säulen. Sie gilt in der Umgegend für ein Wunder. Der
Guardian der Kapuziner wurde mit dieſem Kirchenbau in nicht
ganz zwei Sommern fertig, obgleich er nur Indianer aus
ſeinem Dorfe dabei verwendet hatte. Die Säulenkapitäle,
die Geſimſe und ein mit Sonnen und Arabesken gezierter
Fries wurden aus mit Ziegelmehl vermiſchtem Thon model-
liert. Wundert man ſich, an der Grenze Lapplands Kirchen
im reinſten griechiſchen Stil 1 anzutreffen, ſo überraſchen einen
dergleichen erſte Kunſtverſuche noch mehr in einem Erdſtrich,
wo noch alles den Stempel menſchlicher Urzuſtände trägt und
von den Europäern erſt ſeit etwa vierzig Jahren der Grund
zukünftiger Kultur gelegt wurde. Der Statthalter der Provinz
mißbilligte es, daß in Miſſionen mit ſolchem Luxus gebaut
werde, und zum großen Leidweſen der Mönche wurde die
Kirche nicht ausgebaut. Die Indianer von San Antonio ſind
1 In Skeleftar bei Torneo. S. Buch, Reiſe in Norwegen.
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 253. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/269>, abgerufen am 25.09.2024.
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