weit entfernt, solches gleichfalls zu beklagen; sie sind insgeheim mit dem Spruche des Statthalters vollkommen einverstanden, weil er ihrer natürlichen Trägheit behagt. Sie machen sich ebensowenig aus architektonischen Ornamenten als einst die Eingeborenen in den Jesuitenmissionen in Paraguay.
Ich hielt mich in der Mission San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu sehen und ein paar Sonnenhöhen zu nehmen. Der große Platz liegt 430 m über Cumana. Jenseits des Dorfes durchwateten wir die Flüsse Colorado und Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar ent- springen und weiter unten, ostwärts, sich vereinigen. Der Colorado hat eine sehr starke Strömung und wird bei seiner Mündung breiter als der Rhein; der Guarapiche ist, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, über 90 m tief. An seinen Ufern wächst eine ausnehmend schöne Grasart, die ich zwei Jahre später, als ich den Magdalenenstrom hinauffuhr, ge- zeichnet habe. Der Halm mit zweizeiligen Blättern wird 5 bis 6,5 m hoch. Unsere Maultiere konnten sich durch den dicken Morast auf dem schmalen ebenen Weg kaum durch- arbeiten. Es goß in Strömen vom Himmel; der ganze Wald erschien infolge des starken anhaltenden Regens wie ein Sumpf.
Gegen Abend langten wir in der Mission Guanaguana an, die so ziemlich in derselben Höhe liegt wie das Dorf San Antonio. Es that sehr not, daß wir uns trockneten. Der Missionär nahm uns sehr herzlich auf. Es war ein alter Mann, der, wie es schien, seine Indianer sehr verständig be- handelte. Das Dorf steht erst seit dreißig Jahren am jetzigen Fleck, früher lag es weiter nach Süden und lehnte sich an einen Hügel. Man wundert sich, mit welcher Leichtigkeit man die Wohnsitze der Indianer verlegt. Es gibt in Südamerika Dörfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den Ort gewechselt haben. Den Eingeborenen knüpfen so schwache Bande an den Boden, auf dem er wohnt, daß er den Befehl, sein Haus abzureißen und es anderswo wieder aufzubauen, gleichmütig aufnimmt. Ein Dorf wechselt seinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblätter und Helikonenblätter gibt, ist die Hütte in wenigen Tagen wieder fertig. Diesen gewaltsamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune eines frisch aus Spanien angekommenen Missionärs, der meint, die Mission sei dem Fieber ausgesetzt oder liege nicht luftig genug. Es ist vor- gekommen, daß ganze Dörfer mehrere Stunden weit verlegt
weit entfernt, ſolches gleichfalls zu beklagen; ſie ſind insgeheim mit dem Spruche des Statthalters vollkommen einverſtanden, weil er ihrer natürlichen Trägheit behagt. Sie machen ſich ebenſowenig aus architektoniſchen Ornamenten als einſt die Eingeborenen in den Jeſuitenmiſſionen in Paraguay.
Ich hielt mich in der Miſſion San Antonio nur auf, um auf den Barometer zu ſehen und ein paar Sonnenhöhen zu nehmen. Der große Platz liegt 430 m über Cumana. Jenſeits des Dorfes durchwateten wir die Flüſſe Colorado und Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar ent- ſpringen und weiter unten, oſtwärts, ſich vereinigen. Der Colorado hat eine ſehr ſtarke Strömung und wird bei ſeiner Mündung breiter als der Rhein; der Guarapiche iſt, nachdem er den Rio Areo aufgenommen, über 90 m tief. An ſeinen Ufern wächſt eine ausnehmend ſchöne Grasart, die ich zwei Jahre ſpäter, als ich den Magdalenenſtrom hinauffuhr, ge- zeichnet habe. Der Halm mit zweizeiligen Blättern wird 5 bis 6,5 m hoch. Unſere Maultiere konnten ſich durch den dicken Moraſt auf dem ſchmalen ebenen Weg kaum durch- arbeiten. Es goß in Strömen vom Himmel; der ganze Wald erſchien infolge des ſtarken anhaltenden Regens wie ein Sumpf.
Gegen Abend langten wir in der Miſſion Guanaguana an, die ſo ziemlich in derſelben Höhe liegt wie das Dorf San Antonio. Es that ſehr not, daß wir uns trockneten. Der Miſſionär nahm uns ſehr herzlich auf. Es war ein alter Mann, der, wie es ſchien, ſeine Indianer ſehr verſtändig be- handelte. Das Dorf ſteht erſt ſeit dreißig Jahren am jetzigen Fleck, früher lag es weiter nach Süden und lehnte ſich an einen Hügel. Man wundert ſich, mit welcher Leichtigkeit man die Wohnſitze der Indianer verlegt. Es gibt in Südamerika Dörfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal den Ort gewechſelt haben. Den Eingeborenen knüpfen ſo ſchwache Bande an den Boden, auf dem er wohnt, daß er den Befehl, ſein Haus abzureißen und es anderswo wieder aufzubauen, gleichmütig aufnimmt. Ein Dorf wechſelt ſeinen Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblätter und Helikonenblätter gibt, iſt die Hütte in wenigen Tagen wieder fertig. Dieſen gewaltſamen Aenderungen liegt oft nichts zu Grunde als die Laune eines friſch aus Spanien angekommenen Miſſionärs, der meint, die Miſſion ſei dem Fieber ausgeſetzt oder liege nicht luftig genug. Es iſt vor- gekommen, daß ganze Dörfer mehrere Stunden weit verlegt
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[254/0270]
weit entfernt, ſolches gleichfalls zu beklagen; ſie ſind insgeheim
mit dem Spruche des Statthalters vollkommen einverſtanden,
weil er ihrer natürlichen Trägheit behagt. Sie machen ſich
ebenſowenig aus architektoniſchen Ornamenten als einſt die
Eingeborenen in den Jeſuitenmiſſionen in Paraguay.
Ich hielt mich in der Miſſion San Antonio nur auf,
um auf den Barometer zu ſehen und ein paar Sonnenhöhen
zu nehmen. Der große Platz liegt 430 m über Cumana.
Jenſeits des Dorfes durchwateten wir die Flüſſe Colorado
und Guarapiche, die beide in den Bergen des Cocollar ent-
ſpringen und weiter unten, oſtwärts, ſich vereinigen. Der
Colorado hat eine ſehr ſtarke Strömung und wird bei ſeiner
Mündung breiter als der Rhein; der Guarapiche iſt, nachdem
er den Rio Areo aufgenommen, über 90 m tief. An ſeinen
Ufern wächſt eine ausnehmend ſchöne Grasart, die ich zwei
Jahre ſpäter, als ich den Magdalenenſtrom hinauffuhr, ge-
zeichnet habe. Der Halm mit zweizeiligen Blättern wird
5 bis 6,5 m hoch. Unſere Maultiere konnten ſich durch den
dicken Moraſt auf dem ſchmalen ebenen Weg kaum durch-
arbeiten. Es goß in Strömen vom Himmel; der ganze Wald
erſchien infolge des ſtarken anhaltenden Regens wie ein Sumpf.
Gegen Abend langten wir in der Miſſion Guanaguana
an, die ſo ziemlich in derſelben Höhe liegt wie das Dorf San
Antonio. Es that ſehr not, daß wir uns trockneten. Der
Miſſionär nahm uns ſehr herzlich auf. Es war ein alter
Mann, der, wie es ſchien, ſeine Indianer ſehr verſtändig be-
handelte. Das Dorf ſteht erſt ſeit dreißig Jahren am jetzigen
Fleck, früher lag es weiter nach Süden und lehnte ſich an
einen Hügel. Man wundert ſich, mit welcher Leichtigkeit man
die Wohnſitze der Indianer verlegt. Es gibt in Südamerika
Dörfer, die in weniger als einem halben Jahrhundert dreimal
den Ort gewechſelt haben. Den Eingeborenen knüpfen ſo
ſchwache Bande an den Boden, auf dem er wohnt, daß er
den Befehl, ſein Haus abzureißen und es anderswo wieder
aufzubauen, gleichmütig aufnimmt. Ein Dorf wechſelt ſeinen
Platz wie ein Lager. Wo es nur Thon, Rohr, Palmblätter
und Helikonenblätter gibt, iſt die Hütte in wenigen Tagen
wieder fertig. Dieſen gewaltſamen Aenderungen liegt oft
nichts zu Grunde als die Laune eines friſch aus Spanien
angekommenen Miſſionärs, der meint, die Miſſion ſei dem
Fieber ausgeſetzt oder liege nicht luftig genug. Es iſt vor-
gekommen, daß ganze Dörfer mehrere Stunden weit verlegt
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 254. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/270>, abgerufen am 25.09.2024.
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