wurden, bloß weil der Mönch die Aussicht aus seinem Hause nicht schön oder weit genug fand.
Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geistliche, der schon seit dreißig Jahren in den Wäldern Amerikas lebte, äußerte gegen uns, die Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, müßten zuerst zum Bau des Missions- hauses, dann zum Kirchenbau und endlich für die Kleidung der Indianer verwendet werden. Er versicherte in wichtigem Ton, von dieser Ordnung dürfe unter keinem Vorwand ab- gegangen werden. Nun, die Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichtesten Kleider tragen, können gut warten, bis die Reihe an sie kommt. Die geräumige Wohnung des Padre war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unserer Ueberraschung, daß das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge Kaminen wie mit Türmchen geziert war. Sie sollten, belehrte uns unser Wirt, ihn an sein ge- liebtes Heimatland, und in der tropischen Hitze an die ara- gonesischen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen Baumwolle für sich, für die Kirche und für den Missionär. Der Ertrag gilt als Gemeindeeigentum, und mit den Gemeinde- geldern werden die Bedürfnisse des Geistlichen und die Kosten des Gottesdienstes bestritten. Die Eingeborenen haben höchst einfache Vorrichtungen, um den Samen von der Baumwolle zu trennen. Es sind hölzerne Cylinder von sehr kleinem Durchmesser, zwischen denen die Baumwolle durchläuft, und die man wie Spinnräder mit dem Fuße umtreibt. Diese höchst mangelhaften Maschinen leisten indessen gute Dienste, und man fängt in den anderen Missionen an, sie nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke über Mexiko, ausein- andergesetzt, wie sehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den Transport in den spanischen Ko- lonien erschwert, wo alle Waren auf Maultieren in die See- häfen kommen. Der Boden ist in Guanaguana ebenso frucht- bar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls seinen indianischen Namen behalten hat. Eine Almuda (7030 qm) trägt in guten Jahren 25--30 Fanegas Mais, die Fanega zu 50 kg. Aber hier wie überall, wo der Segen der Natur die Entwickelung der Industrie hemmt, macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Mensch denkt daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechseln. Die In- dianer in Guanaguana erzählten mir als etwas Ungewöhn- liches, im verflossenen Jahre seien sie, ihre Weiber und Kinder
wurden, bloß weil der Mönch die Ausſicht aus ſeinem Hauſe nicht ſchön oder weit genug fand.
Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geiſtliche, der ſchon ſeit dreißig Jahren in den Wäldern Amerikas lebte, äußerte gegen uns, die Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der Arbeit der Indianer, müßten zuerſt zum Bau des Miſſions- hauſes, dann zum Kirchenbau und endlich für die Kleidung der Indianer verwendet werden. Er verſicherte in wichtigem Ton, von dieſer Ordnung dürfe unter keinem Vorwand ab- gegangen werden. Nun, die Indianer, die lieber ganz nackt gehen als die leichteſten Kleider tragen, können gut warten, bis die Reihe an ſie kommt. Die geräumige Wohnung des Padre war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu unſerer Ueberraſchung, daß das Haus, das ein plattes Dach hatte, mit einer Menge Kaminen wie mit Türmchen geziert war. Sie ſollten, belehrte uns unſer Wirt, ihn an ſein ge- liebtes Heimatland, und in der tropiſchen Hitze an die ara- goneſiſchen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana bauen Baumwolle für ſich, für die Kirche und für den Miſſionär. Der Ertrag gilt als Gemeindeeigentum, und mit den Gemeinde- geldern werden die Bedürfniſſe des Geiſtlichen und die Koſten des Gottesdienſtes beſtritten. Die Eingeborenen haben höchſt einfache Vorrichtungen, um den Samen von der Baumwolle zu trennen. Es ſind hölzerne Cylinder von ſehr kleinem Durchmeſſer, zwiſchen denen die Baumwolle durchläuft, und die man wie Spinnräder mit dem Fuße umtreibt. Dieſe höchſt mangelhaften Maſchinen leiſten indeſſen gute Dienſte, und man fängt in den anderen Miſſionen an, ſie nachzuahmen. Ich habe anderswo, in meinem Werke über Mexiko, ausein- andergeſetzt, wie ſehr die Sitte, die Baumwolle mit dem Samen zu verkaufen, den Transport in den ſpaniſchen Ko- lonien erſchwert, wo alle Waren auf Maultieren in die See- häfen kommen. Der Boden iſt in Guanaguana ebenſo frucht- bar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls ſeinen indianiſchen Namen behalten hat. Eine Almuda (7030 qm) trägt in guten Jahren 25—30 Fanegas Mais, die Fanega zu 50 kg. Aber hier wie überall, wo der Segen der Natur die Entwickelung der Induſtrie hemmt, macht man nur ganz wenige Morgen Landes urbar, und kein Menſch denkt daran, mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechſeln. Die In- dianer in Guanaguana erzählten mir als etwas Ungewöhn- liches, im verfloſſenen Jahre ſeien ſie, ihre Weiber und Kinder
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[255/0271]
wurden, bloß weil der Mönch die Ausſicht aus ſeinem Hauſe
nicht ſchön oder weit genug fand.
Guanaguana hat noch keine Kirche. Der alte Geiſtliche,
der ſchon ſeit dreißig Jahren in den Wäldern Amerikas lebte,
äußerte gegen uns, die Gemeindegelder, d. h. der Ertrag der
Arbeit der Indianer, müßten zuerſt zum Bau des Miſſions-
hauſes, dann zum Kirchenbau und endlich für die Kleidung
der Indianer verwendet werden. Er verſicherte in wichtigem
Ton, von dieſer Ordnung dürfe unter keinem Vorwand ab-
gegangen werden. Nun, die Indianer, die lieber ganz nackt
gehen als die leichteſten Kleider tragen, können gut warten,
bis die Reihe an ſie kommt. Die geräumige Wohnung des
Padre war eben fertig geworden, und wir bemerkten zu
unſerer Ueberraſchung, daß das Haus, das ein plattes Dach
hatte, mit einer Menge Kaminen wie mit Türmchen geziert
war. Sie ſollten, belehrte uns unſer Wirt, ihn an ſein ge-
liebtes Heimatland, und in der tropiſchen Hitze an die ara-
goneſiſchen Winter erinnern. Die Indianer in Guanaguana
bauen Baumwolle für ſich, für die Kirche und für den Miſſionär.
Der Ertrag gilt als Gemeindeeigentum, und mit den Gemeinde-
geldern werden die Bedürfniſſe des Geiſtlichen und die Koſten
des Gottesdienſtes beſtritten. Die Eingeborenen haben höchſt
einfache Vorrichtungen, um den Samen von der Baumwolle
zu trennen. Es ſind hölzerne Cylinder von ſehr kleinem
Durchmeſſer, zwiſchen denen die Baumwolle durchläuft, und
die man wie Spinnräder mit dem Fuße umtreibt. Dieſe höchſt
mangelhaften Maſchinen leiſten indeſſen gute Dienſte, und
man fängt in den anderen Miſſionen an, ſie nachzuahmen.
Ich habe anderswo, in meinem Werke über Mexiko, ausein-
andergeſetzt, wie ſehr die Sitte, die Baumwolle mit dem
Samen zu verkaufen, den Transport in den ſpaniſchen Ko-
lonien erſchwert, wo alle Waren auf Maultieren in die See-
häfen kommen. Der Boden iſt in Guanaguana ebenſo frucht-
bar wie im benachbarten Dorfe Aricagua, das gleichfalls ſeinen
indianiſchen Namen behalten hat. Eine Almuda (7030 qm)
trägt in guten Jahren 25—30 Fanegas Mais, die Fanega
zu 50 kg. Aber hier wie überall, wo der Segen der Natur
die Entwickelung der Induſtrie hemmt, macht man nur ganz
wenige Morgen Landes urbar, und kein Menſch denkt daran,
mit dem Anbau der Nahrungspflanzen zu wechſeln. Die In-
dianer in Guanaguana erzählten mir als etwas Ungewöhn-
liches, im verfloſſenen Jahre ſeien ſie, ihre Weiber und Kinder
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 255. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/271>, abgerufen am 25.09.2024.
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