drei Monate lang al monte gewesen, d. h. sie seien in den benachbarten Wäldern umhergezogen, um sich von saftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baum- früchten zu nähren. Sie sprachen von diesem Nomadenleben keineswegs wie von einem Notstand. Nur der Missionär hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf ganz verlassen stand und die Gemeindegenossen, als sie aus den Wäldern wieder heimkamen, weniger lenksam waren als zuvor.
Das schöne Thal von Guanaguana läuft gegen Ost in die Ebenen von Punzere und Terecen aus. Gerne hätten wir diese Ebenen besucht, um die Quellen von Bergöl zwischen den Flüssen Guarapiche und Areo zu untersuchen; aber die Regenzeit war förmlich eingetreten, und wir hatten täglich vollauf zu thun, um die gesammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere führt entweder über San Felix, oder über Caycara und Guayuta, wo sich ein Hato (Hof für Viehzucht) der Missionäre befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der Indianer, große Schwefelmassen, nicht in Gips oder Kalkstein, sondern in geringer Tiefe unter der Fläche des Bodens in Thonschichten. Dieses auffallende Vor- kommen scheint Amerika eigentümlich; wir werden demselben im Königreich Quito und in Neu-Granada wieder begegnen. Vor Punzere sieht man in den Savannen Säckchen von Seiden- gewebe an den niedrigsten Baumästen hängen. Es ist dies die seda silvestre oder einheimische wilde Seide, die einen schönen Glanz hat, aber sich sehr rauh anfühlt. Der Nacht- schmetterling, der sie spinnt, kommt vielleicht mit denen in den Provinzen Guanaxuato und Antioquia überein, die gleich- falls wilde Seide liefern. Im schönen Walde von Punzere kommen zwei Bäume vor, die unter den Namen Curucay und Canela bekannt sind; ersterer liefert ein von den Piajes oder indianischen Zauberern sehr gesuchtes Harz, der zweite hat Blätter, die nach echtem Ceylonzimt riechen. Von Punzere läuft der Weg über Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlassung von Kanariern ist, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und man muß in einer Piroge über diesen Fluß setzen, wenn man zu den berühmten Bergölquellen von Buen Pastor gehen will. Man beschrieb sie uns als kleine Schachte oder Trichter, die sich von selbst im sumpfigen Boden gebildet haben. Diese Erscheinung erinnert an den Asphaltsee oder Chapapote
drei Monate lang al monte geweſen, d. h. ſie ſeien in den benachbarten Wäldern umhergezogen, um ſich von ſaftigen Pflanzen, von Palmkohl, von Farnwurzeln und wilden Baum- früchten zu nähren. Sie ſprachen von dieſem Nomadenleben keineswegs wie von einem Notſtand. Nur der Miſſionär hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf ganz verlaſſen ſtand und die Gemeindegenoſſen, als ſie aus den Wäldern wieder heimkamen, weniger lenkſam waren als zuvor.
Das ſchöne Thal von Guanaguana läuft gegen Oſt in die Ebenen von Punzere und Terecen aus. Gerne hätten wir dieſe Ebenen beſucht, um die Quellen von Bergöl zwiſchen den Flüſſen Guarapiche und Areo zu unterſuchen; aber die Regenzeit war förmlich eingetreten, und wir hatten täglich vollauf zu thun, um die geſammelten Pflanzen zu trocknen und aufzubewahren. Der Weg von Guanaguana nach dem Dorfe Punzere führt entweder über San Felix, oder über Caycara und Guayuta, wo ſich ein Hato (Hof für Viehzucht) der Miſſionäre befindet. An letzterem Orte findet man, nach dem Bericht der Indianer, große Schwefelmaſſen, nicht in Gips oder Kalkſtein, ſondern in geringer Tiefe unter der Fläche des Bodens in Thonſchichten. Dieſes auffallende Vor- kommen ſcheint Amerika eigentümlich; wir werden demſelben im Königreich Quito und in Neu-Granada wieder begegnen. Vor Punzere ſieht man in den Savannen Säckchen von Seiden- gewebe an den niedrigſten Baumäſten hängen. Es iſt dies die seda silvestre oder einheimiſche wilde Seide, die einen ſchönen Glanz hat, aber ſich ſehr rauh anfühlt. Der Nacht- ſchmetterling, der ſie ſpinnt, kommt vielleicht mit denen in den Provinzen Guanaxuato und Antioquia überein, die gleich- falls wilde Seide liefern. Im ſchönen Walde von Punzere kommen zwei Bäume vor, die unter den Namen Curucay und Canela bekannt ſind; erſterer liefert ein von den Piajes oder indianiſchen Zauberern ſehr geſuchtes Harz, der zweite hat Blätter, die nach echtem Ceylonzimt riechen. Von Punzere läuft der Weg über Terecen und Neu-Palencia, das eine neue Niederlaſſung von Kanariern iſt, nach dem Hafen San Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und man muß in einer Piroge über dieſen Fluß ſetzen, wenn man zu den berühmten Bergölquellen von Buen Paſtor gehen will. Man beſchrieb ſie uns als kleine Schachte oder Trichter, die ſich von ſelbſt im ſumpfigen Boden gebildet haben. Dieſe Erſcheinung erinnert an den Asphaltſee oder Chapapote
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drei Monate lang al monte geweſen, d. h. ſie ſeien in den
benachbarten Wäldern umhergezogen, um ſich von ſaftigen
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früchten zu nähren. Sie ſprachen von dieſem Nomadenleben
keineswegs wie von einem Notſtand. Nur der Miſſionär
hatte dabei zu leiden gehabt, weil das Dorf ganz verlaſſen
ſtand und die Gemeindegenoſſen, als ſie aus den Wäldern
wieder heimkamen, weniger lenkſam waren als zuvor.
Das ſchöne Thal von Guanaguana läuft gegen Oſt in
die Ebenen von Punzere und Terecen aus. Gerne hätten
wir dieſe Ebenen beſucht, um die Quellen von Bergöl zwiſchen
den Flüſſen Guarapiche und Areo zu unterſuchen; aber die
Regenzeit war förmlich eingetreten, und wir hatten täglich
vollauf zu thun, um die geſammelten Pflanzen zu trocknen
und aufzubewahren. Der Weg von Guanaguana nach dem
Dorfe Punzere führt entweder über San Felix, oder über
Caycara und Guayuta, wo ſich ein Hato (Hof für Viehzucht)
der Miſſionäre befindet. An letzterem Orte findet man, nach
dem Bericht der Indianer, große Schwefelmaſſen, nicht in
Gips oder Kalkſtein, ſondern in geringer Tiefe unter der
Fläche des Bodens in Thonſchichten. Dieſes auffallende Vor-
kommen ſcheint Amerika eigentümlich; wir werden demſelben
im Königreich Quito und in Neu-Granada wieder begegnen.
Vor Punzere ſieht man in den Savannen Säckchen von Seiden-
gewebe an den niedrigſten Baumäſten hängen. Es iſt dies
die seda silvestre oder einheimiſche wilde Seide, die einen
ſchönen Glanz hat, aber ſich ſehr rauh anfühlt. Der Nacht-
ſchmetterling, der ſie ſpinnt, kommt vielleicht mit denen in
den Provinzen Guanaxuato und Antioquia überein, die gleich-
falls wilde Seide liefern. Im ſchönen Walde von Punzere
kommen zwei Bäume vor, die unter den Namen Curucay
und Canela bekannt ſind; erſterer liefert ein von den Piajes
oder indianiſchen Zauberern ſehr geſuchtes Harz, der zweite
hat Blätter, die nach echtem Ceylonzimt riechen. Von Punzere
läuft der Weg über Terecen und Neu-Palencia, das eine
neue Niederlaſſung von Kanariern iſt, nach dem Hafen San
Juan, der am rechten Ufer des Rio Areo liegt, und man
muß in einer Piroge über dieſen Fluß ſetzen, wenn man zu
den berühmten Bergölquellen von Buen Paſtor gehen will.
Man beſchrieb ſie uns als kleine Schachte oder Trichter, die
ſich von ſelbſt im ſumpfigen Boden gebildet haben. Dieſe
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Übers. v. Hermann Hauff. Bd. 1. Stuttgart, 1859, S. 256. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial01_1859/272>, abgerufen am 25.09.2024.
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