Blütezeit der Befaria, der Alpenrose des tropischen Amerikas, purpurrot schimmert. Ueber dieser Waldregion steigen zwei Felsmassen in Kuppelform empor. Sie sind völlig kahl und dadurch erscheint der Berg, der im gemäßigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich ist. Mit diesem großartigen Prospekt der Silla und der Bergßenerie im Norden der Stadt steht der angebaute Strich des Thales, die lachende Ebene von Chacao, Petare und La Vega im angenehmsten Kontrast.
Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen Frühling nennen, und dasselbe findet sich überall im tropischen Amerika auf der halben Höhe der Kordilleren, zwischen 780 und 1750 m über dem Meere, wenn nicht sehr breite Thäler und Hochebenen und dürrer Boden die Intensität der strah- lenden Wärme übermäßig steigern. Was läßt sich auch Köst- licheres denken als eine Temperatur, die sich bei Tage zwischen 20 und 26°, bei Nacht zwischen 16 und 18° hält, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum, der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikosenbaum und der Weizen neben- einander gedeihen! Ein einheimischer Schriftsteller vergleicht auch Caracas mit dem Paradiese und findet im Anauco und den benachbarten Bächen die vier Flüsse desselben.
Leider ist in diesem so gemäßigten Klima die Witterung sehr unbeständig. Die Einwohner von Caracas klagen dar- über, daß sie an einem Tage verschiedene Jahreszeiten haben und die Uebergänge von einer Jahreszeit zur anderen sehr schroff sind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem der Thermometer im Schatten acht Stunden lang über 22° steht. Am selben Tage kommen aber Wärmegrade von 24 und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen sind in den gemäßigten Landstrichen Europas ganz gewöhnlich, in der heißen Zone aber sind selbst die Europäer so sehr an die Gleichförmigkeit der äußeren Reize gewöhnt, daß ein Tem- peraturwechsel von 6° ihnen beschwerlich wird. In Cumana und überall in der Niederung ändert sich die Temperatur von 11 Uhr morgens bis 11 Uhr abends gewöhnlich nur um 2 bis 3°. Zudem äußern diese atmosphärischen Schwan- kungen in Caracas auf den menschlichen Organismus stärkeren Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerstande glauben sollte. Im engen Thale wird die Luft sozusagen im Gleich- gewicht gehalten von zwei Winden, deren einer von West,
Blütezeit der Befaria, der Alpenroſe des tropiſchen Amerikas, purpurrot ſchimmert. Ueber dieſer Waldregion ſteigen zwei Felsmaſſen in Kuppelform empor. Sie ſind völlig kahl und dadurch erſcheint der Berg, der im gemäßigten Europa kaum die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich iſt. Mit dieſem großartigen Proſpekt der Silla und der Bergſzenerie im Norden der Stadt ſteht der angebaute Strich des Thales, die lachende Ebene von Chacao, Petare und La Vega im angenehmſten Kontraſt.
Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen Frühling nennen, und dasſelbe findet ſich überall im tropiſchen Amerika auf der halben Höhe der Kordilleren, zwiſchen 780 und 1750 m über dem Meere, wenn nicht ſehr breite Thäler und Hochebenen und dürrer Boden die Intenſität der ſtrah- lenden Wärme übermäßig ſteigern. Was läßt ſich auch Köſt- licheres denken als eine Temperatur, die ſich bei Tage zwiſchen 20 und 26°, bei Nacht zwiſchen 16 und 18° hält, und in der der Bananenbaum, der Orangenbaum, der Kaffeebaum, der Apfelbaum, der Aprikoſenbaum und der Weizen neben- einander gedeihen! Ein einheimiſcher Schriftſteller vergleicht auch Caracas mit dem Paradieſe und findet im Anauco und den benachbarten Bächen die vier Flüſſe desſelben.
Leider iſt in dieſem ſo gemäßigten Klima die Witterung ſehr unbeſtändig. Die Einwohner von Caracas klagen dar- über, daß ſie an einem Tage verſchiedene Jahreszeiten haben und die Uebergänge von einer Jahreszeit zur anderen ſehr ſchroff ſind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem der Thermometer im Schatten acht Stunden lang über 22° ſteht. Am ſelben Tage kommen aber Wärmegrade von 24 und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen ſind in den gemäßigten Landſtrichen Europas ganz gewöhnlich, in der heißen Zone aber ſind ſelbſt die Europäer ſo ſehr an die Gleichförmigkeit der äußeren Reize gewöhnt, daß ein Tem- peraturwechſel von 6° ihnen beſchwerlich wird. In Cumana und überall in der Niederung ändert ſich die Temperatur von 11 Uhr morgens bis 11 Uhr abends gewöhnlich nur um 2 bis 3°. Zudem äußern dieſe atmoſphäriſchen Schwan- kungen in Caracas auf den menſchlichen Organismus ſtärkeren Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerſtande glauben ſollte. Im engen Thale wird die Luft ſozuſagen im Gleich- gewicht gehalten von zwei Winden, deren einer von Weſt,
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Blütezeit der Befaria, der Alpenroſe des tropiſchen Amerikas,
purpurrot ſchimmert. Ueber dieſer Waldregion ſteigen zwei
Felsmaſſen in Kuppelform empor. Sie ſind völlig kahl und
dadurch erſcheint der Berg, der im gemäßigten Europa kaum
die Schneegrenze erreichte, höher, als er wirklich iſt. Mit
dieſem großartigen Proſpekt der Silla und der Bergſzenerie
im Norden der Stadt ſteht der angebaute Strich des Thales,
die lachende Ebene von Chacao, Petare und La Vega im
angenehmſten Kontraſt.
Man hört das Klima von Caracas oft einen ewigen
Frühling nennen, und dasſelbe findet ſich überall im tropiſchen
Amerika auf der halben Höhe der Kordilleren, zwiſchen 780
und 1750 m über dem Meere, wenn nicht ſehr breite Thäler
und Hochebenen und dürrer Boden die Intenſität der ſtrah-
lenden Wärme übermäßig ſteigern. Was läßt ſich auch Köſt-
licheres denken als eine Temperatur, die ſich bei Tage zwiſchen
20 und 26°, bei Nacht zwiſchen 16 und 18° hält, und in
der der Bananenbaum, der Orangenbaum, der Kaffeebaum,
der Apfelbaum, der Aprikoſenbaum und der Weizen neben-
einander gedeihen! Ein einheimiſcher Schriftſteller vergleicht
auch Caracas mit dem Paradieſe und findet im Anauco und
den benachbarten Bächen die vier Flüſſe desſelben.
Leider iſt in dieſem ſo gemäßigten Klima die Witterung
ſehr unbeſtändig. Die Einwohner von Caracas klagen dar-
über, daß ſie an einem Tage verſchiedene Jahreszeiten haben
und die Uebergänge von einer Jahreszeit zur anderen ſehr
ſchroff ſind. Häufig folgt z. B. im Januar auf eine Nacht
mit einer mittleren Temperatur von 16° ein Tag, an dem
der Thermometer im Schatten acht Stunden lang über 22°
ſteht. Am ſelben Tage kommen aber Wärmegrade von 24
und von 18° vor. Dergleichen Schwankungen ſind in den
gemäßigten Landſtrichen Europas ganz gewöhnlich, in der
heißen Zone aber ſind ſelbſt die Europäer ſo ſehr an die
Gleichförmigkeit der äußeren Reize gewöhnt, daß ein Tem-
peraturwechſel von 6° ihnen beſchwerlich wird. In Cumana
und überall in der Niederung ändert ſich die Temperatur
von 11 Uhr morgens bis 11 Uhr abends gewöhnlich nur
um 2 bis 3°. Zudem äußern dieſe atmoſphäriſchen Schwan-
kungen in Caracas auf den menſchlichen Organismus ſtärkeren
Einfluß, als man nach dem bloßen Thermometerſtande glauben
ſollte. Im engen Thale wird die Luft ſozuſagen im Gleich-
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859, S. 111. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial02_1859/119>, abgerufen am 25.09.2024.
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