Während die Gymnoten für die europäischen Naturforscher Gegenstände der Vorliebe und des lebhaftesten Interesses sind, werden sie von den Eingeborenen gefürchtet und gehaßt. Ihr Muskelfleisch schmeckt allerdings nicht übel, aber der Körper besteht zum größten Teil aus dem elektrischen Organ, und dieses ist schmierig und von unangenehmem Geschmack; man sondert es daher auch sorgfältig vom übrigen ab. Zudem schreibt man es vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fische in den Sümpfen und Teichen der Llanos so selten sind. Sie töten ihrer viel mehr, als sie verzehren, und die Indianer erzählten uns, wenn man in sehr starken Netzen junge Kro- kodile und Zitteraale zugleich fange, so sei an letzteren nie eine Verletzung zu bemerken, weil sie die jungen Krokodile lähmen, bevor diese ihnen etwas anhaben können. Alle Be- wohner des Wassers fliehen die Gemeinschaft der Zitteraale. Eidechsen, Schildkröten und Frösche suchen Sümpfe auf, wo sie vor jenen sicher sind. Bei Uritucu mußte man einer Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale sich in einem Flusse so vermehrt hatten, daß sie alle Jahre eine Menge Maultiere, die belastet durch den Fluß wateten, um- brachten.
Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, sehr befriedigt von unserem Aufenthalt und unseren Versuchen über einen so wichtigen physiologischen Gegenstand. Ich hatte über- dies gute Sternbeobachtungen machen können und zu meiner Ueberraschung gefunden, daß die Angaben der Karten auch hier um einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig sind. Vor mir hatte niemand an diesem Orte beobachtet, und wie denn die Geographen gewöhnlich die Distanzen von der Küste dem Binnenlande zu zu groß annehmen, so hatten sie auch hier alle Punkte zu weit nach Süden gerückt.
Auf dem Wege durch den südlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden staubiger, pflanzenloser, durch die lange Dürre zerrissener. Die Palmen verschwanden nach und nach ganz. Der Thermometer stand von 11 Uhr bis zu Sonnen- untergang auf 34 bis 35°. Je ruhiger die Luft in 2,6 bis 2,9 m Höhe schien, desto dichter wurden wir von den Staub- wirbeln eingehüllt, welche von den kleinen, am Boden hin- streichenden Luftströmungen erzeugt werden. Gegen 4 Uhr abends fanden wir in der Savanne ein junges indianisches Mädchen. Sie lag auf dem Rücken, war ganz nackt und schien nicht über 12 bis 13 Jahre alt. Sie war von
Während die Gymnoten für die europäiſchen Naturforſcher Gegenſtände der Vorliebe und des lebhafteſten Intereſſes ſind, werden ſie von den Eingeborenen gefürchtet und gehaßt. Ihr Muskelfleiſch ſchmeckt allerdings nicht übel, aber der Körper beſteht zum größten Teil aus dem elektriſchen Organ, und dieſes iſt ſchmierig und von unangenehmem Geſchmack; man ſondert es daher auch ſorgfältig vom übrigen ab. Zudem ſchreibt man es vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fiſche in den Sümpfen und Teichen der Llanos ſo ſelten ſind. Sie töten ihrer viel mehr, als ſie verzehren, und die Indianer erzählten uns, wenn man in ſehr ſtarken Netzen junge Kro- kodile und Zitteraale zugleich fange, ſo ſei an letzteren nie eine Verletzung zu bemerken, weil ſie die jungen Krokodile lähmen, bevor dieſe ihnen etwas anhaben können. Alle Be- wohner des Waſſers fliehen die Gemeinſchaft der Zitteraale. Eidechſen, Schildkröten und Fröſche ſuchen Sümpfe auf, wo ſie vor jenen ſicher ſind. Bei Uritucu mußte man einer Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale ſich in einem Fluſſe ſo vermehrt hatten, daß ſie alle Jahre eine Menge Maultiere, die belaſtet durch den Fluß wateten, um- brachten.
Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, ſehr befriedigt von unſerem Aufenthalt und unſeren Verſuchen über einen ſo wichtigen phyſiologiſchen Gegenſtand. Ich hatte über- dies gute Sternbeobachtungen machen können und zu meiner Ueberraſchung gefunden, daß die Angaben der Karten auch hier um einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig ſind. Vor mir hatte niemand an dieſem Orte beobachtet, und wie denn die Geographen gewöhnlich die Diſtanzen von der Küſte dem Binnenlande zu zu groß annehmen, ſo hatten ſie auch hier alle Punkte zu weit nach Süden gerückt.
Auf dem Wege durch den ſüdlichen Strich der Llanos fanden wir den Boden ſtaubiger, pflanzenloſer, durch die lange Dürre zerriſſener. Die Palmen verſchwanden nach und nach ganz. Der Thermometer ſtand von 11 Uhr bis zu Sonnen- untergang auf 34 bis 35°. Je ruhiger die Luft in 2,6 bis 2,9 m Höhe ſchien, deſto dichter wurden wir von den Staub- wirbeln eingehüllt, welche von den kleinen, am Boden hin- ſtreichenden Luftſtrömungen erzeugt werden. Gegen 4 Uhr abends fanden wir in der Savanne ein junges indianiſches Mädchen. Sie lag auf dem Rücken, war ganz nackt und ſchien nicht über 12 bis 13 Jahre alt. Sie war von
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Während die Gymnoten für die europäiſchen Naturforſcher
Gegenſtände der Vorliebe und des lebhafteſten Intereſſes ſind,
werden ſie von den Eingeborenen gefürchtet und gehaßt. Ihr
Muskelfleiſch ſchmeckt allerdings nicht übel, aber der Körper
beſteht zum größten Teil aus dem elektriſchen Organ, und
dieſes iſt ſchmierig und von unangenehmem Geſchmack; man
ſondert es daher auch ſorgfältig vom übrigen ab. Zudem
ſchreibt man es vorzüglich den Gymnoten zu, daß die Fiſche
in den Sümpfen und Teichen der Llanos ſo ſelten ſind. Sie
töten ihrer viel mehr, als ſie verzehren, und die Indianer
erzählten uns, wenn man in ſehr ſtarken Netzen junge Kro-
kodile und Zitteraale zugleich fange, ſo ſei an letzteren nie
eine Verletzung zu bemerken, weil ſie die jungen Krokodile
lähmen, bevor dieſe ihnen etwas anhaben können. Alle Be-
wohner des Waſſers fliehen die Gemeinſchaft der Zitteraale.
Eidechſen, Schildkröten und Fröſche ſuchen Sümpfe auf, wo
ſie vor jenen ſicher ſind. Bei Uritucu mußte man einer
Straße eine andere Richtung geben, weil die Zitteraale ſich
in einem Fluſſe ſo vermehrt hatten, daß ſie alle Jahre eine
Menge Maultiere, die belaſtet durch den Fluß wateten, um-
brachten.
Am 24. März verließen wir die Stadt Calabozo, ſehr
befriedigt von unſerem Aufenthalt und unſeren Verſuchen über
einen ſo wichtigen phyſiologiſchen Gegenſtand. Ich hatte über-
dies gute Sternbeobachtungen machen können und zu meiner
Ueberraſchung gefunden, daß die Angaben der Karten auch
hier um einen Viertelsgrad in der Breite unrichtig ſind. Vor
mir hatte niemand an dieſem Orte beobachtet, und wie denn
die Geographen gewöhnlich die Diſtanzen von der Küſte dem
Binnenlande zu zu groß annehmen, ſo hatten ſie auch hier
alle Punkte zu weit nach Süden gerückt.
Auf dem Wege durch den ſüdlichen Strich der Llanos
fanden wir den Boden ſtaubiger, pflanzenloſer, durch die lange
Dürre zerriſſener. Die Palmen verſchwanden nach und nach
ganz. Der Thermometer ſtand von 11 Uhr bis zu Sonnen-
untergang auf 34 bis 35°. Je ruhiger die Luft in 2,6 bis
2,9 m Höhe ſchien, deſto dichter wurden wir von den Staub-
wirbeln eingehüllt, welche von den kleinen, am Boden hin-
ſtreichenden Luftſtrömungen erzeugt werden. Gegen 4 Uhr
abends fanden wir in der Savanne ein junges indianiſches
Mädchen. Sie lag auf dem Rücken, war ganz nackt und
ſchien nicht über 12 bis 13 Jahre alt. Sie war von
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 2. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1859, S. 299. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial02_1859/307>, abgerufen am 25.09.2024.
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