abgetreten und sofort ihre neuen Bundesgenossen Karibes (d. h. tapfere Fremdlinge) genannt; aber infolge eines Zwistes über den Gottesdienst seien die Confachiquicaribes aus Flo- rida vertrieben worden. Sie gingen zuerst in ihren kleinen Kanoen auf die Yucayas oder die lucayischen Inseln (auf Ci- gateo und die zunächstliegenden Inseln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und auf die kleinen An- tillen, endlich auf das Festland von Südamerika. Dies, glaubt man, sei gegen das Jahr 1100 unserer Zeitrechnung geschehen; allein bei dieser Schätzung nimmt man an (wie bei manchen orientalischen Mythen), "bei der Mäßigkeit und Sitteneinfalt der Wilden" könne die mittlere Dauer einer Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben, wodurch dann eine bestimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Auf dieser ganzen langen Wanderung hatten die Kariben die großen Antillen nicht berührt, wo indessen die Eingeborenen gleichfalls aus Florida zu stammen glaubten. Die Insulaner auf Cuba, Hayti und Borriken (Portorico) waren nach der einstimmigen Aussage der ersten Konquistadoren von den Kariben völlig verschieden; ja bei der Entdeckung von Amerika waren diese bereits von der Gruppe der kleinen lu- cayischen Inseln abgezogen, auf denen, wie in allen von Schiff- brüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erstaun- liche Mannigfaltigkeit von Sprachen herrschte.
Die Herrschaft, welche die Kariben so lange über einen großen Teil des Festlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe gab ihnen ein Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen und ihren Aeuße- rungen zu Tage kommt. "Nur wir sind ein Volk," sagen sie sprichwörtlich, "die anderen Menschen (oquili) sind dazu da, uns zu dienen." Die Kariben sehen auf ihre alten Feinde so hoch herab, daß ich ein zehnjähriges Kind vor Wut schäumen sah, weil man es einen Cabre oder Cavere nannte. Und doch hatte es in seinem Leben keinen Menschen dieses un- glücklichen Volkes gesehen, von dem die Stadt Cabruta (Ca- britu) ihren Namen hat und das von den Kariben fast völlig ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbarischen Horden wie bei den civilisiertesten Völkern in Europa, finden wir diesen eingewurzelten Haß und die Namen feindlicher Völker als die gröbsten Schimpfworte gebraucht.
Der Missionär führte uns in mehrere indianische Hütten, wo Ordnung und die größte Reinlichkeit herrschten. Mit
A. v. Humboldt, Reise. IV. 16
abgetreten und ſofort ihre neuen Bundesgenoſſen Karibes (d. h. tapfere Fremdlinge) genannt; aber infolge eines Zwiſtes über den Gottesdienſt ſeien die Confachiquicaribes aus Flo- rida vertrieben worden. Sie gingen zuerſt in ihren kleinen Kanoen auf die Yucayas oder die lucayiſchen Inſeln (auf Ci- gateo und die zunächſtliegenden Inſeln), von da nach Ayay (Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und auf die kleinen An- tillen, endlich auf das Feſtland von Südamerika. Dies, glaubt man, ſei gegen das Jahr 1100 unſerer Zeitrechnung geſchehen; allein bei dieſer Schätzung nimmt man an (wie bei manchen orientaliſchen Mythen), „bei der Mäßigkeit und Sitteneinfalt der Wilden“ könne die mittlere Dauer einer Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben, wodurch dann eine beſtimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen erſcheint. Auf dieſer ganzen langen Wanderung hatten die Kariben die großen Antillen nicht berührt, wo indeſſen die Eingeborenen gleichfalls aus Florida zu ſtammen glaubten. Die Inſulaner auf Cuba, Hayti und Borriken (Portorico) waren nach der einſtimmigen Ausſage der erſten Konquiſtadoren von den Kariben völlig verſchieden; ja bei der Entdeckung von Amerika waren dieſe bereits von der Gruppe der kleinen lu- cayiſchen Inſeln abgezogen, auf denen, wie in allen von Schiff- brüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erſtaun- liche Mannigfaltigkeit von Sprachen herrſchte.
Die Herrſchaft, welche die Kariben ſo lange über einen großen Teil des Feſtlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre alte Größe gab ihnen ein Gefühl von Würde und nationaler Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen und ihren Aeuße- rungen zu Tage kommt. „Nur wir ſind ein Volk,“ ſagen ſie ſprichwörtlich, „die anderen Menſchen (oquili) ſind dazu da, uns zu dienen.“ Die Kariben ſehen auf ihre alten Feinde ſo hoch herab, daß ich ein zehnjähriges Kind vor Wut ſchäumen ſah, weil man es einen Cabre oder Cavere nannte. Und doch hatte es in ſeinem Leben keinen Menſchen dieſes un- glücklichen Volkes geſehen, von dem die Stadt Cabruta (Ca- britu) ihren Namen hat und das von den Kariben faſt völlig ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbariſchen Horden wie bei den civiliſierteſten Völkern in Europa, finden wir dieſen eingewurzelten Haß und die Namen feindlicher Völker als die gröbſten Schimpfworte gebraucht.
Der Miſſionär führte uns in mehrere indianiſche Hütten, wo Ordnung und die größte Reinlichkeit herrſchten. Mit
A. v. Humboldt, Reiſe. IV. 16
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abgetreten und ſofort ihre neuen Bundesgenoſſen Karibes (d. h.
tapfere Fremdlinge) genannt; aber infolge eines Zwiſtes
über den Gottesdienſt ſeien die Confachiquicaribes aus Flo-
rida vertrieben worden. Sie gingen zuerſt in ihren kleinen
Kanoen auf die Yucayas oder die lucayiſchen Inſeln (auf Ci-
gateo und die zunächſtliegenden Inſeln), von da nach Ayay
(Hayhay, heutzutage Santa Cruz) und auf die kleinen An-
tillen, endlich auf das Feſtland von Südamerika. Dies,
glaubt man, ſei gegen das Jahr 1100 unſerer Zeitrechnung
geſchehen; allein bei dieſer Schätzung nimmt man an (wie
bei manchen orientaliſchen Mythen), „bei der Mäßigkeit und
Sitteneinfalt der Wilden“ könne die mittlere Dauer einer
Generation 180 bis 200 Jahre betragen haben, wodurch dann
eine beſtimmte Zeitangabe als völlig aus der Luft gegriffen
erſcheint. Auf dieſer ganzen langen Wanderung hatten die
Kariben die großen Antillen nicht berührt, wo indeſſen die
Eingeborenen gleichfalls aus Florida zu ſtammen glaubten.
Die Inſulaner auf Cuba, Hayti und Borriken (Portorico)
waren nach der einſtimmigen Ausſage der erſten Konquiſtadoren
von den Kariben völlig verſchieden; ja bei der Entdeckung von
Amerika waren dieſe bereits von der Gruppe der kleinen lu-
cayiſchen Inſeln abgezogen, auf denen, wie in allen von Schiff-
brüchigen und Flüchtlingen bewohnten Ländern, eine erſtaun-
liche Mannigfaltigkeit von Sprachen herrſchte.
Die Herrſchaft, welche die Kariben ſo lange über einen
großen Teil des Feſtlandes ausgeübt, und das Andenken an ihre
alte Größe gab ihnen ein Gefühl von Würde und nationaler
Ueberlegenheit, das in ihrem Benehmen und ihren Aeuße-
rungen zu Tage kommt. „Nur wir ſind ein Volk,“ ſagen ſie
ſprichwörtlich, „die anderen Menſchen (oquili) ſind dazu da,
uns zu dienen.“ Die Kariben ſehen auf ihre alten Feinde
ſo hoch herab, daß ich ein zehnjähriges Kind vor Wut ſchäumen
ſah, weil man es einen Cabre oder Cavere nannte. Und
doch hatte es in ſeinem Leben keinen Menſchen dieſes un-
glücklichen Volkes geſehen, von dem die Stadt Cabruta (Ca-
britu) ihren Namen hat und das von den Kariben faſt völlig
ausgerottet wurde. Ueberall, bei halb barbariſchen Horden
wie bei den civiliſierteſten Völkern in Europa, finden wir
dieſen eingewurzelten Haß und die Namen feindlicher Völker
als die gröbſten Schimpfworte gebraucht.
Der Miſſionär führte uns in mehrere indianiſche Hütten,
wo Ordnung und die größte Reinlichkeit herrſchten. Mit
A. v. Humboldt, Reiſe. IV. 16
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 4. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860, S. 241. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial04_1859/249>, abgerufen am 25.09.2024.
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