Plateaus, die über 1950 m hoch liegen, gut fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen sehr schön. Im glühend heißen Klima der Niederungen, wo statt der Wölfe die Jaguare auftreten, können sich diese kleinen wehrlosen und in ihren Bewegungen schwerfälligen Wiederkäuer nicht in Masse halten.
Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder Villa del Pao an, die im Jahre 1744 gegründet wurde und sehr vorteilhaft gelegen ist, um zwischen Nueva Barcelona und Angostura als Stapelplatz zu dienen. Ihr eigentlicher Name ist Concepcion del Pao; Alcedo, La Cruz Olmedilla und viele andere Geographen gaben ihre Lage falsch an, weil sie den Ort entweder mit San Juan Baptista del Pao in den Llanos von Caracas, oder mit El Valle del Pao am Zarate verwechselten. Trotz des bedeckten Himmels erhielt ich einige Höhen von a im Centauren, nach denen sich die Breite des Orts bestimmen ließ. Dieselbe beträgt 8° 37' 57". Aus Sonnenhöhen ergab sich eine Länge von 67° 8' 12", Ango- stura unter 66° 15' 21" angenommen. Die astronomischen Bestimmungen in Calabozo und in Concepcion del Pao sind nicht ohne Belang für die Geographie dieser Landstriche, wo es inmitten der Grasfluren durchaus an festen Punkten fehlt. In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume, eine seltene Erscheinung in den Steppen. Wir sahen sogar Kokosbäume, die trotz der weiten Entfernung von der See ganz kräftig schienen. Ich lege einiges Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von Reisenden, welche den Kokosbaum, eine Küstenpalme, in Timbuktu, mitten in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel ge- zogen hat. Wir hatten öfters Gelegenheit, Kokosbäume mitten im Baulande am Magdalenenstrom, 450 km von der Küste, zu sehen.
In fünf Tagen, die uns sehr lang vorkamen, gelangten wir von der Villa del Pao in den Hafen von Nueva Bar- celona. Je weiter wir kamen, desto heiterer wurde der Himmel, desto staubiger der Boden, desto glühender die Luft. Diese ungemein drückende Hitze rührt nicht von der Lufttemperatur her, sondern vom feinen Sand, der in der Luft schwebt, nach allen Seiten Wärme strahlt und dem Reisenden ins Gesicht schlägt, wie an die Kugel des Thermometers. Indessen habe ich in Amerika den hundertteiligen Thermometer mitten im Sandwinde niemals über 45,8° steigen sehen. Kapitän Lyon, den ich nach seiner Rückkehr von Murzuk zu sprechen
Plateaus, die über 1950 m hoch liegen, gut fort; nur dort wird die Wolle lang und zuweilen ſehr ſchön. Im glühend heißen Klima der Niederungen, wo ſtatt der Wölfe die Jaguare auftreten, können ſich dieſe kleinen wehrloſen und in ihren Bewegungen ſchwerfälligen Wiederkäuer nicht in Maſſe halten.
Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder Villa del Pao an, die im Jahre 1744 gegründet wurde und ſehr vorteilhaft gelegen iſt, um zwiſchen Nueva Barcelona und Angoſtura als Stapelplatz zu dienen. Ihr eigentlicher Name iſt Concepcion del Pao; Alcedo, La Cruz Olmedilla und viele andere Geographen gaben ihre Lage falſch an, weil ſie den Ort entweder mit San Juan Baptiſta del Pao in den Llanos von Caracas, oder mit El Valle del Pao am Zarate verwechſelten. Trotz des bedeckten Himmels erhielt ich einige Höhen von α im Centauren, nach denen ſich die Breite des Orts beſtimmen ließ. Dieſelbe beträgt 8° 37′ 57″. Aus Sonnenhöhen ergab ſich eine Länge von 67° 8′ 12″, Ango- ſtura unter 66° 15′ 21″ angenommen. Die aſtronomiſchen Beſtimmungen in Calabozo und in Concepcion del Pao ſind nicht ohne Belang für die Geographie dieſer Landſtriche, wo es inmitten der Grasfluren durchaus an feſten Punkten fehlt. In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume, eine ſeltene Erſcheinung in den Steppen. Wir ſahen ſogar Kokosbäume, die trotz der weiten Entfernung von der See ganz kräftig ſchienen. Ich lege einiges Gewicht auf letztere Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von Reiſenden, welche den Kokosbaum, eine Küſtenpalme, in Timbuktu, mitten in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel ge- zogen hat. Wir hatten öfters Gelegenheit, Kokosbäume mitten im Baulande am Magdalenenſtrom, 450 km von der Küſte, zu ſehen.
In fünf Tagen, die uns ſehr lang vorkamen, gelangten wir von der Villa del Pao in den Hafen von Nueva Bar- celona. Je weiter wir kamen, deſto heiterer wurde der Himmel, deſto ſtaubiger der Boden, deſto glühender die Luft. Dieſe ungemein drückende Hitze rührt nicht von der Lufttemperatur her, ſondern vom feinen Sand, der in der Luft ſchwebt, nach allen Seiten Wärme ſtrahlt und dem Reiſenden ins Geſicht ſchlägt, wie an die Kugel des Thermometers. Indeſſen habe ich in Amerika den hundertteiligen Thermometer mitten im Sandwinde niemals über 45,8° ſteigen ſehen. Kapitän Lyon, den ich nach ſeiner Rückkehr von Murzuk zu ſprechen
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Plateaus, die über 1950 m hoch liegen, gut fort; nur dort wird
die Wolle lang und zuweilen ſehr ſchön. Im glühend heißen
Klima der Niederungen, wo ſtatt der Wölfe die Jaguare
auftreten, können ſich dieſe kleinen wehrloſen und in ihren
Bewegungen ſchwerfälligen Wiederkäuer nicht in Maſſe halten.
Am 15. Juli langten wir in der Fundacion oder
Villa del Pao an, die im Jahre 1744 gegründet wurde und
ſehr vorteilhaft gelegen iſt, um zwiſchen Nueva Barcelona
und Angoſtura als Stapelplatz zu dienen. Ihr eigentlicher
Name iſt Concepcion del Pao; Alcedo, La Cruz Olmedilla
und viele andere Geographen gaben ihre Lage falſch an, weil
ſie den Ort entweder mit San Juan Baptiſta del Pao in
den Llanos von Caracas, oder mit El Valle del Pao am
Zarate verwechſelten. Trotz des bedeckten Himmels erhielt ich
einige Höhen von α im Centauren, nach denen ſich die Breite
des Orts beſtimmen ließ. Dieſelbe beträgt 8° 37′ 57″. Aus
Sonnenhöhen ergab ſich eine Länge von 67° 8′ 12″, Ango-
ſtura unter 66° 15′ 21″ angenommen. Die aſtronomiſchen
Beſtimmungen in Calabozo und in Concepcion del Pao ſind
nicht ohne Belang für die Geographie dieſer Landſtriche, wo
es inmitten der Grasfluren durchaus an feſten Punkten fehlt.
In der Umgegend von Pao findet man einige Fruchtbäume,
eine ſeltene Erſcheinung in den Steppen. Wir ſahen ſogar
Kokosbäume, die trotz der weiten Entfernung von der See
ganz kräftig ſchienen. Ich lege einiges Gewicht auf letztere
Wahrnehmung, da man die Glaubwürdigkeit von Reiſenden,
welche den Kokosbaum, eine Küſtenpalme, in Timbuktu,
mitten in Afrika, angetroffen haben wollten, in Zweifel ge-
zogen hat. Wir hatten öfters Gelegenheit, Kokosbäume mitten
im Baulande am Magdalenenſtrom, 450 km von der Küſte,
zu ſehen.
In fünf Tagen, die uns ſehr lang vorkamen, gelangten
wir von der Villa del Pao in den Hafen von Nueva Bar-
celona. Je weiter wir kamen, deſto heiterer wurde der Himmel,
deſto ſtaubiger der Boden, deſto glühender die Luft. Dieſe
ungemein drückende Hitze rührt nicht von der Lufttemperatur
her, ſondern vom feinen Sand, der in der Luft ſchwebt, nach
allen Seiten Wärme ſtrahlt und dem Reiſenden ins Geſicht
ſchlägt, wie an die Kugel des Thermometers. Indeſſen habe
ich in Amerika den hundertteiligen Thermometer mitten im
Sandwinde niemals über 45,8° ſteigen ſehen. Kapitän
Lyon, den ich nach ſeiner Rückkehr von Murzuk zu ſprechen
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Humboldt, Alexander von: Reise in die Aequinoktial-Gegenden des neuen Kontinents. Bd. 4. Übers. v. Hermann Hauff. Stuttgart, 1860, S. 250. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_aequinoktial04_1859/258>, abgerufen am 25.09.2024.
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