werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen in einer Nation mit grösserer Schwierigkeit. Wenn nun dies auf der einen Seite auch der Erreichung der Endzwecke scha- det -- wogegen doch immer zu bedenken bleibt, dass allge- mein, was schwerer entsteht, weil gleichsam die langgeprüfte Kraft sich in einander fügt, auch eine festere Dauer gewinnt -- so ist doch gewiss überhaupt jede grössere Vereinigung minder heilsam. Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bil- det er sich. In einer grossen Vereinigung wird er zu leicht Werkzeug. Auch sind diese Vereinigungen Schuld, dass oft das Zeichen an die Stelle der Sache tritt, welches der Bildung allemal hinderlich ist. Die todte Hieroglyphe begeistert nicht, wie die lebendige Natur. Ich erinnere hier nur statt alles Beispiels an Armenanstalten. Tödtet etwas Andres so sehr alles wahre Mitleid, alle hoffende aber anspruchlose Bitte, alles Vertrauen des Menschen auf Menschen? Verachtet nicht jeder den Bettler, dem es lieber wäre, ein Jahr im Hospital bequem ernährt zu werden, als, nach mancher erduldeten Noth, nicht auf eine hinwerfende Hand, aber auf ein theilnehmendes Herz zu stossen? Ich gebe es also zu, wir hätten diese schnellen Fortschritte ohne die grossen Massen nicht gemacht, in welchen das Menschengeschlecht, wenn ich so sagen darf, in den letzten Jahrhunderten gewirkt hat; allein nur die schnellen nicht. Die Frucht wäre langsamer, aber dennoch gereift. Und sollte sie nicht seegenvoller gewesen sein? Ich glaube daher von diesem Einwurf zurückkehren zu dürfen. Zwei andre bleiben der Folge zur Prüfung aufbewahrt, nämlich, ob auch, bei der Sorg- losigkeit, die dem Staate hier vorgeschrieben wird, die Erhal- tung der Sicherheit möglich ist? und ob nicht wenigstens die Verschaffung der Mittel, welche dem Staate nothwendig zu seiner Wirksamkeit eingeräumt werden müssen, ein vielfacheres Eingreifen der Räder der Staatsmaschine in die Verhältnisse der Bürger nothwendig macht?
werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen in einer Nation mit grösserer Schwierigkeit. Wenn nun dies auf der einen Seite auch der Erreichung der Endzwecke scha- det — wogegen doch immer zu bedenken bleibt, dass allge- mein, was schwerer entsteht, weil gleichsam die langgeprüfte Kraft sich in einander fügt, auch eine festere Dauer gewinnt — so ist doch gewiss überhaupt jede grössere Vereinigung minder heilsam. Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bil- det er sich. In einer grossen Vereinigung wird er zu leicht Werkzeug. Auch sind diese Vereinigungen Schuld, dass oft das Zeichen an die Stelle der Sache tritt, welches der Bildung allemal hinderlich ist. Die todte Hieroglyphe begeistert nicht, wie die lebendige Natur. Ich erinnere hier nur statt alles Beispiels an Armenanstalten. Tödtet etwas Andres so sehr alles wahre Mitleid, alle hoffende aber anspruchlose Bitte, alles Vertrauen des Menschen auf Menschen? Verachtet nicht jeder den Bettler, dem es lieber wäre, ein Jahr im Hospital bequem ernährt zu werden, als, nach mancher erduldeten Noth, nicht auf eine hinwerfende Hand, aber auf ein theilnehmendes Herz zu stossen? Ich gebe es also zu, wir hätten diese schnellen Fortschritte ohne die grossen Massen nicht gemacht, in welchen das Menschengeschlecht, wenn ich so sagen darf, in den letzten Jahrhunderten gewirkt hat; allein nur die schnellen nicht. Die Frucht wäre langsamer, aber dennoch gereift. Und sollte sie nicht seegenvoller gewesen sein? Ich glaube daher von diesem Einwurf zurückkehren zu dürfen. Zwei andre bleiben der Folge zur Prüfung aufbewahrt, nämlich, ob auch, bei der Sorg- losigkeit, die dem Staate hier vorgeschrieben wird, die Erhal- tung der Sicherheit möglich ist? und ob nicht wenigstens die Verschaffung der Mittel, welche dem Staate nothwendig zu seiner Wirksamkeit eingeräumt werden müssen, ein vielfacheres Eingreifen der Räder der Staatsmaschine in die Verhältnisse der Bürger nothwendig macht?
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werden. Endlich entstehen auch Vereinigungen freier Menschen
in einer Nation mit grösserer Schwierigkeit. Wenn nun dies
auf der einen Seite auch der Erreichung der Endzwecke scha-
det — wogegen doch immer zu bedenken bleibt, dass allge-
mein, was schwerer entsteht, weil gleichsam die langgeprüfte
Kraft sich in einander fügt, auch eine festere Dauer gewinnt —
so ist doch gewiss überhaupt jede grössere Vereinigung minder
heilsam. Je mehr der Mensch für sich wirkt, desto mehr bil-
det er sich. In einer grossen Vereinigung wird er zu leicht
Werkzeug. Auch sind diese Vereinigungen Schuld, dass oft
das Zeichen an die Stelle der Sache tritt, welches der Bildung
allemal hinderlich ist. Die todte Hieroglyphe begeistert nicht,
wie die lebendige Natur. Ich erinnere hier nur statt alles
Beispiels an Armenanstalten. Tödtet etwas Andres so sehr
alles wahre Mitleid, alle hoffende aber anspruchlose Bitte, alles
Vertrauen des Menschen auf Menschen? Verachtet nicht jeder
den Bettler, dem es lieber wäre, ein Jahr im Hospital bequem
ernährt zu werden, als, nach mancher erduldeten Noth, nicht
auf eine hinwerfende Hand, aber auf ein theilnehmendes Herz
zu stossen? Ich gebe es also zu, wir hätten diese schnellen
Fortschritte ohne die grossen Massen nicht gemacht, in welchen
das Menschengeschlecht, wenn ich so sagen darf, in den letzten
Jahrhunderten gewirkt hat; allein nur die schnellen nicht.
Die Frucht wäre langsamer, aber dennoch gereift. Und sollte
sie nicht seegenvoller gewesen sein? Ich glaube daher von diesem
Einwurf zurückkehren zu dürfen. Zwei andre bleiben der
Folge zur Prüfung aufbewahrt, nämlich, ob auch, bei der Sorg-
losigkeit, die dem Staate hier vorgeschrieben wird, die Erhal-
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Wilhelm von Humboldt schrieb seine 'Ideen zu eine… [mehr]
Wilhelm von Humboldt schrieb seine 'Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen' zwischen März und Mai des Jahres 1792 nieder. Einzelne Abschnitte wurden im selben Jahr in Friedrich Schillers Thalia bzw. in der Berlinischen Monatsschrift gedruckt. Der gesamte Text wurde jedoch erst postum, 1851, aus dem Nachlass publiziert (Wilhelm von Humboldt † 8. April 1835). Gemäß den Richtlinien des DTA wurde diese Ausgabe digitalisiert.
Humboldt, Wilhelm von: Ideen zu einem Versuch, die Gränzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Breslau, 1851, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/humboldt_grenzen_1851/79>, abgerufen am 23.09.2024.
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