ihnen nicht erlaubt ist, gleich den Männern das liebe Gesetzbuch zu küssen, so wollen sie es doch wenigstens gerne sehen, und daher entsteht bei dem Umhertragen desselben in ihrem Gemach ein so fürchterlicher Lärm, als ob sie von einem zweiten Paris mit goldnen Äpfeln bombardirt würden. Al- les drängt und stößt sich, zankt, schreiet und schimpft, denn Jede will ein Fensterchen für sich erobern, oder sucht sich im Besitz des schon eroberten mit Händen, Füßen und Zunge zu schützen. Dies ist das Erbaulichste und Rührendste am ganzen jüdischen Gottesdienst, und wird wöchentlich dreimal, am Montage, Donnerstage und Sabbath wiederholt.
Ein großes Unglück und zugleich die Vorbe- deutung eines noch größern ist es, wenn einer der genannten Kirchenbeamten mit dem heiligen Buche stolpern oder gar fallen sollte. Dann muß die ganze Gemeine fasten, wehklagen und beten, und Alles ist voll Angst und Warten der Dinge, die da kommen sollen.
Wenn der Jnhaber des Hagbohoh-Amtes mit seinen Gaukeleien und Possen fertig ist, treten die Käufer des Gelilah und Etzchajim wieder auf die Bühne. Der erstere rollt das Heiligthum mit den zwei obern Hölzern oder Stäben zusammen, wel- ches mit großer Sorgfalt geschehen muß; und der andere, gewöhnlich ein Knabe, nimmt jenem nach- her die Stäbe ab, und reicht ihm dafür die Wim-
ihnen nicht erlaubt iſt, gleich den Maͤnnern das liebe Geſetzbuch zu kuͤſſen, ſo wollen ſie es doch wenigſtens gerne ſehen, und daher entſteht bei dem Umhertragen deſſelben in ihrem Gemach ein ſo fuͤrchterlicher Laͤrm, als ob ſie von einem zweiten Paris mit goldnen Äpfeln bombardirt wuͤrden. Al- les draͤngt und ſtoͤßt ſich, zankt, ſchreiet und ſchimpft, denn Jede will ein Fenſterchen fuͤr ſich erobern, oder ſucht ſich im Beſitz des ſchon eroberten mit Haͤnden, Fuͤßen und Zunge zu ſchuͤtzen. Dies iſt das Erbaulichſte und Ruͤhrendſte am ganzen juͤdiſchen Gottesdienſt, und wird woͤchentlich dreimal, am Montage, Donnerstage und Sabbath wiederholt.
Ein großes Ungluͤck und zugleich die Vorbe- deutung eines noch groͤßern iſt es, wenn einer der genannten Kirchenbeamten mit dem heiligen Buche ſtolpern oder gar fallen ſollte. Dann muß die ganze Gemeine faſten, wehklagen und beten, und Alles iſt voll Angſt und Warten der Dinge, die da kommen ſollen.
Wenn der Jnhaber des Hagbohoh-Amtes mit ſeinen Gaukeleien und Poſſen fertig iſt, treten die Kaͤufer des Gelilah und Etzchajim wieder auf die Buͤhne. Der erſtere rollt das Heiligthum mit den zwei obern Hoͤlzern oder Staͤben zuſammen, wel- ches mit großer Sorgfalt geſchehen muß; und der andere, gewoͤhnlich ein Knabe, nimmt jenem nach- her die Staͤbe ab, und reicht ihm dafuͤr die Wim-
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ihnen nicht erlaubt iſt, gleich den Maͤnnern das
liebe Geſetzbuch zu kuͤſſen, ſo wollen ſie es doch
wenigſtens gerne ſehen, und daher entſteht bei dem
Umhertragen deſſelben in ihrem Gemach ein ſo
fuͤrchterlicher Laͤrm, als ob ſie von einem zweiten
Paris mit goldnen Äpfeln bombardirt wuͤrden. Al-
les draͤngt und ſtoͤßt ſich, zankt, ſchreiet und ſchimpft,
denn Jede will ein Fenſterchen fuͤr ſich erobern,
oder ſucht ſich im Beſitz des ſchon eroberten mit
Haͤnden, Fuͤßen und Zunge zu ſchuͤtzen. Dies iſt das
Erbaulichſte und Ruͤhrendſte am ganzen juͤdiſchen
Gottesdienſt, und wird woͤchentlich dreimal, am
Montage, Donnerstage und Sabbath wiederholt.
Ein großes Ungluͤck und zugleich die Vorbe-
deutung eines noch groͤßern iſt es, wenn einer der
genannten Kirchenbeamten mit dem heiligen Buche
ſtolpern oder gar fallen ſollte. Dann muß die
ganze Gemeine faſten, wehklagen und beten, und
Alles iſt voll Angſt und Warten der Dinge, die
da kommen ſollen.
Wenn der Jnhaber des Hagbohoh-Amtes mit
ſeinen Gaukeleien und Poſſen fertig iſt, treten die
Kaͤufer des Gelilah und Etzchajim wieder auf die
Buͤhne. Der erſtere rollt das Heiligthum mit den
zwei obern Hoͤlzern oder Staͤben zuſammen, wel-
ches mit großer Sorgfalt geſchehen muß; und der
andere, gewoͤhnlich ein Knabe, nimmt jenem nach-
her die Staͤbe ab, und reicht ihm dafuͤr die Wim-
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Hundt-Radowsky, Hartwig: Die Judenschule, oder gründliche Anleitung, in kurzer Zeit ein vollkommener schwarzer oder weißer Jude zu werden. Bd. 2. Jerusalem [i. e. Aarau], 1822, S. 229. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/hundtradowsky_judenschule02_1822/229>, abgerufen am 23.09.2024.
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