in unsere Seelen blikten. Wenn ich wiederkomme, Amöne, so sol nicht einmal der Schatte eines dünnen Nebels dich verhüllen; aber dan, o Liebe, nach unverfinsterten ewig-warmen Stunden, dan wird ihr Ende [111]desto schwerer drücken. Nur Einmal wenn ich Eines von Euch oder Euch alle in meine neugebaueten Lagen führen könte! -- Aber in Euere5 komm' ich, und Ihr nicht in meine! --
Ich denke an Ihr Tagebuch; giebt es keine Blätter darin, die jezt vor mein Auge fliegen könten? Machen Sie wenigstens Briefe zu Tagebüchern und verlangen Sie von einem unter Menschen und Schreibereien eingesperten Menschen nicht die reiche Presfreiheit Ihrer10 Hand! Schreibe bald und viel und froh, Amöne!
R.
134. An Karoline Herold.
[Kopie][Leipzig, 2. Okt. 1798]
Sie wandern zu tief ins Land der Ideale ein. Träume, die in Seelen,15 aber nie auf Erdschollen wirklich werden können. Sie wollen ein Glük, Liebe etc. ausser sich erblicken, die so wenig auf der Kugel verkörpert stehen können als die Tugend oder Gott.
-- im Winter der Liebe leben. Die Gluth der Phantasie zum Heiligen- schein machen.20
135. An Christian Otto.
Leipzig d. 2 Oct. 98.
Dein Brief, lieber Otto, verdient einen der längsten, weil er so viele Blätter und auf jedem gleichsam eine Traube hatte. Indes kan ich ihm unter meinen Mes- und Stubengeschäften nur folgende kurze25 Antworten geben.
"die Tochter Wielands" etc. Als Witwer nähm' ich kaum eine Witwe. Die Lüge ist aus weiter nichts gesponnen als aus meinem -- Besuch; Wielands Anerbieten seiner Wohnung konte die Schocke nicht einmal wissen. Die vortrefliche Wieland <Mutter> ist wirthschaftlich, wie30 solt' es die Tochter nicht sein? -- Hier aber könt' etwas werden, wenn ich -- bliebe. Gieb einem Mädgen schöne Augen, schöne Nase, Farbe, Mund, Stirn, Taille, 18 Jahre, zu grosse Empfindsamkeit, Bildung, Kentnis, Sanftmuth, höchste Dezenz, ein Paar trefliche Schwieger- eltern, die die Sache gern sähen: so hast du Weissens Dorothea; aber35
in unſere Seelen blikten. Wenn ich wiederkomme, Amöne, ſo ſol nicht einmal der Schatte eines dünnen Nebels dich verhüllen; aber dan, o Liebe, nach unverfinſterten ewig-warmen Stunden, dan wird ihr Ende [111]deſto ſchwerer drücken. Nur Einmal wenn ich Eines von Euch oder Euch alle in meine neugebaueten Lagen führen könte! — Aber in Euere5 komm’ ich, und Ihr nicht in meine! —
Ich denke an Ihr Tagebuch; giebt es keine Blätter darin, die jezt vor mein Auge fliegen könten? Machen Sie wenigſtens Briefe zu Tagebüchern und verlangen Sie von einem unter Menſchen und Schreibereien eingeſperten Menſchen nicht die reiche Presfreiheit Ihrer10 Hand! Schreibe bald und viel und froh, Amöne!
R.
134. An Karoline Herold.
[Kopie][Leipzig, 2. Okt. 1798]
Sie wandern zu tief ins Land der Ideale ein. Träume, die in Seelen,15 aber nie auf Erdſchollen wirklich werden können. Sie wollen ein Glük, Liebe ꝛc. auſſer ſich erblicken, die ſo wenig auf der Kugel verkörpert ſtehen können als die Tugend oder Gott.
— im Winter der Liebe leben. Die Gluth der Phantaſie zum Heiligen- ſchein machen.20
135. An Chriſtian Otto.
Leipzig d. 2 Oct. 98.
Dein Brief, lieber Otto, verdient einen der längſten, weil er ſo viele Blätter und auf jedem gleichſam eine Traube hatte. Indes kan ich ihm unter meinen Mes- und Stubengeſchäften nur folgende kurze25 Antworten geben.
„die Tochter Wielands“ ꝛc. Als Witwer nähm’ ich kaum eine Witwe. Die Lüge iſt aus weiter nichts geſponnen als aus meinem — Beſuch; Wielands Anerbieten ſeiner Wohnung konte die Schocke nicht einmal wiſſen. Die vortrefliche Wieland <Mutter> iſt wirthſchaftlich, wie30 ſolt’ es die Tochter nicht ſein? — Hier aber könt’ etwas werden, wenn ich — bliebe. Gieb einem Mädgen ſchöne Augen, ſchöne Naſe, Farbe, Mund, Stirn, Taille, 18 Jahre, zu groſſe Empfindſamkeit, Bildung, Kentnis, Sanftmuth, höchſte Dezenz, ein Paar trefliche Schwieger- eltern, die die Sache gern ſähen: ſo haſt du Weiſſens Dorothea; aber35
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in unſere Seelen blikten. Wenn ich wiederkomme, Amöne, ſo ſol nicht
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Liebe, nach unverfinſterten ewig-warmen Stunden, dan wird ihr Ende
deſto ſchwerer drücken. Nur Einmal wenn ich Eines von Euch oder
Euch alle in meine neugebaueten Lagen führen könte! — Aber in Euere 5
komm’ ich, und Ihr nicht in meine! —
[111]
Ich denke an Ihr Tagebuch; giebt es keine Blätter darin, die jezt
vor mein Auge fliegen könten? Machen Sie wenigſtens Briefe zu
Tagebüchern und verlangen Sie von einem unter Menſchen und
Schreibereien eingeſperten Menſchen nicht die reiche Presfreiheit Ihrer 10
Hand! Schreibe bald und viel und froh, Amöne!
R.
134. An Karoline Herold.
[Leipzig, 2. Okt. 1798]
Sie wandern zu tief ins Land der Ideale ein. Träume, die in Seelen, 15
aber nie auf Erdſchollen wirklich werden können. Sie wollen ein Glük,
Liebe ꝛc. auſſer ſich erblicken, die ſo wenig auf der Kugel verkörpert
ſtehen können als die Tugend oder Gott.
— im Winter der Liebe leben. Die Gluth der Phantaſie zum Heiligen-
ſchein machen. 20
135. An Chriſtian Otto.
Leipzig d. 2 Oct. 98.
Dein Brief, lieber Otto, verdient einen der längſten, weil er ſo
viele Blätter und auf jedem gleichſam eine Traube hatte. Indes kan ich
ihm unter meinen Mes- und Stubengeſchäften nur folgende kurze 25
Antworten geben.
„die Tochter Wielands“ ꝛc. Als Witwer nähm’ ich kaum eine Witwe.
Die Lüge iſt aus weiter nichts geſponnen als aus meinem — Beſuch;
Wielands Anerbieten ſeiner Wohnung konte die Schocke nicht einmal
wiſſen. Die vortrefliche Wieland <Mutter> iſt wirthſchaftlich, wie 30
ſolt’ es die Tochter nicht ſein? — Hier aber könt’ etwas werden, wenn
ich — bliebe. Gieb einem Mädgen ſchöne Augen, ſchöne Naſe, Farbe,
Mund, Stirn, Taille, 18 Jahre, zu groſſe Empfindſamkeit, Bildung,
Kentnis, Sanftmuth, höchſte Dezenz, ein Paar trefliche Schwieger-
eltern, die die Sache gern ſähen: ſo haſt du Weiſſens Dorothea; aber 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 102. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/111>, abgerufen am 23.09.2024.
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