da du ihr nicht nehmen kanst das Kin (es ist aber blos mehr plat als[112] rund, und nicht arg, und die Berlepsch selber fand sie schön und lieber als die Platner), und die Leipziger Spashaftigkeit und das Unvermögen, auf einmal Ja zu sagen (was ich mit der Mutter ihr oft vorhielt) und die Räsonniersucht: so hats den Teufel gesehen. Das merk' ich aber5 wohl, wenn mein Ehebette endlich einmal Bett'bretter bekommen sol, daß ich nicht so fort wie bisher von jedem neuen Mädgen alle die Vorzüge fodern darf, die alle meine alte zusammen besessen. --
"Schlegel." Ich würde ohnehin nie meine Zeit und mein Herz durch Schreiben gegen einen Menschen verderben: sondern nicht einmal10 beiliegendes Blat wird gedrukt, da der elende furchtsame Nachtigal es nicht aufzunehmen wagte. Aber es war nicht von meiner Vertheidigung sondern von dem Damme die Rede, den ich seinen Grundsäzen ent- gegenbauen könte.
"Wieland in Merkur von Kampaner Thal" Lauter Lügen von15 Hennings. Es ist unbedeutend und von Böttiger, der mich mehrmals rezensiert; auch in der Götting[ischen], Gothaischen Zeitung bin ich angezeigt, aber ich sah jene selber nicht. Wer wil mir mit seinem Sauls Spiesse nachkommen, da ich jezt, nach Wielands Glauben selber, das gröste Publikum habe?20
Dein neues Zeidelmesser, das dir aus jeder fremden Honigtafel Scheiben schneidet, stecke nie ein; mich freuet es innig wie deine ganze jezige Stimmung. Seze jeder weichen -- schon deiner Brust wegen -- frühe Schranken. -- Dein vortrefliches Urtheil über Glük und Verdienst war immer meines, und nur mit der stolzen Blindheit einer25 Berlepsch oder einer Frau kan man klagen. Auch ich habe mir die Eier selber gelegt, die mir das Schiksal an den Kopf wirft oder woraus Basilisken kriechen. Auch bei meinem armen Bruder hab' ich einige Schuld (weniger des Herzens als Verstandes) -- Mit Göthe strit ich für deinen Saz der Weltfortschreitung -- "Umschreitung müssen wir30 sagen" sagt er. A priori folgts aus der Vorsehung; aber nicht in jedem a posteriori ist der Fortschrit zu zeigen, wenigstens nicht in den gal- lischen Fortschritten.
Auch die gelesene Wahrheit mus man hinterher erst selber erfinden.[113] Die Gehirnhölen sind volle Samen-Düten; das Gefühl erst die Blu-35 menerde und d[er] Treibscherben.
Verbirg mir ja nichts je über meinen Bruder! Jeder Vorhang
da du ihr nicht nehmen kanſt das Kin (es iſt aber blos mehr plat als[112] rund, und nicht arg, und die Berlepsch ſelber fand ſie ſchön und lieber als die Platner), und die Leipziger Spashaftigkeit und das Unvermögen, auf einmal Ja zu ſagen (was ich mit der Mutter ihr oft vorhielt) und die Räſonnierſucht: ſo hats den Teufel geſehen. Das merk’ ich aber5 wohl, wenn mein Ehebette endlich einmal Bett’bretter bekommen ſol, daß ich nicht ſo fort wie bisher von jedem neuen Mädgen alle die Vorzüge fodern darf, die alle meine alte zuſammen beſeſſen. —
„Schlegel.“ Ich würde ohnehin nie meine Zeit und mein Herz durch Schreiben gegen einen Menſchen verderben: ſondern nicht einmal10 beiliegendes Blat wird gedrukt, da der elende furchtſame Nachtigal es nicht aufzunehmen wagte. Aber es war nicht von meiner Vertheidigung ſondern von dem Damme die Rede, den ich ſeinen Grundſäzen ent- gegenbauen könte.
„Wieland in Merkur von Kampaner Thal“ Lauter Lügen von15 Hennings. Es iſt unbedeutend und von Böttiger, der mich mehrmals rezenſiert; auch in der Götting[iſchen], Gothaiſchen Zeitung bin ich angezeigt, aber ich ſah jene ſelber nicht. Wer wil mir mit ſeinem Sauls Spieſſe nachkommen, da ich jezt, nach Wielands Glauben ſelber, das gröſte Publikum habe?20
Dein neues Zeidelmeſſer, das dir aus jeder fremden Honigtafel Scheiben ſchneidet, ſtecke nie ein; mich freuet es innig wie deine ganze jezige Stimmung. Seze jeder weichen — ſchon deiner Bruſt wegen — frühe Schranken. — Dein vortrefliches Urtheil über Glük und Verdienſt war immer meines, und nur mit der ſtolzen Blindheit einer25 Berlepsch oder einer Frau kan man klagen. Auch ich habe mir die Eier ſelber gelegt, die mir das Schikſal an den Kopf wirft oder woraus Baſiliſken kriechen. Auch bei meinem armen Bruder hab’ ich einige Schuld (weniger des Herzens als Verſtandes) — Mit Göthe ſtrit ich für deinen Saz der Weltfortſchreitung — „Umſchreitung müſſen wir30 ſagen“ ſagt er. A priori folgts aus der Vorſehung; aber nicht in jedem a posteriori iſt der Fortſchrit zu zeigen, wenigſtens nicht in den gal- liſchen Fortſchritten.
Auch die geleſene Wahrheit mus man hinterher erſt ſelber erfinden.[113] Die Gehirnhölen ſind volle Samen-Düten; das Gefühl erſt die Blu-35 menerde und d[er] Treibſcherben.
Verbirg mir ja nichts je über meinen Bruder! Jeder Vorhang
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auf einmal Ja zu ſagen (was ich mit der Mutter ihr oft vorhielt) und
die Räſonnierſucht: ſo hats den Teufel geſehen. Das merk’ ich aber 5
wohl, wenn mein Ehebette endlich einmal Bett’bretter bekommen ſol,
daß ich nicht ſo fort wie bisher von jedem neuen Mädgen alle die
Vorzüge fodern darf, die alle meine alte zuſammen beſeſſen. —
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„Schlegel.“ Ich würde ohnehin nie meine Zeit und mein Herz
durch Schreiben gegen einen Menſchen verderben: ſondern nicht einmal 10
beiliegendes Blat wird gedrukt, da der elende furchtſame Nachtigal es
nicht aufzunehmen wagte. Aber es war nicht von meiner Vertheidigung
ſondern von dem Damme die Rede, den ich ſeinen Grundſäzen ent-
gegenbauen könte.
„Wieland in Merkur von Kampaner Thal“ Lauter Lügen von 15
Hennings. Es iſt unbedeutend und von Böttiger, der mich mehrmals
rezenſiert; auch in der Götting[iſchen], Gothaiſchen Zeitung bin ich
angezeigt, aber ich ſah jene ſelber nicht. Wer wil mir mit ſeinem Sauls
Spieſſe nachkommen, da ich jezt, nach Wielands Glauben ſelber, das
gröſte Publikum habe? 20
Dein neues Zeidelmeſſer, das dir aus jeder fremden Honigtafel
Scheiben ſchneidet, ſtecke nie ein; mich freuet es innig wie deine ganze
jezige Stimmung. Seze jeder weichen — ſchon deiner Bruſt wegen
— frühe Schranken. — Dein vortrefliches Urtheil über Glük und
Verdienſt war immer meines, und nur mit der ſtolzen Blindheit einer 25
Berlepsch oder einer Frau kan man klagen. Auch ich habe mir die Eier
ſelber gelegt, die mir das Schikſal an den Kopf wirft oder woraus
Baſiliſken kriechen. Auch bei meinem armen Bruder hab’ ich einige
Schuld (weniger des Herzens als Verſtandes) — Mit Göthe ſtrit ich
für deinen Saz der Weltfortſchreitung — „Umſchreitung müſſen wir 30
ſagen“ ſagt er. A priori folgts aus der Vorſehung; aber nicht in jedem
a posteriori iſt der Fortſchrit zu zeigen, wenigſtens nicht in den gal-
liſchen Fortſchritten.
Auch die geleſene Wahrheit mus man hinterher erſt ſelber erfinden.
Die Gehirnhölen ſind volle Samen-Düten; das Gefühl erſt die Blu- 35
menerde und d[er] Treibſcherben.
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 103. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/112>, abgerufen am 23.09.2024.
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