zerlöchert sich am Ende doch; und überhaupt gehört einer nur für Pazienten, nicht Gesunde.
Über die Palingenesien bist du viel zu kurz, zumal da der senti- ment[ale] Theil einige nicht grundlose Anklagen von Oertel und Thie- riot erhielt, wiewohl Herder ihn billigte. Aber die Hauptsache ist,5 daß ich für Buchhändler Feind auf die Ostermesse 99 (der Titan komt mit 4 Bänden erst zur Ostermesse 1800 heraus, weil die 2 Filial- und Supplementbände wieder eine, der titanischen entgegengesezte Fix- leinische, und mich und den Leser erholende Historie enthalten) schreibe: J. P.Briefe (fals ich diesen Schwanz nicht abhacke) "samt einem10 "kurzen Abris seiner zukünftigen Avantüren." Die Idee ist neu. Ich beschreibe meine wahre künftige (muthmasliche) Geschichte, Heirath, Haushalt, Alter, Tod als künftig, in Briefen an -- dich. Erlaubst du mir freilich deinen Namen nicht -- weil er dabei nur ein Mittel ist, welches aber mein Ich noch mehr ist -- so mus ich ihn leider traurend15 weglöschen und ich weis keinen andern wahren. Denn wahr ist alles darin insofern ich meine Entschlüsse und Wünsche male (da ich doch einmal mein vergangnes Leben schreibe). Dein Schweigen halt' ich für Ja auf meine Bitte. -- Es stehen auch Briefe über andere Dinge darin. -- Mit höchstem Feuer koch' ich das aus; und mit höherm als20 der armen Hermina in der Nähe der Berlepsch zu Gute kommen konte.
"Das Taschenbuch Hermina" hat ein D. Fischer, der mir 100 Du- katen für den Gebrauch meines Namens anbot und der die Erlaubnis "supplierte" als ich abwesend nicht gleich antworten konte, auf seiner Seele als Lüge.25
Den Vorsaz meiner Emigrazion trug ich seit der brüderlichen herum und er trieb mich auf meine Reisen. Ich kan Weimar nicht entrathen, und wärs blos Herders wegen. -- Heute Abends bin ich bei dem Weissenf[elsischen] Hardenberg und vor Sidoniens herlichem Blik. --
[114]Tausend Dinge hätt' ich noch; aber deine Freundinnen sind auch30 da. -- An Räsonnieren ist vor lauter verdamter Historie gar nicht mehr zu denken. Lebe froh fort, und drücke deinem Senior die redliche Hand für mich!
136. An Christian Otto.
Leipzig d. 9. Oct. 98.35
Lieber Otto! Ein fremder Brief ist ein schöner Faden in der Antwort
zerlöchert ſich am Ende doch; und überhaupt gehört einer nur für Pazienten, nicht Geſunde.
Über die Palingeneſien biſt du viel zu kurz, zumal da der ſenti- ment[ale] Theil einige nicht grundloſe Anklagen von Oertel und Thie- riot erhielt, wiewohl Herder ihn billigte. Aber die Hauptſache iſt,5 daß ich für Buchhändler Feind auf die Oſtermeſſe 99 (der Titan komt mit 4 Bänden erſt zur Oſtermeſſe 1800 heraus, weil die 2 Filial- und Supplementbände wieder eine, der titaniſchen entgegengeſezte Fix- leiniſche, und mich und den Leſer erholende Hiſtorie enthalten) ſchreibe: J. P.Briefe (fals ich dieſen Schwanz nicht abhacke) „ſamt einem10 „kurzen Abris ſeiner zukünftigen Avantüren.“ Die Idee iſt neu. Ich beſchreibe meine wahre künftige (muthmasliche) Geſchichte, Heirath, Haushalt, Alter, Tod als künftig, in Briefen an — dich. Erlaubſt du mir freilich deinen Namen nicht — weil er dabei nur ein Mittel iſt, welches aber mein Ich noch mehr iſt — ſo mus ich ihn leider traurend15 weglöſchen und ich weis keinen andern wahren. Denn wahr iſt alles darin inſofern ich meine Entſchlüſſe und Wünſche male (da ich doch einmal mein vergangnes Leben ſchreibe). Dein Schweigen halt’ ich für Ja auf meine Bitte. — Es ſtehen auch Briefe über andere Dinge darin. — Mit höchſtem Feuer koch’ ich das aus; und mit höherm als20 der armen Hermina in der Nähe der Berlepsch zu Gute kommen konte.
„Das Taſchenbuch Hermina“ hat ein D. Fiſcher, der mir 100 Du- katen für den Gebrauch meines Namens anbot und der die Erlaubnis „ſupplierte“ als ich abweſend nicht gleich antworten konte, auf ſeiner Seele als Lüge.25
Den Vorſaz meiner Emigrazion trug ich ſeit der brüderlichen herum und er trieb mich auf meine Reiſen. Ich kan Weimar nicht entrathen, und wärs blos Herders wegen. — Heute Abends bin ich bei dem Weissenf[elsischen] Hardenberg und vor Sidoniens herlichem Blik. —
[114]Tauſend Dinge hätt’ ich noch; aber deine Freundinnen ſind auch30 da. — An Räſonnieren iſt vor lauter verdamter Hiſtorie gar nicht mehr zu denken. Lebe froh fort, und drücke deinem Senior die redliche Hand für mich!
136. An Chriſtian Otto.
Leipzig d. 9. Oct. 98.35
Lieber Otto! Ein fremder Brief iſt ein ſchöner Faden in der Antwort
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zerlöchert ſich am Ende doch; und überhaupt gehört einer nur für
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Über die Palingeneſien biſt du viel zu kurz, zumal da der ſenti-
ment[ale] Theil einige nicht grundloſe Anklagen von Oertel und Thie-
riot erhielt, wiewohl Herder ihn billigte. Aber die Hauptſache iſt, 5
daß ich für Buchhändler Feind auf die Oſtermeſſe 99 (der Titan komt
mit 4 Bänden erſt zur Oſtermeſſe 1800 heraus, weil die 2 Filial- und
Supplementbände wieder eine, der titaniſchen entgegengeſezte Fix-
leiniſche, und mich und den Leſer erholende Hiſtorie enthalten) ſchreibe:
J. P. Briefe (fals ich dieſen Schwanz nicht abhacke) „ſamt einem 10
„kurzen Abris ſeiner zukünftigen Avantüren.“ Die Idee iſt neu. Ich
beſchreibe meine wahre künftige (muthmasliche) Geſchichte, Heirath,
Haushalt, Alter, Tod als künftig, in Briefen an — dich. Erlaubſt du
mir freilich deinen Namen nicht — weil er dabei nur ein Mittel iſt,
welches aber mein Ich noch mehr iſt — ſo mus ich ihn leider traurend 15
weglöſchen und ich weis keinen andern wahren. Denn wahr iſt alles
darin inſofern ich meine Entſchlüſſe und Wünſche male (da ich doch
einmal mein vergangnes Leben ſchreibe). Dein Schweigen halt’ ich
für Ja auf meine Bitte. — Es ſtehen auch Briefe über andere Dinge
darin. — Mit höchſtem Feuer koch’ ich das aus; und mit höherm als 20
der armen Hermina in der Nähe der Berlepsch zu Gute kommen konte.
„Das Taſchenbuch Hermina“ hat ein D. Fiſcher, der mir 100 Du-
katen für den Gebrauch meines Namens anbot und der die Erlaubnis
„ſupplierte“ als ich abweſend nicht gleich antworten konte, auf ſeiner
Seele als Lüge. 25
Den Vorſaz meiner Emigrazion trug ich ſeit der brüderlichen herum
und er trieb mich auf meine Reiſen. Ich kan Weimar nicht entrathen,
und wärs blos Herders wegen. — Heute Abends bin ich bei dem
Weissenf[elsischen] Hardenberg und vor Sidoniens herlichem Blik. —
Tauſend Dinge hätt’ ich noch; aber deine Freundinnen ſind auch 30
da. — An Räſonnieren iſt vor lauter verdamter Hiſtorie gar nicht
mehr zu denken. Lebe froh fort, und drücke deinem Senior die redliche
Hand für mich!
[114]
136. An Chriſtian Otto.
Leipzig d. 9. Oct. 98. 35
Lieber Otto! Ein fremder Brief iſt ein ſchöner Faden in der Antwort
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 104. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/113>, abgerufen am 23.09.2024.
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